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Fahler Zauber - großer Elan

Händels "Alcina" war die erste Barockoper, die der Staatsoperndirektor Dominique Meyer gleich in seiner ersten Saison aufs Programm setzte. Anja Harteros in der Titelrolle und Vesselina Kasarova als Ruggiero waren die Stars dieser Produktion in der Inszenierung von Adrian Noble. Der verlegte die Geschichte in ein elegantes englisches Barockpalais. Nicht so am Theater an der Wien: Dort lässt Tatjana Gürbaca -bekannt durch ihre kontrovers diskutierten Lesarten von Richard Strauss' zu einem Totentanz umfunktionierten "Capriccio" und ihrer eigenwilligen Adaption von Wagners "Ring" - das Geschehen, wie im Original vorgesehen, auf einer Insel (Bühnenbild: Katrin Lea Tag) spielen, die wiederholt mit ungewöhnlichen Requisiten aufwartet.

Wie eine vom Schnürboden hängende Schaukel, Stuhl, Aktenordner, Betten mit Lampenschirmen, Regenschirm, weil nach der Pause unvermutet der Himmel seine Schleusen öffnet. Ein Fingerzeig von oben, dass die von Alcina in Tiere verzauberten Menschen bald ihre ursprüngliche Gestalt zurückbekommen werden? Was aber hat es mit Uhr und Pendel auf sich? Untrügliche Zeichen, dass die Zeit vorbei ist, Alcina ihre Möglichkeiten überspannt hat, das Pendel daher zurückschlagen wird? Wenigstens, dass die auf die Bühne gestellten Paar-Konstellationen immer wieder neuen Prüfungen unterworfen sind, das Ende dieser Beziehungen alles andere als eindeutig ist, wird in dieser sehr personenbezogenen Regie deutlich.

Über das Alter

Liebe, Moral, ungewisse Zukunft und die Erkenntnis, dass so manches vorbei ist, wenn Zauber oder Mittel dafür verschwunden sind -das sind die Themen dieses Händels, der auch eine große Rolle für einen Kastraten vorgesehen hat: die des Ruggiero. Auch wenn man diese -wie seinerzeit am Haus am Ring -prächtig mit einem Mezzosopran besetzen kann. Am Theater an Wien widmet sich der australische Counter David Hansen, der dabei mit seiner athletischen Figur prunken und seine situationsangepasste Sicht von Treue zeigen kann, unterschiedlich überzeugend dieser Herausforderung. Da beeindruckte Katarina Bradic´ als Ruggieros Verlobte Bradamante ungleich mehr. Und das nicht nur weil Marlies Petersen in der Titelrolle durch einen Hexenschuss bei der Premiere etwas gehandicapt war, was erst im Laufe des Abends deutlicher wurde. In diesem Fall passt es durchaus zur Rolle -schließlich muss Alcina erkennen, wie nach und nach ihr Zauber, damit ihre Attraktivität schwindet. "Alcina", was in dieser Regie kaum angesprochen wurde, ist nämlich auch eine Parabel über das Umgehen mit dem Alter. Rollendeckend sind die übrigen Darsteller.

Schon in der Ouvertüre versuchte Stefan Gottfried an der Spitze seines zuweilen zu lautstark aufspielenden Concentus Musicus mit übertriebenem Drive, ein Höchstmaß an Spannung zu erzielen. Volle Touren bergen immer auch die Gefahr von Leerlauf in sich. Darüber vermochten subtiler artikulierte Momente und noch so differenziert gestaltete Chorszenen, wie sie der Arnold Schoenberg Chor gewohnt versiert vorzeigte, nicht hinwegzutäuschen.

Happy End in schwerer Zeit

An der Volksoper bewies Peter Lund mit der "Csárdásfürstin" erneut, dass er ein idealer Operettenregisseur ist. Als Kálmán seinen Welterfolg komponierte, kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Das hat den Tonfall des zweiten und dritten Akts dieses Werks beeinflusst wie auch die von Lund für die Volksoper vorgelegte, spritzige, in allen Phasen der Handlung das Stück ernst nehmende Bearbeitung. Mit Videoeinspielungen (Andreas Ivancsics), vor allem seiner Interpretation des Finales macht er deutlich, wie das zu einem Happy End führende Geschehen möglicherweise doch nicht so glücklich weiterlaufen wird. Kaum hat Fürst Edwin seine Sylva Varescu bei seinen gestrengen Fürsteneltern durchgesetzt, muss er an die Front.

Nicht allein die gedankenvolle Bearbeitung macht den Erfolg dieser von ausgesucht atmosphärischen Bühnenbildern (Ulrike Reinhard) begleiteten Produktion aus. Mindestens ebenso fasziniert, mit welcher Leichtigkeit und Gedankenfülle die Regie den Spagat zwischen folkloristisch inspiriertem Klamauk und berührenden persönlichem Schicksal bewältigt. Glänzend die Ironie, mit der Lund die Charaktere der einzelnen Protagonisten offenlegt. Auch diese lassen keine Wünsche offen, wie die ausdrucksstarke, als Abbild der Emilie Flöge kostümierte Elissa Huber als Sylva Varesco und Lucian Krasznecz als ihr von Schüchternheit wie Kampfeslust bestimmter Edwin. Noblesse und Gelassenheit verbindet Boris Eders Feri Bácsi. Besser als mit Jakob Semotan hätte man den pfiffigen, am Ende selbst von den Pfeilen der Liebe getroffenen Lebemann und Intriganten Boni nicht besetzen können. Bagschierlich Juliette Khalil als zuerst Edwin zugedachte, am Ende von Boni heftig umworbene Stasi.

Robert Meyer und Sigrid Hauser als das alte Fürstenpaar bieten die Karikatur einer längst abhanden gekommenen, sich in ein starres Zeremoniell flüchtenden Welt. Eine hohle Fassade, die auch der nur scheinbar korrekte, von Christian Graf bewusst steif dargestellte Baron Rohnsdorff für sich beansprucht. Schwungvoll und delikat führte Alfred Eschwé das bestens gestimmte Orchester und den gut studierten Chor durch die damit all ihren Glanz entfaltende, meisterhafte Partitur. Operette vom Feinsten!

Alcina Theater an der Wien, 22., 24., 26. Sept.

Die Csárdásfürstin Volksoper, 22., 25. Sept., 2., 4., 9. Okt.

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