Volksoper - © Foto: Barbara Pálffy/Volksoper Wien
Musik

Trügerische Hoffnungen

1945 1960 1980 2000 2020

Ein diskursiver Saisonbeginn: „Cabaret“ erstmals an der Volksoper, „Rusalka“ am Theater an der Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein diskursiver Saisonbeginn: „Cabaret“ erstmals an der Volksoper, „Rusalka“ am Theater an der Wien.

Auch Musicals können ein work in progress sein, wie „Cabaret“ an der Volksoper Wien, wo es erstmals auf dem Programm steht, beweist. Denn für diese Produktion hat man eine neue Fassung erstellt. Sie verbindet die ursprüngliche mit der späteren, durch die Mitwirkung von Liza Minelli in der Rolle der Sally geadelten Filmversion. Zudem hat Dirigent Lorenz C. Aichner eine für das Haus am Währinger Gürtel maßgeschneiderte Orchesterversion hergestellt. Er führt seine Musiker mit viel Schwung durch diese zweiaktige Partitur. Dass bald der Eindruck entsteht, es handle sich weniger um ein Musical als um eine Operette, liegt an der Regie von Gil Mehmert. Er hat sich dafür ein die Drehbühne der Volksoper geschickt nutzendes, von der Bilderwelt von George Grosz inspiriertes Bühnenbild schaffen lassen, das rasch von der Welt der Pension des ältlichen Fräulein Schneider in jene des verruchten Kit Kat Clubs mit seinem Star Sally führt. Wobei auch die Möblierung samt einem überdimensionierten Blüthner-Flügel keinen Zweifel daran lässt, dass der Schauplatz der Handlung das Berlin der schon von der ausgrenzenden Politik der Nazis wesentlich mitbestimmten 1930er-Jahre ist. Gerade dieser Aspekt kommt in dieser Inszenenierung zu freundlich über die Bühne, was auch an der zwar engagierten, aber wenig charismatischen Darstellerin des Conférenciers, Ruth Brauer-Kvam, liegt.

Auch Musicals können ein work in progress sein, wie „Cabaret“ an der Volksoper Wien, wo es erstmals auf dem Programm steht, beweist. Denn für diese Produktion hat man eine neue Fassung erstellt. Sie verbindet die ursprüngliche mit der späteren, durch die Mitwirkung von Liza Minelli in der Rolle der Sally geadelten Filmversion. Zudem hat Dirigent Lorenz C. Aichner eine für das Haus am Währinger Gürtel maßgeschneiderte Orchesterversion hergestellt. Er führt seine Musiker mit viel Schwung durch diese zweiaktige Partitur. Dass bald der Eindruck entsteht, es handle sich weniger um ein Musical als um eine Operette, liegt an der Regie von Gil Mehmert. Er hat sich dafür ein die Drehbühne der Volksoper geschickt nutzendes, von der Bilderwelt von George Grosz inspiriertes Bühnenbild schaffen lassen, das rasch von der Welt der Pension des ältlichen Fräulein Schneider in jene des verruchten Kit Kat Clubs mit seinem Star Sally führt. Wobei auch die Möblierung samt einem überdimensionierten Blüthner-Flügel keinen Zweifel daran lässt, dass der Schauplatz der Handlung das Berlin der schon von der ausgrenzenden Politik der Nazis wesentlich mitbestimmten 1930er-Jahre ist. Gerade dieser Aspekt kommt in dieser Inszenenierung zu freundlich über die Bühne, was auch an der zwar engagierten, aber wenig charismatischen Darstellerin des Conférenciers, Ruth Brauer-Kvam, liegt.

Untadelig die übrige Besetzung, selbst wenn die schauspielerische Leistung zuweilen mehr überzeugt als die gesangliche Kompetenz. Bettina Mönch gibt eine affektierte Sally, Volksoperndebütant Jörn- Felix Alt einen den politischen Zuständen in Deutschland schließlich fassungslos gegenüberstehenden Clifford Bradshaw. Dagmar Hellberg mimt das ihres erhofften Liebesglücks rasch entkleidete Fräulein Schneider, Prinzipal Robert Meyer ihren an die Dramatik seiner Situation nicht recht glauben wollenden jüdischen Verehrer Schultz. Mit ihren zahlreichen Liebschaften demonstriert das von Johanna Arrouas selbstbewusst gespielte Fräulein Kost, dass sie ihren Namen zu Recht trägt.

Vom Ende eines romantischen Traums

Um trügerische Hoffnungen geht es auch in Antonín Dvořáks „Rusalka“. Müssen in „Cabaret“ gleich zwei Paare erkennen, dass es mit einer gemeinsamen Zukunft nichts wird, träumt bei Dvořák ein Paar von einem künftigen Glück zu zweit: eine Wassernixe, die allen Warnungen zum Trotz dafür ihre bisherige Existenz hinter sich lässt, und ein Prinz. Als dieser ebenso den Reizen einer anderen Frau verfällt, findet nicht nur Rusalkas romantischer Traum ein baldiges Ende, auch der Prinz hat damit sein eigenes Schicksal besiegelt. Warum man „Rusalka“ nun auch am Theater an der Wien spielt, obwohl die Oper in den letzten Jahren wiederholt das Repertoire von Staats- und Volksoper erfolgreich zierte? Schon musikalisch vermag es diese Neuproduktion nicht zu erklären. Am meis ten enttäuschen der militärisch und ohne jeglichen Anflug von Poesie das ORF RSO Wien führende David Afkham, der überforderte Prinz von Ladislav Elgr und die ihre Hexen-Rolle noch mit meist schrillen Tönen verstärkende Ježibaba von Natascha Petrinsky. Wenigstens die Titelpartie ist mit Maria Bengtsson vokal überzeugend besetzt, erst recht die Figur des Wassermanns mit dem kommenden Sommer im neuen Bayreuther „Ring“ als Wotan debütierenden Günther Groissböck. Unauffällig die übrigen Protagonisten, gewohnt souverän der Arnold Schoenberg Chor.

Und szenisch? Der Komponist bezeichnet seine „Rusalka“ ausdrücklich als lyrisches Märchen, Rusalkas „Lied an den Mond“ ist der ariose Mittepunkt des Werks. Regisseurin Amélie Niermeyer will, wie sie im Programmheft wortreich erläutert, am Beispiel dieses Werks vor allem das Suchen der Menschen nach ihrer eigenen Identität demonstrieren, konzentriert sich bei ihrer Personenzeichnung auf die dunklen Seiten. Um die Aktualität dieses Themas zu zeigen, hat sie sich von Bühnenbildner Christian Schmidt einen im Stil an die 1960er- und 1970er-Jahre erinnernden, nüchternen Einheitsraum mit Sitzgelegenheiten, eine Art Garagenrolltor, Stiege, Pool und Ausblick in den Stock dieses Hauses entwerfen lassen. Von Zeit zu Zeit wird ein Luster heruntergelassen, um Schlossatmosphäre anzudeuten. Videoeinspielungen sollen heutige Party-Stimmung suggerieren. Die Choreografie (Thomas Wilhelm) beschränkt sich meist auf skurrile Stehbilder. Und das Fazit? Eine Assoziationsvielfalt, die das Sujet nur am Rande erläutert und den Betrachter über dessen Botschaft rätseln lässt.