Ab 2012 wird Alexander Pereira die Geschicke der Salzburger Festspiele lenken. Wohin er sie führen, mit welchen Programmen er aufwarten wird, sind nicht die einzigen offenen Fragen an der Salzach.

Nicht jede Planung geht auf. Selbst minuziöse Überlegungen schützen nicht vor Überraschungen. Oder hätte jemand gewettet, dass Jürgen Flimm von einer der begehrtesten Positionen, die das internationale Kulturleben offeriert, so ohne Weiteres Abschied nehmen würde? So aber ist es gekommen: Die Einladung Daniel Barenboims, Intendant an der Berliner Linden-Oper zu werden, schien ihm lukrativer, als seinen bis Sommer 2011 dauernden Vertrag als Intendant der Salzburger Festspiele zu erfüllen. Zuerst ließ er verlauten, dass er diesen nicht verlängern werde. Dann rückte er mit dem Berliner Angebot heraus. Schließlich legte er nach, dass er im Sommer 2011 nicht mehr vonnöten sein werde, da er ohnedies längst alles bis ins Detail geplant habe. Einem vorzeitigen Ausstieg ab Herbst 2010 stehe – wenigstens aus seiner Sicht – nichts im Wege.

Man würde Flimm, einst Intendant am Hamburger Thalia Theater, später der Ruhr Triennale, in der Ära Ruzicka einige Jahre Schauspielchef der Salzburger Festspiele, zudem seit Jahrzehnten einer der international viel gefragten Regisseure, unterschätzen, meinte man, er habe nicht gewusst, was er mit solchen Entscheidungen an Stürmen der Entrüstung entfachen würde. Aber wer Vieles will, muss Vieles wagen. Tatsache ist: Bis jetzt ist nicht definitiv entschieden, wann, ob und wie Flimm aus seinem Salzburger Vertrag aussteigen kann. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sich eine Lösung finden wird, dass er zeitgerecht sein Berliner Engagement antreten kann. Ob Jürgen Flimm dann noch Zeit finden wird, im Sommer 2011 in Salzburg vorbeizuschauen?

Aber Beispiele für Omnipräsenz in solchen Positionen gibt es längst zur Genüge. Man denke an die zahlreichen Dirigenten, die Chefs zweier Orchester sind, daneben ein Festival leiten und auch noch Zeit finden, zusätzliche lukrative Auftritte zu absolvieren. Auch Klaus Bachler gelang, wie man noch frisch in Erinnerung hat, das Kunststück, das Wiener Burgtheater und die Bayerische Staatsoper München eine Saison lang gleichzeitig zu führen.

Im dritten Anlauf geschafft

Wie geht es in Salzburg weiter? Wenigstens für 2012 ist die Intendantenfrage gelöst: Alexander Pereira, Wiener des Jahrgangs 1947, hat es beim dritten Anlauf geschafft. Wohl, weil er – wie er selbst unumwunden zugab – längst nicht mehr damit gerechnet hatte. 1989 hätte es eine erste Möglichkeit gegeben. Salzburg entschied sich für Mortier, der begeisterte Rennpferdbesitzer ging an die Zürcher Oper, holte bald Franz Welser-Möst als Chefdirigenten und erwies sich als auch finanziell überaus glücklich agierender Impresario.

Ein zweites Mal ergab sich die Chance nach dem Abgang von Gerard Mortier. Peter Ruzicka oder Alexander Pereira hieß es damals. Ruzicka, der nur eine Periode in Salzburg bleiben sollte, machte das Rennen. Pereira scheiterte, nicht zuletzt, weil er sich wenig diplomatisch über ein Herzstück der Festspiele geäußert hatte: die Wiener Philharmoniker. Möglich, dass dabei im Unbewussten die Enttäuschung mitschwang, dass es ihm während seiner Zeit als Generalsekretär des Wiener Konzerthauses nicht gelungen war, das Orchester so an dieses Haus zu binden, wie es seinen späteren Nachfolgern geglückt ist.

