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Glanz ohne Macht

Vor 50 Jahren: Wie die Wiener Staatsoper aus den Trümmern wieder aufgebaut wurde.

Nach zehnjähriger Bauzeit und ebenso langer provisorischer Unterbringung im Theater an der Wien und in der Wiener Volksoper war es am 5. November 1955 endlich so weit: mit einem mehrwöchigen Opernfest nahm die Wiener Staatsoper ihren Spielbetrieb im traditionsreichen Haus am Ring wieder auf.

Diese Wiedereröffnung war weit mehr als die Inbetriebnahme eines wiederhergestellten Gebäudes nach Beseitigung kriegsbedingter Schäden, es war ein symbolischer Akt für das wiedererstandene, freie Österreich. (Zum Vergleich: die Bayerische Staatsoper wurde erst 1963 wiedereröffnet, die Dresdner Semperoper sogar erst 1985.) Schon am Bau des von den Architekten August von Siccardsburg und Eduard van der Nüll entworfenen, 1869 eröffneten Hauses hatte die Wiener Bevölkerung regen Anteil genommen und die Entstehung des Prachtbaus zuerst mit Enthusiasmus, später mit Kritik begleitet. Dessen ungeachtet wurde das Opernhaus zum zentralen Symbol des musikalischen Wien; seine Zerstörung gegen Ende des zweiten Weltkriegs traf nicht nur die Wiener Musikfreunde mitten ins Herz. Nur so ist es zu erklären, dass in Zeiten größter Not bereits 1946 damit begonnen wurde, die Ruine der Staatsoper freizulegen und zu sichern. Überlegungen, diese abzureißen und die Oper an anderem Ort völlig neu aufzubauen, verstummten schnell: am gleichen Platz hatte die Wiener Staatsoper wiederzuerstehen, genau nach dem Muster des alten Hauses.

Hoher Symbolwert und ...

"Am 26. Oktober 1955 hatte der letzte sowjetische Soldat Österreich verlassen. Der im Mai des gleichen Jahres zustande gekommene Staatsvertrag, der Österreich nach sieben Jahren der Okkupation durch das nationalsozialistische Deutschland und nach zehn Jahren Besetzung durch die alliierten Siegermächte aus Ost und West seine Souveränität wiedergegeben hatte, war vollzogen. Nur wenige Tage danach feierte das nunmehr wiedererstandene Österreich ein künstlerisches Fest von hohem Symbolwert: das in den letzten Wochen des Krieges durch Bomben zerstörte Wiener Opernhaus am Ring, aus eigener Kraft und nicht zuletzt dank der Spenden vieler Opernfreunde nicht nur wieder aufgebaut, sondern zu einem der modernsten Musiktheater der Welt ausgestaltet, wurde am 5. November mit Beethovens Fidelio festlich eröffnet", so Gottfried Kraus im Booklet der rca-cd-Veröffentlichung von Mozarts Don Giovanni, der zweiten Premiere des Wiener Opernfestes. Es folgte - ebenso wie bei Fidelio und Don Giovanni - unter der musikalischen Leitung von Staatsoperndirektor Karl Böhm eine Premiere der Richard Strauss-Oper Die Frau ohne Schatten, danach unter Rafael Kubelik Verdis Aida, unter Fritz Reiner Wagners Meistersinger von Nürnberg und unter Hans Knappertsbusch Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Ausschnitte aus diesen zur Eröffnung gegebenen Werken werden auch am 5. November in diesem Jahr bei einem tv-übertragenen Festkonzert unter der Leitung von Seiji Ozawa, Zubin Mehta, Christian Thielemann, Daniele Gatti und Franz Welser-Möst erklingen - mit prominenten Solisten, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Geschichte des Hauses nachhaltig geprägt haben (von Plácido Domingo und Agnes Baltsa über Edita Gruberova, Thomas Hampson, Ferruccio Furlanetto, Johan Botha und Franz Grundheber bis hin zu Angelika Kirchschlager und Genia Kühmeier).

Im Verlauf des Opernfestes 1955 gab es auch eine Premiere von Alban Bergs Wozzeck unter Karl Böhm; dieses Werk unter dem jetzigen Staatsopern-Musikchef Seiji Ozawa gehört zu den Oper, die im Rahmen eines Schwerpunkts von wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts unmittelbar im Anschluss des Festkonzertes gespielt werden.

... grobe Schönheitsfehler

Die internationale Presse warf anno 1955 ihren Blick nach Wien: Staunend und bewundern stellte das Ausland fest, dass sich Österreich für die Eröffnung eines Opernhauses mit einem Glanz umgibt, der in keinem Verhältnis zur politischen Machtposition des Landes steht. Von "Sternstunden der Musik" sprachen die Berichterstatter über die Aufführungen, von einer "Wabe klingender Träume" über das baulich und akustisch gelungene Haus, von der "Musical Coronation" über das Opernfest.

Es war ein gesellschaftlich hochrangiges, für das Image des Landes enorm wichtiges Ereignis - allerdings mit beträchtlichen Schönheitsfehlern. Zum einen wurden die horrenden Eintrittspreise von bis zu 5.000 Schilling beklagt (womit die "breite Masse" von der Wiedereröffnung ausgeschlossen, zu "Zaungästen" degradiert wurde, obwohl die beträchtliche Bausumme von 260 Millionen Schilling vor allem durch Steuereinnahmen aufgewendet wurde), zum anderen die künstlerische Bilanz, vor allem in szenischer Hinsicht. Direktor Böhm hatte es versäumt, Regisseure von Rang für die Operneröffnung einzuladen, optisch wurde (schon damals) veraltetes Theater geboten, die Möglichkeiten der modernsten Bühnentechnik Europas so gut wie nicht genutzt.

