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Unschlagbare Bühnenpräsenz der Bartoli

Cecilia Bartoli gestaltete mit gewohnt überschäumendem Temperament und nimmermüder Koloraturbrillanz ihre neue Aufgabe, die Partie der Isabella.

Gioachino Rossinis 150. Todestag kann zu einem Rossini-Festival inspirieren, aber ebenso zu einer bis zu Richard Wagner reichenden Perspektive. Man muss sich nur für das entsprechende Stück als Entree entscheiden, wie die jüngsten Salzburger Pfingstfestspiele demonstrierten. Sie wählten Rossinis Zweiakter "L'italiana in Algier", der bekanntlich am Geburtstag Richard Wagners, dem 22. Mai 1813, uraufgeführt wurde. Da versteht es sich von selbst, dass diesmal das Pfingstfestival an der Salzach auch mit Ausschnitten aus dessen Œuvre aufwartete - dargeboten von Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle Berlin.

Aber auch ein Offenbach war dabei: Für seine zwischen 1868, dem Todesjahr Rossinis, und 1874 entstandene Operá bouffe "La Périchole" hatte man Marc Minkowski, Les Musiciens du Louvre-Grenoble und den Chor der Oper von Bordeaux sowie ein namhaftes Solistenensemble engagiert. Zugleich eine Erinnerung, dass Offenbachs Erfolge in Paris ohne den Taumel, den Rossini mit seinen Opern hier einst entfacht hatte, kaum denkbar gewesen wären.

Am Beginn und zugleich im Mittelpunkt des Festivals stand gleich den letzten Jahren die Intendantin. Wobei "L'italiana in Algieri", die während der Sommerfestspiele wiederaufgenommen wird, für Cecilia Bartoli eine Premiere bedeutete: Nie zuvor hatte sie die Partie der Isabella gesungen -"eine emanzipierte, kluge Frau", die es versteht, "den Männern zu sagen, wo es langgeht", wie sie im Vorfeld dieser Neuproduktion herausstrich. Ein -man muss es aus der Entstehungszeit des Werks, 1813, sehen - revolutionäres Bild für eine Frau in einer von machohaften Männern dominierten Gesellschaft.

Unschlagbare Bühnenpräsenz

Genau aus dieser Perspektive gestaltete Bartoli diese Aufgabe: mit gewohnt überschäumendem Temperament und nimmermüder Koloraturbrillanz, die ihr vor einigen Jahren noch selbstverständlicher über die Lippen kam. Unschlagbar ist sie nach wie vor in ihrer Bühnenpräsenz: egal, ob sie auf dem Kamel einherreitet oder ob sie im Schaumbad den in sie verschossenen Mustafà bezirzt und ihm dabei falsche Hoffnungen macht.

Schließlich ist es nicht die gewohnte Geschichte, die das von der Bartoli engagierte Regie-Duo Moshe Leiser/Patrice Caurier in seiner Inszenierung erzählt. Sie haben das Geschehen, wie heute meist üblich, in die Gegenwart transferiert, konkret in ein Schmuggler-Milieu, dies mit einem kräftigen Schuss dolce vita garniert, was durch Filmeinblendungen noch unterstützt wird. Entsprechend präsentierten sich die Kostüme, nicht zuletzt der Choristen, dem Philharmonia Chor Wien, die durchaus mehr Italianitá hätten versprühen können. Sie tummeln sich erst einmal in Jogging-Anzügen auf der Bühne des Hauses für Mozart, später in Dressen einer italienischen Fußballmannschaft, die unverhohlen ihrer Spaghetti-Leidenschaft frönt.

Dass sich hinter dem mitreißenden Witz und virtuosen Charme von Rossinis brillanter Musik auch eine Metapher für unterschiedlich erfolgreiches Begehren verbirgt, das Sujet außerdem die Schwierigkeit im Umgang mit dem Älterwerdens aufgreift, machte Peter Kálmán als schließlich wieder reumütig zu seiner Gattin Elvira (rollendeckend Rebeca Olvera) zurückkehrender Mustafà deutlich.

Vokal noch präsenter erwies sich Alessandro Corbelli als hinreißend-komödiantischer Taddeo. Auch er muss am Ende erkennen, von der von ihm angebeteten Isabella getäuscht worden zu sein. Sie hat sich längst für Lindoro entschieden. Diesen präsentierte vor allem lautstark der damit jugendliche Kraft und Enthusiasmus effektvoll verkörpernde Edgardo Rocha. Rollendeckend die übrigen von der Regie ebenso klar gezeichneten wie souverän geführten Darsteller.

Hat das Orchester in diesem Dramma giocoso ,wie Rossini seine Oper im Untertitel bezeichnet, tatsächlich nur so wenig zu sagen, wie es diesmal aus dem Orchestergraben tönte? Oder ging es Jean-Christophe Spinosi und seinem differenziert artikulierenden (Originalklang-)Ensemble Matheus vor allem darum, den Protagonisten einen betont subtilen Teppich zu legen, damit jedes ihrer Worte klar über die Bühne kommt? Wenigstens das hat er mit seiner die Bedeutung dieses Orchesterparts diminuierenden, zudem durch meist ausführliche Tempi charakterisierten, unterschiedlich spannenden Lesart erreicht.

2019: Hommage an die Kastraten

Ob man auch 2019, bei den kommenden Pfingstfestspielen, eine so hohe Auslastung wie heuer, 97 Prozent, wird erreichen können? Thema ist nicht wie in diesem Jahr eine Zeitenwende, sondern eine besondere Hommage: an die Kastraten und einige für sie komponierte Werke. Darunter Händels "Alcina" mit der Bartoli in der Titelpartie und dem Dreiakter "Polifemo" von Joseph Haydns einstigem Lehrer Nicola Porpora. An den berühmtesten seiner Zunft, Farinelli, wird neben einem Konzert noch mit einem Film und einem Podiumsgespräch erinnert.

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