Faszinierende Primadonna an der Wien

"Petersen brillierte in der Titelpartie -nicht nur in der bewegenden Abschiedsszene - durch ihre technisch perfekte wie emotional differenzierte, packende Gestaltung."

Monatelang wurde spekuliert, waren verschiedenste Namen und Kombinationen für die Nachfolge des Theater-an-der-Wien-Intendanten Roland Geyer im Umlauf. Mittlerweile ist das Rätsel gelüftet: Geyer bleibt über seinen Vertrag hinaus noch zwei Saisonen. Ihm folgt ab der Spielzeit 2022/23 Stefan Herheim. Er stellt sich damit einer neuen Aufgabe, denn Intendant war der 1970 geborene Regisseur bislang noch nicht.

Der internationale Durchbruch glückte ihm mit seiner nicht unumstrittenen Inszenierung von Mozarts "Entführung" bei den Salzburger Festspielen 2003. 2008 realisierte er in Bayreuth einen umjubelten "Parsifal". 2015 führte er Regie bei Offenbachs "Les contes d'Hoffmann" bei den Bregenzer Festspielen. Mit Mariss Jansons arbeitete er in Amsterdam für die beiden Tschaikowsky-Opern "Eugen Onegin" und "Pique Dame" überzeugend zusammen. Herheim beginnt seine Intendanz deswegen erst ab Herbst 2022, weil er zuvor an der Deutschen Oper Berlin Wagners "Ring" herausbringen wird. Was er im Detail für Wien vorhat, ist noch offen, auch, ob er das gut eingeführte Stagione-System mit monatlich einer Neuproduktion während der Saison und die bewährte Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern und dem ORF-RSO Wien fortführen wird.

Letzteres stellte auch das Orchester bei der jüngsten Produktion, Donizettis "Maria Stuarda". Im Wesentlichen eine Oper für zwei Primadonnen, deren Plot um das komplexe Verhältnis von Macht und Humanität kreist. Heftig das Finalbild von Regisseur Christof Loy: Elisabetta bringt ihre Rivalin Maria Stuarda mit der Axt um. War es diese Szenerie, die dazu führte, dass ein Teil des Premierenpublikums sie mit Buh-Rufen quittierte?

Theater großer Gefühle

Loy lässt die Protagonisten vor der Pause in historischen Gewändern auftreten, danach in heutiger Alltagskleidung -auf einer Art Arena, deren Boden im Lauf des Geschehens zuweilen so gehoben wird, dass man nur von den oberen Rängen den einzelnen Aktionen wirklich folgen kann (Ausstattung: Katrin Lea Tag). Er konzentriert sich vor allem auf die beiden Hauptfiguren, macht daraus ein Theater großer Gefühle. Auf der einen Seite die schließlich alles verzeihende, gefasst in den Tod gehende Maria Stuarda. Auf der anderen ihre Widersacherin Elisabetta, die bis zum Schluss nicht erkennen will, dass sich Macht nicht im brutalen Durchsetzen subjektiver Interessen erschöpfen darf, sondern ebenso die Pflicht zu humanem Handeln miteinschließt. Und zwar ungeachtet persönlicher Enttäuschungen. Schließlich liebt sie Leicester, während dieser sich zu Maria Stuarda hingezogen fühlt.

Überraschend, dass die Inszenierung diese Ambivalenz nur zögerlich herausarbeitet. Dabei ist sie ein ebenso wichtiger Drehpunkt des Geschehens wie die Rivalität der beiden Königinnen. Ob dieser Konflikt mit einem prägnanter agierenden, stimmlich überzeugenderen Darsteller wie dem nur wenig tenorale Strahlkraft aufweisenden Norman Reinhardt deutlicher erkennbar geworden wäre?

Aber auch die von Loy ziemlich steif auf die Bühne gestellte Interpretin der Elisabetta, Alexandra Deshorties, erwies sich nicht immer auf der Höhe ihrer zweifellos höchst anspruchsvollen vokalen Aufgabe. Sie hatte in der vergangenen Saison ebenfalls in dieser Rolle, allerdings in Rossinis Version dieses Königinnenkampfes "Elisabetta, Regina d'Inghilterra", ihr Theater an der Wien-Debüt gefeiert. Marlis Petersen brillierte in der Titelpartie -nicht nur in der bewegend präsentierten Abschiedsszene -durch ihre technisch perfekte wie emotional differenzierte, stets packende Gestaltung.

Von den übrigen Protagonisten überzeugte Stefan Cernys Talbot am meisten. Untadelig wie stets der hier die höfische Gesellschaft symbolisierende Arnold Schoenberg Chor, der in die Maske seltsam agierender Mafiosi gezwängt wird. Um, wie es die Regie beabsichtigte, die Willfährigkeit der Hofschranzen glaubhaft zu suggerieren, hätte es einer reflektierenderen Personendarstellung und -führung bedurft, nicht aber der Einführung einer die Idee des Stücks nicht nur konterkarierenden, sondern sie um nichts weiterbringenden Metaebene. Paolo Arrivabeni am Pult des gut studierten ORF-RSO Wien brachte vor allem Routine ein. Feinnervigke t ist seine Sache nicht, umso mehr herzhaft-effektvolles Musizieren.

Maria Stuarda Theater an der Wien, 26., 28. Jänner

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