Bald schon wurde von einem Opernfest "der versäumten szenischen Möglichkeiten" gesprochen, doch der eigentliche Katzenjammer sollte erst folgen. Die Stars der gut geprobten Festaufführungen reisten ab und sogar der Operndirektor verabschiedete sich, um Auslandsgastspiele in Amerika zu geben. Karl Böhm hatte zwar zuvor bekundet, dass das Niveau eines Opernhauses nicht nach Festaufführungen zu messen sei, sondern nach dem Tagesrepertoire, genau dafür hatte er aber nicht vorgesorgt.

Eröffnungsfest und Alltag

Mit den Eröffnungsopern allein war kein Spielplan zu bestreiten, also wurden nach und nach Produktionen aus dem Theater an der Wien ins Haus am Ring übernommen. Doch womit man im kleinen Haus an der Wien Staat machen konnte, wirkte nun auf der großen Staatsopernbühne dürftig und behelfsmäßig - und es fehlte an großen Sängerpersönlichkeiten, um den tristen Opernalltag aufzuhellen. Als Karl Böhm nach fast drei Monaten Absenz nach Wien zurückkehrte, bekam er den Unmut des Opernpublikums zu spüren - seine Demission war die Folge.

Hinter dem Rücken von Karl Böhm waren allerdings längst schon die Fühler nach dem Nachfolger ausgestreckt worden: Herbert von Karajan. Noch in der Saison 1955/56 gastierte er mit den Kräften der Mailänder Scala an der Wiener Staatsoper als Dirigent und Regisseur von Donizettis Lucia di Lammermoor mit Maria Callas in der Titelrolle - ein Triumph bei Publikum und Presse, mit dem die erste Spielzeit der wiedereröffneten Wiener Staatsoper doch noch zum Abschluss einen musikalisch fulminanten Höhepunkt erhielt.

Mit Herbert von Karajan zog das im Wesentlichen bis heute praktizierte System international gastierender Gaststars in die Wiener Staatsoper ein, die Zeit eines ständigen Ensembles schien vorüber (wobei zu bemerken ist, dass das legendäre "Wiener Mozart Ensemble" schon in den letzten Jahren im Theater an der Wien Auflösungstendenzen zeigte; es war bedingt durch die eingeschränkten Reisemöglichkeiten nach dem Krieg und die glückliche Konzentration hervorragender Sänger und Dirigenten in Wien).

Gaststars oder Ensemble?

Mit der Diskussion, ob Ensembletheater zweckführend und zeitgemäß sei, hatten sich auch alle Staatsoperndirektoren nach Herbert von Karajan zu beschäftigen - bis hin zu Ioan Holender, dem derzeitigen Staatsoperndirektor (seit 1992). Noch gemeinsam mit dem früh verstorbenen Eberhard Waechter hatte er sich, anders als manche seiner Vorgänger, für den Ensemblegeist und das Repertoiretheater stark gemacht - in der Durchführung allerdings mit wesentlichen Unterschieden zu den 40er und 50er Jahren. Damals begannen viele junge Sänger und Sängerinnen von Wien aus ihre internationale Karriere, um jedoch stets nach längeren oder kürzeren Auslandsgastspielen an ihr Stammhaus Wien zurückzukehren; Ioan Holender hat dagegen eine Vielzahl großer Talente entdeckt und in Wien präsentiert; mit Stolz darf er feststellen, wie viele Weltkarrieren während seiner Direktionszeit von Wien ihren Anfang genommen haben - wie schade jedoch, dass viele dieser Künstler und Künstlerinnen viel zu selten an die Staatsoper zurückkehren.

Burg und Oper

Die Wiedereröffnung des Burgtheaters und der Staatsoper 1955, im Jahr des Staatsvertrages, waren Kulturrituale von hoher Symbolkraft und staatlich inszenierte Manifestationen der kulturellen Identität Österreichs. Eine gute Gelegenheit, diese Rituale und ihre Vorgeschichte zu studieren bietet die Ausstellung des Österreichischen Theatermuseums mit zahlreichen Fotos, Dokumenten, Bühnenbildern, Rollenfotos und Künstlerporträts, die ausschließlich aus den eigenen Beständen stammen.

Die Ausstellung dokumentiert jedoch nicht nur Wiederaufbau und Neueröffnung der beiden Häuser am Ring, sondern geht zurück bis zur Eröffnung des Hof-Operntheaters im Jahr 1869 und des Hof-Burgtheaters 1888. So macht sie ein großes Kapitel österreichischer Theater- und Musikgeschichte lebendig und nachvollziehbar.

Aus Burg und Oper

Die Häuser am Ring von ihrer

Eröffnung bis 1955

Österreichisches Theatermuseum

Lobkowitzplatz 1, 1010 Wien

www.theatermuseum.at

Bis 6. November Di-So 10-18 Uhr

Der Katalog wurde von Ulrike Dembski, Vana Greisenegger-Georgila, Barbara Lesák und Christine Mühlegger-Henhapel herausgegeben und ist im Verlag Christian Brandstätter erschienen. 80 Seiten. brosch., e 19,90

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