"Und eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort“

Nicht - wie bisher üblich - mit einer Oper und einem Schauspiel begannen die ersten Salzburger Festspiele unter Alexander Pereiras Ägide - sondern mit einer "Ouverture spirituelle“. Haydns "Schöpfung“ wird auch nächstes Jahr, dann dirigiert von Nikolaus Harnoncourt, diese Perspektive eröffnen. Diesmal galt der Jubel Sir John Eliot Gardiners Interpretation.

Schon in Alexander Pereiras Bewerbungsunterlagen für den Generalsekretär der Wiener Konzerthausgesellschaft findet sich die Idee für ein Festival geistlicher Musik. Möglichkeiten dies zu verwirklichen, gab es weder in Wien noch während seiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als Opernintendant in Zürich, wo Pereira vor wenigen Tagen, hoch ausgezeichnet, verabschiedet wurde. Für seine ersten Salzburger Festspiele hat er nun darauf zurückgegriffen und damit eine neue Form der Festivaleinbegleitung gefunden.

"Geistliche Stadt“ Salzburg

Diese Ambition an der Salzach zu realisieren, ist naheliegend. Dafür bieten sich neben den vielfältigen Örtlichkeiten des Festspielbezirks eine Reihe von Kirchen an. "Geistliche Stadt“ wurde deswegen Salzburg mehrfach genannt.

So wurde in St. Peter die Tradition der Aufführung von Mozarts c-Moll-Messe weitergeführt - diesmal erweitert durch die Uraufführung von Johannes Maria Stauds "Infin che’l mar fu sovra noi richiuso“ ("Und dann schlug das Meer über uns zusammen“), einem Auftragswerk der Festspiele. In der Kollegienkirche demonstrierte Sir John Eliot Gardiner mit seinem The Monteverdi Choir die hohe Kunst englischer A-cappella-Musik. Und im Dom wird Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus und dem Arnold Schoenberg Chor kommenden Sonntag zwei von Mozarts sakralen Schlüsselwerken aufführen: die Missa longa KV 262 und die Sakramentslitanei KV 243.

Aber nicht nur Harnoncourt, der mit der "Zauberflöte“ die erste Opernproduktion dieses Festspielsommers dirigiert, kehrt wieder an die Salzach zurück, sondern auch Claudio Abbado - noch dazu mit zwei Werken, denen seit jeher sein besonderes Interesse gehört: Mozarts "Waisenhausmesse“ KV 139 und Schuberts Es-Dur-Messe, die er vor Jahren, vom Fernsehen begleitet und für CD mitgeschnitten, mit den Wiener Philharmonikern aufgeführt hat. Er feiert sein Salzburger Comeback am Samstag mit seinem Orchestra Mozart Bologna, dem Arnold Schoenberg Chor und international renommierten Solisten.

Brücke zu den Weltreligionen

Der Genius Loci Mozart spielt in der ersten Auflage dieser "Ouverture spirituelle“, die der eigentlichen Festspieleröffnung am Freitag vorgelagert ist, eine wichtige Rolle. Dem neuen Intendanten geht es aber auch darum, aufzuzeigen, welch exzellente geistliche Musik aus der Feder großer Komponisten stammt, die der Konzertbetrieb meist unberücksichtigt lässt und denen man aus Besetzungsgründen und finanziellen Umständen in der Liturgie heute weniger oft begegnet als früher. Und er will mit dieser neuen Perspektive in den kommenden fünf Jahren vor allem die Brücke zu den unterschiedlichsten Weltreligionen schlagen: Im kommenden Jahr wird der Buddhismus, 2014 der Islam im Mittelpunkt stehen.

Das Entree dieser neuen Reihe führt Sakralmusik katholischer und evangelischer Komponisten - weshalb auch Bach-Motetten das Programm zieren - mit markanten Beispielen jüdischer Musik zusammen: wie Ernest Blochs "Avodath Hakodesh“ ("Gottesdienst“) oder die Mitte der 1980er-Jahre entstandene Symphonie "Mechaye Hametim“ ("Auferweckung der Toten“) des zeitgenössischen Komponisten Noam Sheriff und Arnold Schönbergs "Kol Nidre“, jeweils ausgeführt vom Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta.

Der Auftakt galt Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung“. Was auch autobiografische Gründe hat. Pereiras Urururgroßmutter ist die aus Berlin gebürtige, 1818 verstobene Freifrau Fanny von Arnstein, der Hilde Spiel in ihrem Anfang der 1960er-Jahre erschienenen, mittlerweile vergriffenen Buch "Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation“ ein aufregendes Porträt gewidmet hat. Als Tochter des Hoffaktors von Friedrich Wilhelm II., Daniel Itzig, kam sie durch die Heirat mit Nathan Adam von Arnstein nach Wien und führte hier als erste Jüdin einen eigenen literarischen Salon in ihrem Palais am Hohen Markt, in dem sich nicht zuletzt während des Wiener Kongresses die Prominenz aus Wissenschaft, Kunst, Diplomatie und Journalismus traf. Eine Tradition, die ihre Tochter Henriette von Pereira-Arnstein weiterführte. Fanny von Arnstein, Tante von Felix Mendelssohn Bartholdy, zählte auch zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und zu jenen Förderern, welche die Uraufführung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung“ am 30. April 1798 im Wiener Palais Schwarzenberg ermöglichten.

Brillant, elegant, differenziert

Ein Neustart muss nicht nur programmatisch genau überlegt sein, es bedarf auch seiner entsprechenden Realisierung. Mit Sir John Eliot Gardiner und dessen auf historischen Instrumenten musizierenden The English Baroque Soloists sowie dem wiederum seinen Ausnahmerang unter Beweis stellenden The Monteverdi Choir hatte Pereira eine Idealbesetzung für seine erste "Schöpfung“ gefunden. Auch wenn das Große Festspielhaus schon aufgrund seiner Ausmaße nicht die ideale Aufführungsstätte für ein solches Werk ist, nicht jedes Detail mit höchster Präzision gelang, das Solistenterzett (Lucy Crowe, James Gilchrist, Vuyani Mlinde) unterschiedlich gefiel: rhetorisch brillanter, eleganter, differenzierter in den Tempi und den agogischen Nuancen, vor allem gehaltvoller als es Gardiner demonstrierte, lässt sich diese "Schöpfung“ gewiss nicht darstellen. Entsprechend der Jubel.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau