Idomeneo - © Foto: Thomas Aurin
Musik

Mythen als Versuchslabor

1945 1960 1980 2000 2020

Ein neuer „Idomeneo“, Cherubinis „Médée“, eine brillante  Anna Netrebko und ein altersweiser Herbert Blomstedt prägten den Beginn der 99. Salzburger Festspiele.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein neuer „Idomeneo“, Cherubinis „Médée“, eine brillante  Anna Netrebko und ein altersweiser Herbert Blomstedt prägten den Beginn der 99. Salzburger Festspiele.

Was hat es mit den „magischen Spiegeln“, wie Hugo von Hofmannsthal, einer der Gründerväter der Salzburger Festspiele, die antiken Mythen charakterisierte, aus heutiger Sicht auf sich? Dem nachzuspüren hat man sich diesen Sommer in Salzburg vorgenommen. Und damit schon bei der Eröffnungspremiere heftigen Widerspruch heraufbeschworen. Vollgestopft mit Glas- und Plastikmüll (Bühne: George Tsypin) präsentierte sich die Bühne der Felsenreitschule. Wiederholt fuhren beleuchtete Stelen heraus. Man kennt sie schon aus Mozarts „La clemenza di Tito“ vor zwei Jahren.

Kein Zufall, denn das „Leading-Team“ ist dasselbe: Teodor Currentzis am Pult und Peter Sellars als Regisseur. Nur, dass Currentzis diesmal nicht sein Orchester aus Perm leitete, sondern das Freiburger Barockorchester nach den Erkenntnissen der Originalklangbewegung meist spannend, mitunter zu detailverliebt durch die Partitur von Mozarts „Idomeneo“ führte. Oder besser, wie er sie sich vorstellt: Die Handlung schildernden Secco-Rezitative wurden gestrichen, anstelle dessen Teile aus Mozarts „Thamos, König in Ägypten“ und die besser im Konzertsaal aufgehobene Sopran-Arie mit obligatem Klavier KV 505 eingefügt. Am Ende wurde man noch überrascht von einem wenig fantasievollen samoanischen Ballett – immerhin zu Originalklängen Mozarts. Manches erschließt sich erst nach der Lektüre des Programmbuchs. Dass Sellars diese in unterschiedlichen Versionen vorliegende Oper als Parabel über eine Generation versteht, die Umweltprobleme zu verantworten hat, schließlich gezwungen werden muss, das Zepter an Jüngere für eine hoffentlich bessere Welt weiterzugeben, hat er in vielen Vorgesprächen zu dieser Inszenierung und in seiner Rede bei der Festspieleröffnung betont.

Das mehr zufällig als überlegt wirkende Geschehen auf der Bühne mit vielfach in unschicken, pyjamaartigen Tarnkleidern (Kostüme: Robby Duiveman) gewandeten, ohne Charakterzeichnung und Personenführung auf sich allein gestellten Protagonisten – herausragend das brillante Damenterzett Ying Fang (Ilia), Nicole Chevalier (Elettra) und Paula Murrihy (Idamante) sowie der fulminante musicAeterna-Chor aus der Permer Oper – ließ diese Überlegungen meist nur erahnen. „Idomeneo“ als Mahnmal für eine seit Jahrzehnten verfehlte Umweltpolitik, worauf auch zahlreiche Wortspenden im Programmheft verweisen, blieb damit mehr diskursive Theorie als gezeigte Praxis.

