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Die Freiheit des Empfindens

Der erfolgreiche Pianist Markus Hinterhäuser hat sich intensiv mit der Musik des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Zwischen 1993 und 2001 kuratierte er mit Thomas Zierhofer-Kin das Fes tival "Zeitfluss", das im Rahmen der Salzburger Festspiele der zeitgenössischen Musik eine größere Öffentlichkeit verschaffte. Von 2007 bis 2011 wirkte er als Konzertdirektor der Salzburger Festspiele, 2011 war er kurzfristig als Übergangsintendant eingesetzt worden. In diesem Jahr verantwortet er sein erstes Programm der Wiener Festwochen, ab 2017 kehrt er als Festspiel-Intendant nach Salzburg zurück.

Die Furche: Intendant bei den Salzburger Festspielen, dann Intendant bei den Wiener Festwochen, dann wieder Festspiele. Das klingt doch alles nach einem Traumjob.

Markus hinterhäuser: Die Abfolge Salzburg, Wien, dann wieder Salzburg, doch, das macht mich glücklich. Das passt auch in die Logik meines Lebens. Das hat alles seine Richtigkeit. Salzburg ist sicher der Ort, in dem ich die meiste, und ganz sicher wichtigste Zeit meines Lebens verbracht habe, die drei Jahre Wien sind noch einmal eine Bereicherung für mich. Die Wiener Festwochen sind ganz anders geartet als die Salzburger Festspiele, das bringt neue Erfahrungen, und die Erfahrungen, die ich in Wien sammle, sind möglicherweise für Salzburg wieder interessant.

Die Furche: Wie sehen Sie die Unterschiede? Beide sind Mehrsparten-Festivals.

Hinterhäuser: Man muss allerdings sagen, dass die Festspiele in erster Linie der Musik gewidmet sind. Die Festwochen haben ein deutliches Schwergewicht auf Theater und Performance, die decken die ganze Palette des Theaters ab. In Wien produzieren wir das eine oder andere, in der Menge ist das überschaubar. Die Festwochen funktionieren hauptsächlich als ein Einladungsfestival. Wir schauen uns in der Welt um, was wir für wichtig, für interessant halten. Wir wollen das Angebot nicht verdoppeln, sondern etwas Neues hinzufügen. Die Salzburger Festspiele sind das berühmteste Festival der Welt und sicher ein internationales, ein Festival, wo Dinge entstehen. Das ist ein riesiger Unterschied, sieht man einmal von der finanziellen Ausstattung ab. Die Festwochen finden unter dem Jahr statt. Wien bietet über das ganze Jahr unendlich viel. Salzburg ist ein Festival in der Kategorie von Luzern oder Aix-en-Provence. Die funktionieren in einer Dialektik von Intimität und örtlich begrenzter Öffnung. Solch ein Festival trifft in eine verhältnismäßig kleine Stadt hinein, und damit muss man erst einmal umgehen.

Die Furche: Die Festwochen sind ein Festival bevorzugt für die Wiener?

Hinterhäuser: Ja, in erster Linie für Wien und die Wiener, die Festspiele als ein Festival für die Salzburger würde sich nicht ausgehen, es gibt eine Disproportionalität von Angebot und Publikum. Deshalb ist man total abhängig von einem Publikum, das aus der ganzen Welt kommt.

Die FurChe: Sie machen ein Programm, das nicht Publikum anzieht, indem es mit großen Namen punktet, sondern es steht eine Idee dahinter, es geht um Inhalte.

Hinterhäuser: Ein Programm von einem solchen Umfang zu machen, folgt natürlich einer Vorstellung und einer Reflexion. Es braucht unbedingt eine eigene Handschrift. Es ist definitiv für mich keine beliebige Aneinanderreihung von Veranstaltungen. Allerdings muss man auch selber eine gewisse Sensibilität haben, um gewisse Parameter zu erfüllen, die man zu erfüllen hat. Das Gebilde eines Inhalts hat einem Anspruch zu folgen, der in allererster Linie mit der Kunst zu tun hat. Und aus dem heraus wird sich das Finanzielle ergeben. Das ist eines der wenigen Dinge, bei denen ich nicht skeptisch bin. Wenn Cioran sagt, "Die Skepsis ist die Eleganz der Angst", dann bin ich sehr unelegant. Ich glaube sehr an einen Inhalt, ich glaube sehr an einen Anspruch, und ich glaube sehr daran, dass man einen hohen Anspruch stellen kann, wenn man, wie bei den Salzburger Festspielen, die Möglichkeit dazu bekommt. Die FurChe: Und man braucht eine Idee.

Hinterhäuser: Ganz bestimmt. Wenn man mehr will als eine Aneinanderreihung von Programmpunkten, kann man gar nicht weit genug gehen. Ein Festival muss schon mehr sein. In diesem Prozess der Entstehung eines Programms verschieben sich die Dinge. Dann muss man auch mehr Kompromisse eingehen, als man sich am Anfang gedacht hätte eingehen zu müssen. Man muss mit sich selber eine Einigung finden.

DiE FuRchE: Ihnen ist es gelungen, für moderne Musik Aufmerksamkeit zu schaffen.

hinterhäuser: Ich glaube, das hat in Salzburg mit meinem eigenen Vorlauf zu tun. Ich habe ja lange "Zeitfluss" gemacht. Von daher gibt es eine Art Grundvertrauen. Die Leute denken doch, dass ich nicht einer lästigen Pflicht folge, sondern dass ich das von Festspielen einfach verlange. Das hat damit zu tun, dass wir uns nicht auf anachronistische Grundpositionen zurückziehen dürfen, sondern wir leben in dieser Welt, in dieser Gegenwart. Was hier an künstlerischen Grammatiken entsteht, folgt immer einer eigenen Entwicklung in einem eigenen Kontinuum. Kunst entsteht ja nicht aus dem Nichts, sie besteht in einer Art Kommunikation mit dem, was früher war. Was vor sehr langer Zeit geschrieben wurde, entsteht aus etwas anderem und führt zu etwas anderem hin. Diese Kommunikation zwischen Zeiten, zwischen Epochen kann man herstellen. Vieles von dem, was wir heute an sogenanntem Neuen zeigen, ist ja gar nicht so neu. Man muss es zentral positionieren, man darf es nicht an einem Nebenschauplatz auslagern und so tun, als würde das reichen. Das hat eine ganz zentrale Aussage zu haben, hat im Epizentrum des Programms zu stehen. Dem darf man nicht mit Verlegenheit begegnen. Man muss den Mut und die Großzügigkeit haben, mit dieser Sache so umzugehen, dass sie keine lästige Pflicht ist. Das ist der zentrale Punkt einer künstlerischen Aussage. In letzter Konsequenz ist auch ein Festspielprogramm eine künstlerische Aufgabe.

DiE FuRchE: Kann es nicht sein, wenn Sie Schumann und Giacinto Scelsi nebeneinander im Programm haben, dass die Leute wegen Schumann kommen und Scelsi einfach in Kauf nehmen?

hinterhäuser: Das weiß ich nicht. Ich habe immer eine Scheu, eine Art Analyse zu betreiben. Ich würde auch niemals eine Selbstanalyse betreiben. Mir geht es um eine Kommunikationsfähigkeit, auch um Kommunikationsgeschick. Es geht darum, dass etwas vermittelt wird, was mit Identität zu tun hat. Ich kann keine pädagogischen Kurse veranstalten. Es gibt, und das ist nicht hoch genug zu schätzen, eine Freiheit des Hörens, des Rezipierens und des Empfindens. Ich kann einen Hörer nicht in irgendeiner Weise steuern. Ich will niemandem die Freiheit nehmen. Wenn jemand ins Konzert geht und sich freut, ein Stück von Schumann zu hören, und im gleichen Konzert einem Stück von Scelsi mit einer gewissen Skepsis begegnet, dann kann ich nicht den Missionar spielen. Vielleicht wird sich die Skepsis auflösen. DiE FuRchE: Bislang ist das gut gegangen.

Hinterhäuser: Es ist schon mehrmals gut gegangen. Man soll, wenn Menschen so etwas "auf sich nehmen", eine Reise zu unternehmen, um nach Salzburg zu kommen, nicht unterschätzen. Es gibt sehr viel mehr Offenheit und Bereitschaft, sich auf Schwierigeres, Herberes, Spröderes einzulassen, als man denkt. Es gibt eine Natürlichkeit des Umgangs mit Kunst. Wir gehen doch auch natürlich mit der Welt um, in der wir leben.

Die Furche: Aus welchem Fundus entwickelt sich das Programm?

Hinterhäuser: Es gibt eine unendliche Fülle an großartigen Stücken jüngster Musik, die nach ihrer Aufführung kaum noch gespielt wurden. Es wird hier viel aufzuarbeiten geben. Es ist auch hier die Frage, in welchen Zusammenhang man das bringt.

Die Furche: Ist der Kanon, der festschreibt, was gültig ist, ein Problem?

Hinterhäuser: Diese festgeschriebenen Kanons gibt es tatsächlich. Ich finde das nur begrenzt interessant, weil die Folgen einer manipulativen Thematik einengend sind. Ich bringe keine große Sympathie dafür auf. Andererseits muss man sich als professioneller Trüffelsucher betätigen. Wo es nötigt scheint, den Kanon aufzubrechen, nämlich dann, wenn er nur einer Konvention folgt, werde ich das tun.

Die Furche: Bekommen österreichische Komponisten einen besonderen Stellenwert?

Hinterhäuser: Ich will nicht groß Namen nennen, aber in meiner ersten Festwochen-Produktion habe ich sehr prominent Georg Friedrich Haas in den Spielplan integriert. Das zeigt, dass ich eine besondere Wertschätzung für ihn empfinde. Ich denke auch an Olga Neuwirth und Beat Furrer. Aber ich will keine Länderquoten aufstellen.

Die Furche: Wenn man Ihnen zuhört, findet eine Abgrenzung zu Ihrem Vorgänger in Salzburg statt, der auf große Namen setzt.

hinterhäuser: Seit Beginn der Festspiele gibt es diese großen Namen. Es ist nur eine Frage, wie man mit ihnen umgeht und welche Wertigkeiten man setzt. Ich habe nichts gegen große Namen, die sind nicht zufällig sehr gut. Entscheidend ist, wie man die großen Namen einbettet und wie man so eine große Sache wie die Salzburger Festspiele kommuniziert.

Die Furche: Wie müssen wir uns das Theater vorstellen?

hinterhäuser: Ich werde das nicht im Alleingang machen. Ich bin noch nicht sicher, ob ich die Struktur, die wir seit Peter Stein kennen und die sich seit den 90er-Jahren wirklich bewährt hat, etwas reflexiver, interessanter, auch vitaler gestalten kann. Ich bin noch dabei zu überlegen, ob man Festspiele nicht auch anders denken kann. Ich denke nicht, dass Strukturen für alle Zeiten festgeschrieben sind. Sie dürfen auch einer empirischen Analyse unterzogen werden. Es ist alles so in Bewegung, man kann darauf sehr sensibel und geschmeidig reagieren.

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