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Nicht nur Zauberflöte & Fledermaus

Robert Meyer, Direktor der Wiener Volksoper, über die kommende Saison an seinem Haus, über Kassenschlager, Experimente - und das nach wie vor schwierige Genre Operette.

Mit Strauß und Strauss, nämlich "Wiener Blut“ und "Salome“, geht die Wiener Volksoper in ihre neue Saison, die auch sonst Bemerkenswertes bietet. Wie Sondheims berühmtestes Musical oder einen neuen "Bajazzo“, nicht wie üblich mit "Cavalleria rusticana“ kombiniert, sondern einem weit weniger bekannten Musiktheater von Hans Werner Henze.

DIE FURCHE: Herr Meyer, Sie gehen in Ihre fünfte Saison als Direktor der Wiener Volksoper. Wie bilanzieren Sie Ihre bisherige Direktionszeit?

Robert Meyer: Einfach war es nicht, aber es war ungemein schön und aufregend, und zwar jedes einzelne Jahr. Es kommt immer darauf an, was wir dem Publikum bieten. Man sieht in vier Jahren, worauf das Publikum reagiert, was es besonders gerne sieht, wo es eher wegbleibt. Das wird mich aber nicht abhalten, immer wieder Stücke zu spielen, die nicht "Fledermaus“ oder "Zauberflöte“ heißen - sondern auch wie etwa in der Vergangenheit "Der Evangelimann“, "König Kandaules“. Oder auch "Die Lustigen Nibelungen“, obwohl sie einst ein Publikumsrenner waren. Es sind Titel, die das Publikum nicht so kennt, daher auch nicht so annimmt. Es ist eben wie im Supermarkt: Was man nicht kennt, nimmt man nicht aus dem Regal.

DIE FURCHE: Wie war zuletzt die Auslastung der Volksoper?

Meyer: Ich habe bei meinem Amtsantritt gesagt, ich möchte einen Achter vorne stehen haben, das haben wir in allen vier Jahren geschafft.

DIE FURCHE: Was waren die größten Kassenschlager, wo ist das Publikum nicht so mitgegangen, wie Sie es sich erwartet haben?

Meyer: Kassenschlager sind vor allem Musicals. Das waren in erster Linie "Guys and Dolls“, "Hello, Dolly!“, das ist immer "My Fair Lady“. Aufregend, aber weniger ein Kassenschlager, da wir für Kinder bis zum 15. Lebensjahr eine 75-Prozent-Ermäßigung bei allen Vorstellungen haben, war "Antonia und der Reißteufel“, wo wir viele zusätzliche Vorstellungen gespielt haben.

DIE FURCHE: Die Volksoper ist doch in erster Linie ein Opern- und Operettenhaus und verdient beim Musical am meisten?

Meyer: Ja, die Operette hängt immer noch etwas nach. Ich habe gehofft, dass die Operette in diesen vier Jahren mehr Anerkennung bekommt, das hat sie zum Teil schon, aber noch nicht in dem Ausmaß, wie ich es mir wünsche.

DIE FURCHE: Kommen wir zum neuen Saisonprogramm, es ist wiederum eine Mischung aus Oper, Operette, Musical, die sich wohl nicht zufällig so ergeben hat …

Meyer: Nein, wir programmieren immer zwei neue Operetten, zwei Opern, ein Musical, meistens zwei Ballettneuproduktionen - diesmal ist es eine. Dazu kommt eine konzertante Produktion, weil wir in der Vergangenheit mit "South Pazific“ einen solchen Erfolg hatten, dass wir es dann noch einmal ins Programm nehmen mussten. Wir starten die Saison mit einer Operette, die zum Kernrepertoire der Volksoper gehört und schon länger nicht mehr hier zu sehen war: Johann Strauß’ "Wiener Blut“. Einem anderen Strauss, nämlich Richard, gilt die nächste Premiere: "Salome“, die bekanntlich in unserem Haus - sieht man von einem Gastspiel der Breslauer Oper im Volkstheater ab - ihre Wiener Erstaufführung erlebte. Dann kommt "Volksoper tierisch“ mit Prokofjews "Peter und der Wolf“, dem "Karneval der Tiere“ von Saint-Saëns und "Ferdinand, der Stier“ von Alan Ridout, der "Tannhäuser in 80 Minuten“ ersetzt. Wir brauchen ein abendfüllendes Programm vor dem Eisernen Vorhang. Vor den Premieren sind die Proben so intensiv, dass die Zeit für die Einrichtung und Beleuchtung einer üblichen Vorstellung nicht ausreicht. Die Alternative wäre, die Vorstellung entfallen zu lassen. Die März-Premiere von Leoncavallos "Der Bajazzo“ kombinieren wir nicht wie üblich mit "Cavalleria rusticana“, sondern mit Hans Werner Henzes "Wundertheater“. Beide Stücke handeln vom Theater auf dem Theater. Zum Saisonausklang haben wir ein wunderbares Finale mit Leo Falls "Madame Pompadour“ mit Annette Dasch in der Titelrolle.