Créon als lüsterner Staatsherr

Warum nicht Luigi Cherubinis erfolgreichste Oper, „Médée“, aus der Perspektive einer heutigen österreichischen Familie erzählen? Und damit das Schicksal Médées (und ihren fatalen Entschluss, die neue Frau an der Seite ihres einstigen Gatten Jason, deren Vater und die beiden gemeinsamen Kinder zu töten) aus der Schmach ihrer Scheidung zu erklären und so den antiken Mythos in eine – wenn auch überaus dramatische – Alltagsrealität transferieren? Das hat sich Simon Stone für seine Inszenierung dieses Dreiakters im Gro ßen Festspielhaus vorgenommen. Er konfrontiert dabei mit Filmeinblendungen, die unmissverständlich erzählen, wie die ursprünglich heile Familienwelt plötzlich kippt, als sich Jason in Dircé verliebt, dafür seine Frau verlässt, ihr die gemeinsamen Kinder vorenthält, sie die Reise in ein anderes Land antreten muss.

Was hat es mit den „magischen Spiegeln“, wie Hugo von Hofmannsthal, einer der Gründerväter der Salzburger Festspiele, die antiken Mythen charakterisierte, aus heutiger Sicht auf sich? Dem nachzuspüren hat man sich diesen Sommer in Salzburg vorgenommen. Und damit schon bei der Eröffnungspremiere heftigen Widerspruch heraufbeschworen. Vollgestopft mit Glas- und Plastikmüll (Bühne: George Tsypin) präsentierte sich die Bühne der Felsenreitschule. Wiederholt fuhren beleuchtete Stelen heraus. Man kennt sie schon aus Mozarts „La clemenza di Tito“ vor zwei Jahren.

Kein Zufall, denn das „Leading-Team“ ist dasselbe: Teodor Currentzis am Pult und Peter Sellars als Regisseur. Nur, dass Currentzis diesmal nicht sein Orchester aus Perm leitete, sondern das Freiburger Barockorchester nach den Erkenntnissen der Originalklangbewegung meist spannend, mitunter zu detailverliebt durch die Partitur von Mozarts „Idomeneo“ führte. Oder besser, wie er sie sich vorstellt: Die Handlung schildernden Secco-Rezitative wurden gestrichen, anstelle dessen Teile aus Mozarts „Thamos, König in Ägypten“ und die besser im Konzertsaal aufgehobene Sopran-Arie mit obligatem Klavier KV 505 eingefügt. Am Ende wurde man noch überrascht von einem wenig fantasievollen samoanischen Ballett – immerhin zu Originalklängen Mozarts. Manches erschließt sich erst nach der Lektüre des Programmbuchs. Dass Sellars diese in unterschiedlichen Versionen vorliegende Oper als Parabel über eine Generation versteht, die Umweltprobleme zu verantworten hat, schließlich gezwungen werden muss, das Zepter an Jüngere für eine hoffentlich bessere Welt weiterzugeben, hat er in vielen Vorgesprächen zu dieser Inszenierung und in seiner Rede bei der Festspieleröffnung betont.

Das mehr zufällig als überlegt wirkende Geschehen auf der Bühne mit vielfach in unschicken, pyjamaartigen Tarnkleidern (Kostüme: Robby Duiveman) gewandeten, ohne Charakterzeichnung und Personenführung auf sich allein gestellten Protagonisten – herausragend das brillante Damenterzett Ying Fang (Ilia), Nicole Chevalier (Elettra) und Paula Murrihy (Idamante) sowie der fulminante musicAeterna-Chor aus der Permer Oper – ließ diese Überlegungen meist nur erahnen. „Idomeneo“ als Mahnmal für eine seit Jahrzehnten verfehlte Umweltpolitik, worauf auch zahlreiche Wortspenden im Programmheft verweisen, blieb damit mehr diskursive Theorie als gezeigte Praxis.

