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Spiritueller Auftakt der Salzburger Festspiele

Eine einwöchige "Ouverture Spirituelle“ wird heuer erstmals auf die Salzburger Festspiele einstimmen: Neben einer Reihe geistlicher Konzerte debattieren Persönlichkeiten religiöse, ethische und philosophische Fragen.

Wie können Religion und Kultur zur Verständigung Europas beitragen? Unter dem Titel "Europas Ouverture - Religion und Kultur“ befassen sich heuer erstmals Vertreter der Kirchen und der Kultur zum Auftakt der Salzburger Festspiele mit diesen Fragen: Die Gesprächsreihe "Disputationes“ bildet mit der Konzertreihe "Ouverture Spirituelle“ von 20. bis 29. Juli die Einstimmung auf die Festspiele 2012. Um dies alles in das Programm einzubauen, hat der neue Festspielleiter, Alexander Pereira, die Festspiele um eine Woche verlängert. "Ich habe mir schon lange ein Festival geistlicher Musik gewünscht. Die herrlichsten Werke haben die Komponisten für die Kirchen geschrieben, aber oft fehlt das Geld zur Aufführung“, erklärte Pereira anlässlich der Präsentation von "Europas Ouverture“ vorige Woche in Wien. Passend zu den geistlichen Konzerten sind als Überbau Festvorträge und Gesprächsrunden angesetzt. Partner der Festspiele ist das forschungsfördernde Herbert-Batliner-Europainstitut in Salzburg.

Suche nach gemeinsamen Wurzeln

Über diese Zusammenarbeit zeigt sich Neo-Intendant Alexan-der Pereira glücklich: "Thematisch ergänzen wir uns perfekt. Zudem profitieren wir von den hervorragenden Kontakten des Europainstituts überall auf der Welt.“ Gegründet wurde das Herbert-Batliner-Europainstitut in Salzburg 1995, dem Jahr, als Österreich Mitglied der Europäischen Union wurde. Ziel war es, Forschungen zum Thema Europa zu fördern. Bisher lag der Schwerpunkt auf europäischer Geschichte und Recht. Seit vergangenem Jahr konzentriert sich das Institut - vergleichbar einer kopernikanischen Wende, wie der wissenschaftliche Leiter, Erhard Busek, sagte — auf die Erforschung europäischer Kunst und Kultur. Das sei die Identität, die "eigentliche Seele“ Europas. Daher beklagt Busek den Umstand, dass die EU keine kulturellen Kompetenzen habe: "Das halte ich für falsch. Doch um die enge Beziehung von Europa und Kultur sichtbarerer zu machen, bieten sich die Festspiele an“, so Erhard Busek, Präsident des Europainstituts.

Dass die Salzburger Festspiele den passenden Rahmen für die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen bieten, lag auf der Hand. Über Jahrhunderte wirkte die Dominanz der geistlichen Macht in Salzburg entscheidend auf Charakter und Erscheinungsbild der Stadt ein. Es war Max Reinhardt, der die Bedeutung dieser einzigartigen Atmosphäre erkannte, als er Hugo von Hoffmansthals "Jedermann“ seinen Platz vor der Fassade des Doms gab. Mit dem neuen spirituellen Auftakt möchten die Festspiele an diese Tradition anknüpfen. Auch bei den Mozart-Wochen im Feber 2013 will man gemeinsam mit dem Herbert-Batliner-Europainstitut auf eine ähnliche Schiene setzen: "Es wird eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit geistlichen Themen geben“, so Busek.

Die Auftaktveranstaltung am 20. Juli ist ein von FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer in der Großen Aula der Universität moderiertes Gespräch zwischen Kardinal Christoph Schönborn und Rabbiner Arthur Schneier (New York). Im Anschluss an diese "Disputationes“ folgt der musikalische Auftakt der "Ouverture Spirituelle“ mit einer Aufführung von Haydns "Schöpfung“ mit John Eliot Gardiner und den English Baroque Soloists.

Die weiteren Gespräche am 21. Juli stehen unter dem Motto "Schöpfer und Geschöpf“: Es referieren Wissenschaftsminister Karl-Heinz Töchterle, Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sowie der Theologe Hans Weder. Am 25. Juli folgt eine Reihe von Vorträgen zum Thema "Spiritualität in der Kultur“. Gäste wie der Dirigent Franz Welser-Möst oder Hanno Loewy, Präsident des Verbandes der europäischen jüdischen Museen, werden erwartet. Die musikalische Fortsetzung erfolgt mit Händels "Messias“ unter dem Dirigat von Christopher Hogwood und Mozarts "Litaniae“ unter Nikolaus Harnoncour.

Zuversicht des neuen Intendanten

Die "Ouverture Spirituelle“ soll sich nicht nur auf christliche Musik beschränken: Heuer liegt der Fokus auf dem Judentum, 2013 auf dem Buddhismus und 2014 soll ein Islam-Schwerpunkt folgen. Zu Beginn der Festspiele soll ab heuer jedes Jahr das Oratorium "Die Schöpfung“ von Joseph Haydn aufgeführt werden. "Das ist ein sehr stimmiger Auftakt. Die Reflexion über das Woher und Wohin wirft gleichermaßen philosophische und religiöse Fragen auf“, meint Pereira: "Es soll uns nichts Schlimmeres passieren, als jedes Jahr die ‚Schöpfung‘ zu hören.“

Mit dem Kartenverkauf der Festspiele zeigt sich Pereira zufrieden: "Die starke Nachfrage hat wohl mit der Sehnsucht der Menschen zu tun, sich in den Themen wiederzufinden.“ Jedenfalls zuversichtlich zeigte sich Pereira dieser Tage in Wien auch hinsichtlich einer Klärung der zwischen ihm und dem Kuratorium aufgetretenen Differenzen über das Budget. Vielleicht klärt sich einiges bei der Kuratoriumssitzung am 26. Juli. Sicher ist, dass die Festspiele mit einem Ball am 1. September ausklingen.

Das Ende einer Ära für Intendant Pereira

Kunst, Geld und Glamour - so lauteten die Prinzipien der 21-jährigen, vor wenigen Tagen beendeten Intendanz von Alexander Pereira am Zürcher Opernhaus. Der gebürtige Wiener beherrschte alle drei Klaviaturen perfekt - und das selbst im zwinglianischen Zürich, das er "mit viel Wehmut“ verlässt, um die Salzburger Festspiele zu leiten. Glamourös ist die Liste der Stars, die er mit Charme nach Zürich holte: Von Anna Netrebko bis Cecilia Bartoli, von Rolando Villazon bis Thomas Hampson. Mit derart klingenden Namen brachte er die Sponsoren dazu, ihre Börsen zu öffnen. Dazu gehörte auch die weltweit größte Premierenzahl pro Spielzeit. Pereira lukrierte Sponsorengelder von 10 Millionen Franken und mehr pro Saison. In punkto Regie gab es in seiner Ära alles: Banales, Geniales, Verstaubtes und Innovatives. (ein)

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