DIE FURCHE: Welche Musicalpremieren stehen bevor?

Meyer: "Candide“ von Bernstein, und zwar konzertant, denn das Werk lässt sich szenisch sehr, sehr schwer realisieren. Es ist von der Handlung her ungemein kompliziert, hat viele Rollen, braucht einen Erzähler, der werde ich sein, sonst kapiert man das Stück nicht. Das zweite Musical ist nicht konzertant, sondern wird gespielt, es heißt bei uns "Die spinnen, die Römer!“, das berühmteste Musical von Stephen Sondheim, das in Amerika ein unfassbarer Hit war. Der Originaltitel ist so kompliziert, dass ihn sich kein Mensch merken würde: "A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“. Es ist eine Persiflage auf die Sandalenfilme der damaligen Zeit und spielt im alten Rom, wo ein Sklave für seinen Herrn alles tut, damit er die Freiheit erlangt. In Amerika hat diese Rolle zuerst Zero Mostel gespielt, später Whoopi Goldberg. Auch bei uns werden diese Rolle ein Mann und eine Frau spielen, zuerst ich, dann Sigrid Hauser, wenn das Ensemble zu einem großen Teil auf Japangastspiel ist, das wird im Mai 2012 sein. Wir werden dort mit der "Fledermaus“, der "Lustigen Witwe“ und den "Lustigen Weibern von Windsor“ gastieren.

DIE FURCHE: Letzte Saison haben Sie bei Puccinis "Der Mantel“ und "Gianni Schicchi“ Regie geführt. Wie waren Ihre Erfahrungen bei diesem ersten Ausritt in die Oper?

Meyer: Ich habe schon mehrfach Schauspiel und Operette inszeniert. In der Oper gibt es keine Dialoge, keine Spielszenen, es ist alles Musik, man kann nicht nach einem Textbuch, sondern muss nach einem Klavierauszug inszenieren, darauf habe ich mich wahnsinnig gefreut. Es braucht eine sehr gute Vorbereitung, man muss genau wissen, an welcher Stelle man etwas haben will, genau einteilen, ob sich in wenigen Takten eine Aktion ausgeht oder nicht. Ich hatte ein ausgezeichnetes Ensemble und einen wunderbaren musikalischen Leiter mit Enrico Devico, es waren spannende Wochen.

DIE FURCHE: Werden Sie wieder Opernregie am Währinger Gürtel führen?

Meyer: Laut unserer Planung in den kommenden zwei Jahren nicht, ich spreche hier ausdrücklich von Opernregie, aber in der ferneren Zukunft denke ich auf alle Fälle daran, wieder Oper zu inszenieren.

DIE FURCHE: Wien bekommt eine neue Festwochenintendanz, gibt es Pläne für eine Zusammenarbeit, möglicherweise eine Einbindung Ihres Hauses in die Festwochen?

Meyer: Ich habe nur darüber gelesen, dass das Theater an der Wien mit den Festwochen eine Kooperation eingehen will. Das finde ich richtig, denn die Festwochen sind eine Veranstaltung der Stadt Wien, fallen wie das Theater an der Wien unter die Wiener Kulturverantwortung. Merkwürdig fand ich, dass man den Vertrag des neuen Leadingteams auf drei Jahre beschränkt mit der Auflage, dass sie nicht mehr wiederwählbar sind, obwohl man im Musiktheater Jahre vorher programmieren muss. Wenn die Festwochen auf uns zukommen, könnte man sich Gemeinsames ausdenken, ich glaube aber nicht, dass es dazu kommt.

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