Créon als lüsterner Staatsherr

Warum nicht Luigi Cherubinis erfolgreichste Oper, „Médée“, aus der Perspektive einer heutigen österreichischen Familie erzählen? Und damit das Schicksal Médées (und ihren fatalen Entschluss, die neue Frau an der Seite ihres einstigen Gatten Jason, deren Vater und die beiden gemeinsamen Kinder zu töten) aus der Schmach ihrer Scheidung zu erklären und so den antiken Mythos in eine – wenn auch überaus dramatische – Alltagsrealität transferieren? Das hat sich Simon Stone für seine Inszenierung dieses Dreiakters im Gro ßen Festspielhaus vorgenommen. Er konfrontiert dabei mit Filmeinblendungen, die unmissverständlich erzählen, wie die ursprünglich heile Familienwelt plötzlich kippt, als sich Jason in Dircé verliebt, dafür seine Frau verlässt, ihr die gemeinsamen Kinder vorenthält, sie die Reise in ein anderes Land antreten muss.

Mozarts ‚Idomeneo‘ als Mahnmal für eine seit Jahrzehnten verfehlte Umweltpolitik darzustellen, blieb bei den Festspielen mehr diskursive Theorie als gezeigte Praxis.

Mehrfach gewähren Bob Cousins geschmackvolle Bühnenbilder gleichzeitig Einblicke in das karge Leben der ins Exil geflüchteten Médée und das ungleich konfortablere ihres einstigen Gatten mit seiner neuen Frau. Aber muss Dircés Vater Créon (robust Vitalij Kowaljow) als lüsterner Staatsherr gezeichnet werden, der sich in der Rotlichtszene ungeniert vergnügt? Müssen zum Verständnis dieser neuen Lesart SMS auf den schwarzen Bühnenvorhang projiziert werden? Ganz lässt sich damit, wie diese Produktion zeigt, der Verzicht auf wesentliche Dialoge nicht wettmachen. Und weshalb verschenkt die Regie die aufwühlende Schlussszene, indem sie den rasend nach seinen Kindern verlangenden Jason von Polizisten festhalten lässt?

So kann Médee die Kinder, nachdem sie sie in rasender Autofahrt zu einer abgelegenen Tankstelle entführt hat, völlig unbehelligt umbringen. Elena Stihkinas schauspielerisch klug geführter Médée mangelte es letztlich an dramatischer Durchschlagskraft, Pavel Černochs Jason an souverän bewältigten Höhen. Untadelig Rosa Feola als mit innigen Valeurs aufwartende, ihre Arie mit viel Feingefühl servierende Dircé und Alisa Kolosova als Néris. Thomas Hengelbrock sorgte kaum mehr als für eine halbwegs präzise Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben, vermochte den Philharmonikern und den Staatsopern-Choristen nur einen Bruchteil jener Farben und Spannungskurven zu entlocken, die diesen meis terhaften Cherubini ausmachen.

Aufwühlender Primadonnen-Wettstreitt

Musiktheater kann auch konzertant aufregend sein. Das demonstrierte dieses erste Salzburger Festspiel-Wochenende mit einer von den beiden rivalisierenden Frauengestalten – einer zu Höchstform auflaufenden Anna Netrebko als Adriana und einer mit rachelüsterner Tiefe lautstark prunkenden Anita Rachvelishvili als Principessa di Bouillon – geprägten, umjubelten Aufführung von Francesco Cileas effektsicherem Vierakter „Adriana Lecouvreur“ im Großen Festspielhaus. Intensive Gestalterinnen, denen man (von Nicolai Alaimos profundem Michonnet abgesehen) qualitätsvollere vokale Mitstreiter gewünscht hätte.

Enttäuschend das von Marco Armiliato zu wenig inspirierte Mozarteumorchester Salzburg. Mehr Italianitá hätte man sich auch vom Philharmonia-Chor gewünscht. Wenige Stunden vor diesem heftig akklamierten Primadonnenwettstreit zeigte der mit 92 Jahren älteste aktive Weltklasse-Dirigent, Herbert Blomstedt, an der Spitze der glänzend aufspielenden Wiener Philharmoniker mit seiner nicht erst im finalen Adagio berührenden Deutung von Mahlers „Neunter“ vor, wie wenig Gestik es bedarf, um mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen in die Tiefen einer apokalyptische Dimensionen ansteuernden Musik einzutauchen.