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Verspielte Obsessionen

Haben diese Saison Wiener Staatsoper und Theater an der Wien ihr Profil getauscht? Fast hat es diesen Anschein: Werke, die man im Haus am Ring vermutet, wie Mozarts "Zauberflöte" oder Bergs "Wozzeck" stehen auf dem Premierenprogramm des Theaters an der Wien. Die Staatsoper hingegen wartet neben gewohntem Repertoire mit Raritäten wie Händels "Ariodante", Einems "Dantons Tod" oder Prokofjews "Der Spieler" auf. Ein bewusster Paradigmenwechsel, Zufall oder weil man am Haus am Ring zeigen will, was außer dem Üblichem auch hier gut funktionieren kann? Gar ein Hinweis, welche an Stück-Überraschungen Staatsoperndirektor Dominique Meyer für die ihm verbleibenden drei Saisonen noch im sprichwörtlichen Köcher hat?

Erste Prokofjew-Oper

Die Idee, eine Prokofjew-Oper an Wiens erstem Opernhaus zu spielen, mit ihr gar den Premierenreigen für eine neue Spielzeit zu beginnen, hat durchaus etwas für sich. Erstaunlicherweise hat sich die Staatsoper noch nie an die Eigenproduktion einer Oper von Sergej Prokofjew gewagt, dieses Terrain bislang immer Gastauftritten überlassen. - Oder doch nicht ganz? Wenigstens wenn man an jene "Die Liebe zu den drei Orangen"-Produktion aus 1951 erinnert, die in einem der damaligen Ausweichquartiere der zerbombten Staatsoper, der Volksoper, aufgeführt wurde. Die Bekanntschaft mit zwei weiteren Prokofjew-Opern verdankt Wiens Staatsopernpublikum jedoch zwei Gastspielen: 1971 präsentierte das Bolschoi-Theater "Krieg und Frieden" mit Mstislaw Rostropowitsch am Pult, bereits 1964 war das Nationaltheater Belgrad mit "Der Spieler" zu Gast.

Dieser Vierakter kommt somit zum zweiten Mal zu Staatsopern-Ehren. Eine gute Entscheidung? Man muss es differenziert sehen. Selbst wenn es sich um ein Lieblingsstück der Dirigentin, Simone Young, wie der Regisseurin, Karoline Gruber, handelt, wie man in ihren Interviews im Programmheft lesen kann, viel mehr als eine veritable Begegnung mit dieser Oper ist es nicht geworden.

Ob sich dieser 'Spieler' im Repertoire der Wiener Staatsoper halten wird? Da hätte diese freundlich akklamierte Produktion wohl mehr bieten müssen.

Szenerie mit Skurrilität

Nicht bewältigte Obsessionen in einer zwischen kindlicher Verspieltheit, naiven Träumen und gespaltener Realität vor allem bunt darzustellen, hat man sich offensichtlich zur Herausforderung gesetzt. Daher die Dichotomie von Karussell und Roulette -schließlich spielt dieses Stück in Roulettenburg, wohinter sich nichts anderes als Baden-Baden verbirgt. Daher auch die Bühnenbild-Anklänge an Mark Gettlers "Merry-Go-Round" und Magrittes "Der Schlüssel der Felder" und "Der Glaubensakt", die schrill gezeichnete, in einer Sänfte hereingetragene Bubulenka, immer wieder mit Luftballonen verspielt agierende Akteure, im Vordergrund der seiner beiden Leidenschaften, der Liebe und dem Spiel, nie Herr werdender Alexej.

Er und die von ihm umschwärmte Stieftochter des Generals, Polina, kommen in der bewusst mit Skurrilität kokettierenden Szenerie (Bühnenbild: Roy Spahn, Kostüme: Mechthild Seipel) am stärksten in Grubers Regie zu Geltung. Wohl auch, weil Misha Didyk, vor allem Staatsoperndebütantin Elena Guseva vokal den stärksten Eindruck in dieser die übrigen Protagonisten weniger markant charakterisierenden Inszenierung hinterlassen. So sehr Linda Watson darstellerisch als Babulenka überzeugt, stimmlich wäre einiges mehr drinnen gewesen.

Das trifft im Übrigen auch für weitere Protagonisten zu: wie auf den gleichfalls gesanglich nur durchschnittlichen Thomas Ebenstein als unehrlichem Marquis, Clemens Unterreiners Potapitsch, aber auch Morten Frank Larsens mehr bemüht wirkendem als souverän phrasierendem Mr. Astley. Marcus Pelz erscheint in der Rolle des Baron Wurmerhelm wie ein makabres Überbleibsel wilhelminischer Zeiten. Ob Elena Maximova mit ihrer Rolle als Blanche glücklich war? Wenigstens bei der Premiere wartete sie nicht durchwegs mit jener Frische und Leichtigkeit auf, die man von einer flatterhaften Person, wie sie Prokofjews Libretto frei nach Dostojewskis Roman zeichnet, erwartet. Da überzeugte Staatsoperndebütant Dmitry Ulyanov als komödiantisch-schrulliger General a. D. ungleich mehr.

Und Simone Young am Pult? Kennengelernt hat sie die Partitur, als sie Daniel Barenboim, ihr langjähriger Förderer, dirigierte -und sich gleich in sie verliebt. Ein Konversationsstück nennt Prokofjew seine Oper, in der sich gleichermaßen weite Linien wie eine Vielzahl rasch wechselnder Motive finden. Arien sucht man vergebens. Eine herausfordernde Aufgabe, der sich Young mit Akribie und ebenso viel Schwung an der Spitze des perfekt musizierenden Staatsopernorchesters engagiert unterzog, ohne damit durchgehende Spannung zu erzielen. Ob sich dieser "Spieler" im Repertoire halten wird? Da hätte diese freundlich akklamierte Produktion wohl mehr bieten müssen.

Der Spieler Staatsoper, 14., 17., 20. Oktober

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