Don G. - © Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

„Don Giovanni“ an der Staatsoper: Vielfaches Scheitern am Felsen

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Zum Start des neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus bringt Barrie Kosky „Don Giovanni“ auf die Bühne der Wiener Staatsoper.

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Zum Start des neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus bringt Barrie Kosky „Don Giovanni“ auf die Bühne der Wiener Staatsoper.

Wegen Lockdown konnte der Beginn des auf mehrere Saisonen verteilten, neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus der Wiener Staatsoper nur gestreamt werden. Wie ein volles Haus auf diese Lesart von Barrie Kosky, der auch „Cosí“ und „Le nozze di Figaro“ inszenieren wird, reagiert hätte? Im Gegensatz zu Romeo Castelluccis von einer geradezu überwuchernden Bilder- und Assoziationsvielfalt bestimmtem Salzburger-Festspiel-„Don Giovanni“ lässt der Intendant der Komischen Oper Berlin diesen Mozart in einer betont amorphen Felsenlandschaft, die kurzfristig mit überdimensionierten Blumen schrill geschmückt ist (Katrin Lea Tag), ablaufen. Eine bewusst nüchterne Bühnenarchitektur als großzügige Spiel- und Projektionsfläche für die Protagonisten? Damit solches funktioniert, müssten diese deutlicher gezeichnet und geführt, dürften nicht bloß auf einige ihrer Facetten reduziert werden wie in dieser Inszenierung.

Ein bei allen Geschlechtern übertrieben testosterongesteuerter Titelheld und ein ihm zuweilen in infantiler Weise nachfolgender Leporello – noch dazu dargestellt in den fahlen, wenig durchschlagskräftigen ­Timbres von Kyle Ketelsen und Philippe Sly – sind weder ein origineller Zugang, geschweige denn eine neuartige Sicht auf diese Figuren und deren spezifische Konstel­lation. Vielmehr wird dadurch der Blickwinkel auf das schillernde Psychogramm beider Persönlichkeiten eingeschränkt. Dass sie wiederholt neu kostümiert auf die fahle Bühne kommen, ist bestenfalls ein kurzweiliger Blickfang. Und dass der Komtur (solide: Ain Anger) nach seinem Tod abgeht, als erfreute er sich bester Gesundheit, ist nicht gerade ein Beispiel für meister­haft durchdachte szenische Realisierung.

Steif und wenig belcantesk präsentierte sich Stanislas de Barbeyrac als mäßig Charme verstrahlender Don Ottavio, blass, vokal überfordert Hanna-Elisabeth Müller als von der Regie sehr nebstbei behandelte Donna Anna. Schauspielerisch präsenter, vielfach begleitet von stimmlichen Unschärfen zeigte sich die in anderem Repertoire ungleich über­zeugendere Kate Lindsey als outriert-selbstbewusst auftretende Donna Elvira. Haben, wie es diese Inszenierung offensichtlich weismachen will, Frauen in diesem Mozart tatsächlich nur Nebenrollen? In Joachim Kaisers fundiertem Buch über Gestalten in Mozarts Meisteropern, „Mein Name ist Sarastro“, hätte Kosky Gegenteiliges gefunden.

Nicht selten ist ein nicht von dramaturgischen Spitzfindigkeiten überfrachteter, sondern direkt aus der Musik gewonnener Zugang die bessere Lösung, wie Patricia Nolz und Peter Kellner als bagschierliche Zerlina und bodenständiger Masetto hinreißend vorzeigten. Philippe Jordan am Pult von Orchester und Chor der Staatsoper konzentrierte sich mehr auf untadelige Phrasierung und ein harmonisches Miteinander von Bühne und Orchestergraben als eine stets spannende Herausarbeitung der Dramatik des Sujets.

Don Giovanni
Wiener Staatsoper, wiener-staatsoper.at

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