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Hoffen auf den nächsten Festspielsommer

1945 1960 1980 2000 2020

Charles Gounods "Faust" galt die letzte der Musiktheaterpremieren bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr. An der durchwachsenen Sommerbilanz der Festspiele hat diese Produktion unter der musikalischen Leitung von Alejo Pérez nichts geändert.

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Charles Gounods "Faust" galt die letzte der Musiktheaterpremieren bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr. An der durchwachsenen Sommerbilanz der Festspiele hat diese Produktion unter der musikalischen Leitung von Alejo Pérez nichts geändert.

Zwischen zwei Intendanzen arbeiten zu müssen, ist immer ein undankbares Geschäft. Zum einen muss man verwirklichen, was der Vorgänger hinterlassen hat. Zum anderen gilt es Rücksicht nehmen, welche Wünsche der eigene Nachfolger hat. Sven-Eric Bechtolf war deshalb vergangenen und ist diesen Salzburger Festspielsommer um seine Intendanz nicht zu beneiden. Noch dazu, wo er auch noch aus finanziellen Umständen gezwungen war, um einiges weniger üppig zu programmieren als es der längst als Mailänder Scala-Chef amtierende Alexan der Pereira vor ihm getan hatte.

An den Grenzen der Möglichkeiten

Bechtolf schien diese Herausforderung nicht genug. Er wollte seine auf fünf Jahre angelegte, unter Pereira begonnene Tätigkeit als Schauspielchef der Festspiele nicht vernachlässigen, und darüber hinaus noch Zeit für die eine oder andere Regie und Aufgabe als Schauspieler finden. Auch andere hätte ein solches Mammutprogramm an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gebracht. Wundert es da, wenn einiges unter den Erwartungen blieb? Bei einem Festival allerdings, das zu Recht als das weltführende gelten darf. Bedauerlich, dass es auch diesen Sommer seinen Kernbereich betraf: das szenische Musiktheater. Das war stets die besondere Attraktion, mehr noch: von Beginn an das Herzstück der Festspiele.

Nicht, dass man sich nicht um ein spezifisches Profil zumindest bemüht hatte. Aber das Konzept am Papier ist das eine, die Realisierung das andere. Schon die vom Komponisten dirigierte Thomas Adès-Uraufführung "The Exterminating Angel" erwies sich als musikalisch ziemlich flach und szenisch oberflächlich. Schier unverständlich ist, weshalb man sich bei "Die Liebe der Danae" eine zum Stück unpassende, sich in kaum mehr als kunstgewerblichen Märchenfantasien ergehende Inszenierung von Alvis Hermanis hat gefallen lassen. Das konnten weder die phänomenale Hauptdarstellerin Krassimira Stoyanova noch die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst vergessen machen.

Bei Bechtolfs - sängerisch mittelmäßig, damit ganz und gar nicht festspielmäßig besetzter - inszenierten neuen "Così fan tutte" fühlte man sich gar in die Mitte des vorigen Jahrhunderts versetzt, so altmodisch näherte er sich diesem Sujet, noch dazu ohne klare Aussage. Da hätte er gleich seine 2013 gezeigte Version dieser Mozart-Oper nochmals ins Programm nehmen können.

"Faust" mit wenig Festspielformat

Zwischen klinisch-nüchtern und einem Hauch persiflierter Gartenlaubenromantik legte Reinhard von der Thannen sein von einer Art ORF-Auge dominiertes Bühnenbild für Gounods "Faust" an. Den versuchte er ohne entsprechende Personenregie, dafür in einer Art zwischen den Zeiten changierender beliebiger Revue mit skurril gewandeten Darstellern zu realisieren. Wenigstens Piotr Beczalas Faust und Ildar Abdrazakovs Méphistofélès, mit Abstrichen Maria Agresta als Marguerite und Alexey Markov als Valentin an der Spitze eines harmonisch aufeinander abgestimmten Ensembles hatten Festspielformat. Nicht jedoch der bestenfalls koordinierende Dirigent Alejo Pérez, der entsprechend wenig aus den Wiener Philharmonikern herausholte.

Das detaillierte Programm des kommenden Festspielsommers, damit der ersten Saison der neuen Intendanz von Markus Hinterhäuser wird im Herbst präsentiert. Nach dem, was bisher bekannt ist, scheint man aber kommendes Jahr dem Musiktheater wieder seinen gebührenden, nämlich zentralen Platz einzuräumen. Sind doch dafür avisiert: "La clemenza di Tito" von Mozart mit dem unkonventionellen Leadingteam Teodor Currentzis-Peter Sellars, Verdis "Aida" unter Riccardo Muti und der erstmals Opernregie führenden iranischen Filmemacherin Shirin Neshat, Bergs "Wozzeck" in der Regie von William Kentridge mit Matthias Goerne in der Titelrolle, Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" mit Mariss Jansons als Dirigenten oder Aribert Reimanns Klassiker "Lear" unter Franz Welser-Möst.

Salzburg sollte damit wieder an seine große Zeiten anknüpfen können. Geht es doch hier, wie schon diese kursorische Aufzählung zeigt, genau um das, was Festspiele, notabene allererste, sein sollen: nicht allein die Präsentation großer Namen, sondern ebenso ungewohnte, durchaus gewagte Besetzungskombinationen in einem breit gefächerten stilistischen Rahmen. Ob all das aufgehen wird, kann man erst nach Ende des kommenden Festspielsommers beurteilen. Der Beliebigkeit der diesjährigen Festspielplanung steht für kommenden Sommer ein klares Konzept gegenüber. Allein das lässt mehr als nur hoffen.

Faust

Salzburg, Gr. Festspielhaus, 23., 26., 29. August

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