Heuer klappte es. Und das trotz durchaus heftigen medialen Gegentrommelfeuers. Denn so manchem Medium gefiel gar nicht, welches Trio die Findungskommission unter Vorsitz der Intendantin des Innsbrucker Landestheaters, Brigitte Fassbaender, dem mächtigen Festspielkuratorium vorgeschlagen hatte: den beim Hollandfestival erfolgreichen, hierzulande ziemlich unbeschriebenen Pierre Audi, den als Musikchef der Wiener Festwochen nie wirklich heimisch gewordenen Chef der Mailänder Scala, Stéphane Lissner, und Pereira, dessen Zürcher Vertrag mit der Saison 2011/12 endet. Noch kurz vor der Kür wünschte sich mancher einen vierten Kandidaten. Zu spät.

Die Entscheidung Mitte Mai fiel rasch und einhellig. Folgt man den Kommentaren, waren wohl alle zufrieden. Pereira, der von einem „unwahrscheinlich schönen Geschenk“ sprach, wieder in der Heimat arbeiten zu dürfen, Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, die sich angesichts von Pereiras Sponsorengeschick bereits freut, mit ihm diese Verantwortung teilen zu können. Kunstministerin Claudia Schmied bezeichnete Pereira als „erfahrenen und versierten Kunstkenner“. Für Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden war Pereira immer schon der „Wunschkandidat“, für die Kuratoriumsvorsitzende Wilhelmine Goldmann ist er „Garant für eine sichere Fahrt durch schwierige Zeiten“.

Wohin wird Pereira das Salzburger Schiff steuern, noch dazu in der kurzen Zeit, die ihm dafür verbleibt? Pereira, man weiß das aus seinen Jahren im Wiener Konzerthaus und in Zürich, ist ein glänzender Improvisator. Aber auch einer, der vor neuen Ideen nicht zurückschreckt. Dabei hat er stets das Ambiente vor Augen, in dem und für das er tätig ist. Was Voreilige schon zum lautstarken Urteil veranlasst hat, er werde einen vorsichtig-kulinarischen Kurs fahren. Schließlich regiere längst auch in der Kunst und Kultur der Sparstift.

Erfolg als Hemmschuh?

Die größte Überraschung der Findungskommission war, dass man den gegenwärtig erfolgreichsten Salzburger Festspielmanager, Konzertchef Markus Hinterhäuser, nicht für die Endauswahl nominiert hatte. Warum, das blieb bis heute unbeantwortet. Weder am Alter noch an der Erfahrung kann es liegen. Dass Erfolg ein Hemmschuh sein soll, will man doch nicht annehmen. Pereira hat nach seiner Kür Hinterhäuser unverzüglich eingeladen, auch unter ihm für das Konzertprogramm verantwortlich zu zeichnen. Er hat mittlerweile abgesagt. Was auch gleich wieder ein Dilemma der gegenwärtigen Festspielkonstruktion offenbart: Der Konzertchef wird auch künftig nicht Mitglied des Direktoriums sein, sondern bleibt diesem als Abteilungsleiter unterstellt. Dabei plant und verantwortet er den Großteil des Programms.

Wohl nicht die einzige personelle Änderung, mit der sich der neue Intendant Pereira herumschlagen wird müssen. Auch vom kaufmännischen Direktor, Gerbert Schwaighofer, heißt es zunehmend, dass er 2012 – er wäre dann 60 – gehen könnte. Dafür ist Pereira beim Schauspiel fündig geworden: Schauspieldirektor wird mit Sven-Eric Bechtolf jener Burgmime mit Salzburg-Erfahrung, den er in Zürich als Regisseur entdeckt hat.

Überhaupt will Pereira seine Programmideen mit einer eher kleinen Gruppe von Künstlern, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitet, realisieren. Staatsoper und Burgtheater wünscht er sich, wie vor Jahrzehnten der Fall, als vorrangige Kooperationspartner. Vorrangig aber geht es ihm um Produktionen und Programme, die von Salzburg ausstrahlen. Nicht Beliebigkeit, sondern Unverwechselbarkeit heißt damit Pereiras – wenn auch nicht so dezidiert ausgesprochenes – Ziel. Noch sind alles Absichtserklärungen. Messen wird man diesen Anspruch, wenn die ersten Projekte vorliegen. Bis dahin gilt es zu warten. Aber manchmal werden Träume wahr. Pereira, vor allem den seit Jahren um ein klares Eigenprofil ringenden Salzburger Festspielen wäre es zu wünschen.

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