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Dieser Abend hat Längen, gefährliche Längen …

Ohne den erwarteten Erfolg blieb die "Capriccio“-Wiederaufnahme in der Staatsoper. Nicht zuletzt wegen des debütierenden Dirigenten Christoph Eschenbach.

Tempi sind ein wesentlicher Gradmesser für die Stimmigkeit und Überzeugungskraft einer Vorstellung. Im Theater wie im Konzert. Und erst recht im Musiktheater, wie man immer wieder erfahren kann. Zuletzt im Haus am Ring. "Capriccio“, eine Oper über die Entstehung einer Oper, die sich zentral um die Frage dreht, ob dem Ton oder dem Wort der Vorrang gebühre, ohne sich dabei zu einer Antwort aufschwingen zu können, zählt zu den sperrigeren Stücken von Richard Strauss. Und weil sich mit anderen seiner Werke einfacher und nachhaltiger Erfolg haben lässt, führt dieses "Konversationsstück für Musik in einem Aufzug“, wie diese letzte Strauss-Oper im Untertitel lautet, eher ein Schattendasein.

Faszinierendes Vexierspiel

Auch an der Staatsoper kann man die bisherigen Neuproduktionen an den Fingern einer Hand abzählen. 1944 erfolgte die Staatsopernerstaufführung mit Karl Böhm am Pult und Maria Cebotari als Gräfin in einer Inszenierung von Rudolf Hartmann. 1951 im Theater an der Wien als Ausweichquartier der Staatsoper, 1960 und zuletzt 2008 gab es Neuinszenierungen. Letztere wurde nun wiederaufgenommen. Wenigstens szenisch hat sie ihren Charme bewahrt. Marco Arturo Marellis Bühnenlösung fasziniert nach wie vor: mehrere mit Spiegeln drapierte Dreieckstürme, die auf das hier auf die Bühne gebrachte pointierte vexierhafte Spiel verweisen, unterstützt von den gleich stilvollen, prächtigen Kostümen seiner Frau Dagmar Niefind. All dies in die gleichfalls von Marelli verantwortete Regie gebettet, die nichts dem Zufall überlässt. Denn sie konfrontiert auf subtile wie eindringliche Weise mit der Psychologie der als ausgeprägte Charaktere präsentierten Protagonisten.

Erarbeitet wurde diese szenische Lösung mit Philippe Jordan, mittlerweile Musikdirektor der Pariser Oper und ab Saisonbeginn Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Gemeinsam hatten sie sich für die Fassung mit Pause entschieden, was zu unterschiedlichen Spannungskurven führte. Wohl ein Grund, weshalb man nunmehr die pausenlose Version wählte. Zweieinviertel Stunden hat Richard Strauss dafür vorgesehen. Wohl mit gutem Grund. Sonst gerät die Musik in Gefahr langatmig zu werden, die Aufführung an Dichte, schließlich auch an Aussage zu verlieren. Hat man dies diesmal nicht bedacht? Christoph Eschenbach, der damit sein spätes Dirigentendebüt an der Staatsoper (wo er im Herbst eine neue "Zauberflöte“ dirigieren wird) beging, entschied sich für eine epische, sehr detailbezogene Interpretation, die bald Züge von Langweiligkeit entwickelte und den Darstellern einiges an ungewohnt langem Atem abverlangte.

Entsprechend waren die Folgen. Bald zog sich der Abend dahin, was weder die zumeist mit subtilen Valeurs aufwartenden Mitglieder des Staatsopernorchesters noch die Sänger verhindern konnten. Noch dazu, weil sie mit unterschiedlichem Niveau aufwarteten. Wie schon seinerzeit gab Bo Skovhus einen etwas polternden Grafen, Michael Schade einen wortdeutlichen, in der Höhe nicht immer strahlenden Flamand, Markus Eiche (anstelle der seinerzeitigen Premierenbesetzung Adrian Eröd) einen rundum prägnanten, persönlichkeitsstarken Olivier. Souverän die kleinstimmige, umso kultivierter phrasierende und nobel artikulierende Gräfin von Renée Fleming, untadelig Angelika Kirchschlager als Clairon.

Schrulliger Impresario

Und der als eine Art Drahtzieher im Hintergrund agierende, durchaus dem Don Alfonso in Mozarts "Così fan tutte“ vergleichbare Theaterdirektor La Roche? Schon bei der Premiere dieser Produktion mit Franz Hawlata ungenügend besetzt, erwies sich die Neubesetzung auch nicht als besser. So glaubhaft er die Schrulligkeit dieses Impresarios demonstrierte, so sehr mühte sich Kurt Rydl (auch das ein Rollendebüt) um den stimmlichen Anforderungen seiner Partie wenigstens einigermaßen entsprechen zu können.

Capriccio

Wiener Staatsoper

27. Juni

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