A Midsummer Night's Dream - © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn
Musik

Von Elfen und Engeln

1945 1960 1980 2000 2020

Nach über fünfzig Jahren wagt sich die Staatsoper wieder an Brittens „A Midsummer Night’s Dream“, das Museumsquartier präsentierte Eötvös’ „Angels in America“.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach über fünfzig Jahren wagt sich die Staatsoper wieder an Brittens „A Midsummer Night’s Dream“, das Museumsquartier präsentierte Eötvös’ „Angels in America“.

Herbert von Karajan wird gerne als Lordsiegelbewahrer des klassischen und romantischen Repertoires gesehen. Tatsächlich standen unter seiner Ägide in Salzburg mehr zeitgenössische Werke auf dem Programm als unter der mancher seiner Nachfolger. Auch während seiner Staatsoperndirektion zeigte er wiederholt Interesse für die musikalische Gegenwart. 1962, nur zwei Jahre nach der Uraufführung in Aldeburgh, kam es zur österreichischen Erstaufführung von Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ (damals auf Deutsch). Zugleich die erste Britten-Oper, die am Haus am Ring gezeigt wurde, und zwar fünfzehnmal innerhalb von zwei Saisonen. Dann verschwand diese von Heinrich Hollreiser dirigierte und von Werner Düggelin im Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen inszenierte Produktion.

Nach über einem halben Jahrhundert wagt man sich erneut an „A Midsummer Night’s Dream“, diesmal im englischen Original. Wegen seiner kammermusikalischen Struktur ließe sich dieser Britten mit der Strauss’schen „Ariadne“ vergleichen, sagte die Dirigentin, Simone Young, in einem Interview. Und genau aus diesem Geiste hat sie diese subtile Musik, die zudem mit Puccini, in manchen Momenten selbst mit der Zweiten Wiener Schule kokettiert, auch an der Spitze des klein besetzten, ideal auf seine Aufgabe vorbereiteten Staatsopernorchesters souverän präsentiert.

Herbert von Karajan wird gerne als Lordsiegelbewahrer des klassischen und romantischen Repertoires gesehen. Tatsächlich standen unter seiner Ägide in Salzburg mehr zeitgenössische Werke auf dem Programm als unter der mancher seiner Nachfolger. Auch während seiner Staatsoperndirektion zeigte er wiederholt Interesse für die musikalische Gegenwart. 1962, nur zwei Jahre nach der Uraufführung in Aldeburgh, kam es zur österreichischen Erstaufführung von Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ (damals auf Deutsch). Zugleich die erste Britten-Oper, die am Haus am Ring gezeigt wurde, und zwar fünfzehnmal innerhalb von zwei Saisonen. Dann verschwand diese von Heinrich Hollreiser dirigierte und von Werner Düggelin im Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen inszenierte Produktion.

Nach über einem halben Jahrhundert wagt man sich erneut an „A Midsummer Night’s Dream“, diesmal im englischen Original. Wegen seiner kammermusikalischen Struktur ließe sich dieser Britten mit der Strauss’schen „Ariadne“ vergleichen, sagte die Dirigentin, Simone Young, in einem Interview. Und genau aus diesem Geiste hat sie diese subtile Musik, die zudem mit Puccini, in manchen Momenten selbst mit der Zweiten Wiener Schule kokettiert, auch an der Spitze des klein besetzten, ideal auf seine Aufgabe vorbereiteten Staatsopernorchesters souverän präsentiert.

Regisseurin Irina Brook hat den Beweis erbracht, dass sich beim Erzählen einer Geschichte märchenhafte Vergangenheit mit realer Gegenwart stimmig verbinden lässt.

Nicht das einzige Atout dieser Neuproduktion, deren Premiere einhellig gefeiert wurde. Denn Regisseurin Irina Brook hat die sprunghafte Handlung innerhalb eines verfallenen Gebäudes (Noëlle Ginefri-Corbel) mit viel Poesie nachgezeichnet und dabei den Beweis erbracht, dass sich beim Erzählen einer Geschichte märchenhafte Vergangenheit mit realer Gegenwart durchaus stimmig verbinden lässt, was durch die Kostüme von Magali Castellan noch unterstützt wird.

So erscheinen die Handwerker in heutigem Alltagsgewand, die am Ende wieder zu ihren ursprünglichen Partnern findenden, auch vokal überzeugenden Lysander, Hermia, Demetrius und Helena im Outfit englischer Nobel-Internate, Oberon und Titania in heutiger Mode angepassten, historisierenden Gewändern. Für den umtriebigen, durch eine Akrobatik und Vitalität sondergleichen sich auszeichnenden Darsteller des Puck, der damit zur Hauptattraktion des Abends wird, Théo Touvet (ein Staatsoperndebüt übrigens) genügen ein grünes Toupet und eine kurze Hose.

Aus dem stimmigen, unterschiedlich klar artikulierenden Ensemble ragten der mit pointiertem Witz aufwartende Bottom von Peter Rose, Lawrence Zazzos kultivierter Oberon, Szilvia Vörös’ selbstbewusste Hippolyta, Wolfgang Bankls handfester Quince und Benjamin Hullets sensibel phrasierender Flute hervor.

Fatale Doppelmoral

Eine konservative Regierung und das überraschende Aufkommen einer sich epidemisch ausbreitenden, nicht beherrschbaren Krankheit: Vor diesem Hintergrund spielt Peter Eötvös’ Zweiakter „Angels in America“ nach dem gleichnamigen, mehrfach prämierten Theaterstück von Tony Kushner. Entstanden ist die Oper im Auftrag des Pariser Théâtre du Châtelet. Hans Gratzer brachte Mitte der 1990er Jahre am Wiener Schauspielhaus die österreichische Erstaufführung des Theaterstücks heraus.

Nun führte die stets mit neuen Akzenten die Wiener Musiktheaterszene belebende „neue oper wien“ Eötvös’ Oper in Zusammenarbeit mit ungarischen Institutionen von 26. September bis 1. Oktober erstmals in Österreich auf. Äußerlich geht es um die Reagan-Ära und Aids, im Kern um die Geißelung des Umgangs einer selbstgerechten, durch Bigotterie und Korruption heftig angekränkelten Gesellschaft mit einer ihr unangenehmen Minderheit, zu der auch einige von ihr zählen, ohne es sich einzugestehen.

Diese mit schlechtem subjektivem Gewissen kokettierende Atmosphäre, die durch einen steten Wechsel von Realität und Halluzination noch unterstrichen wird, greift Eötvös’ durch Jazz-, Rock- und Musical-Elemente, Geräusche des Alltags sowie subtil irisierende Klanglichkeit charakterisierte, narrative Musik aufrüttelnd auf. Für die Szene (Nikolaus Webern) hätte man sich eine weniger plakative Umsetzung gewünscht, was die Regie von Matthias Oldag durch eine konzise Personenzeichnung nicht ganz ausgleichen kann. Kompetent waltete „neue oper wien“-Intendant Walter Kobéra am Pult seines engagiert und präzise aufspielenden „amadeus ensemble wien“. Solistisch am überzeugendsten: Caroline Melzers souveräner Engel und David Adam Moores packender Prior Walter.

A Midsummer Night's Dream

Wiener Staatsoper, 13., 17., 21. Oktober