Tugend und Lieben

1945 1960 1980 2000 2020

Opernpremieren in Wien: Benjamin Brittens tiefgründig-komödiantischer "Albert Herring" und Francesco Cilèas "Adriana Lecouvreur".

1945 1960 1980 2000 2020

Opernpremieren in Wien: Benjamin Brittens tiefgründig-komödiantischer "Albert Herring" und Francesco Cilèas "Adriana Lecouvreur".

Im Vorjahr waren es hundert Jahre, dass Benjamin Britten geboren wurde. Dass die Wiener Volksoper erst im Jahr danach eine seiner Opern aufs Programm setzt, mag man als zu spät kritisieren oder als Zeichen sehen, dass dieser "Orpheus Britannicus", wie man den britischen Komponisten bezeichnet, keines Jubiläums bedarf, um aufgeführt zu werden. Zudem machte es Sinn zu warten. So kam es zu dieser Koproduktion mit der zuerst im Innsbrucker Landestheater zu sehenden Inszenierung von Brigitte Fassbaender. Diese Regisseurin weiß aus ihrer Sängerkarriere nur zu gut, was Sängerinnen und Sänger jedenfalls wollen: stimmig geführt werden. Entsprechend dominiert in ihrer Lesart von Brittens "Albert Herring" Personenregie. Unter den Protagonisten ist niemand, den sie nicht mit einem klaren Profil zeichnet. Hat man bei der Führung und Darstellung der einzelnen Charaktere eine entsprechende Lösung gefunden, benötigt man auch nur die entsprechenden Kostüme und eine sich mit einigen Sesseln, einer typisch Londoner Telefonzelle und einem ebensolchen Briefkasten begnügende Szenerie (Bettina Munzer), um die entsprechende Atmosphäre für diese - hier vor allem aus ihrer Komödiantik gesehenen -Paraphrase um vermeintliche Tugend und jugendliches Erwachsenwerden zu schaffen.

Gerrith Prießnitz am Pult des gut studierten Volksopernorchesters sorgte für das entsprechende orchestrale Fundament. Aus dem sich harmonisch zu einem Team fügenden Sängerteam stachen Birgid Steinbergers herrlich ungeschickte Miss Wordsworth und Barbara Schneider-Hofstetters engstirnig-moralisierende Lady Billows heraus, während Sebastian Kohlhepp in der Titelpartie blass blieb und Morten Frank Larsen einen angestrengt wirkenden Mr. Gedge gab.

Vokaler Schwachpunkt

Nicht nur Britten -bei ihm war es Maupassants Novelle "Le Rosnier de Madame Husson" - ließ sich von einem französischen Text inspirieren, sondern auch Francesco Cilèa für seinen einzigen Welterfolg, "Adriana Lecouvreur", der endlich auch an der Wiener Staatsoper angekommen ist. Grundlage des sich um Liebe und Eifersucht drehenden Librettos von Arturo Colautti bildet Eugène Scribes und Ernest Legouvés Schauspiel "Adrienne Lecouvreur". Welche Ironie, dass der Vielumschwärmte in der sich um einen Mann und zwei Frauen drehenden Dreiecksgeschichte der vokale Schwachpunkt des Premierenabends war: der sonst so zuverlässige Massimo Giordano. Aber auch in besserer Verfassung hätte er den beiden, auch gestalterisch ungleich präsenteren Primadonnen kaum Paroli bieten können, selbst wenn Angela Gheorghiu in der Titelrolle bei allem Raffinement, mit dem sie dabei aufwartete, nicht darüber hinwegtäuschen konnte, den Zenit ihrer Karriere schon etwas überschritten zu haben. Umso mehr drängte sich die junge Elena Zhidkova in der Rolle von Adriana Lecouvreurs Widersacherin, La Principessa di Bouillon, in den Vordergrund, dank ihrer sich durch metallische Kraft auszeichnenden, exzellent geführten Stimme und beeindruckenden Bühnenpräsenz.

Kostümdominierte Inszenierung

Rollendeckend die anderen, von Roberto Frontalis markant gezeichnetem Michonnet überstrahlten Protagonisten, denen Evelino Pidò an der Spitze des mit glänzenden Soli (voran Konzertmeister Rainer Küchl) aufwartenden, klangintensiv musizierenden Staatsopernorchesters und Staatsopernchors (Thomas Lang) einen meist komfortablen Klangteppich legte. Missfallensäußerungen musste das von David McVicar angeführte Regieteam über sich ergehen lassen. Zu sehr konzentriert sich ihre kostümdominierte (Brigitte Reiffenstuel) Inszenierung auf die Nachstellung des historischen Ambientes (Bühne: Charles Edwards), während die Dramatik der Handlung nur oberflächlich abgehandelt wird.

Albert Herring - Volksoper

23., 25. Februar, 3., 9., 11., 20. März

Adriana Lecouvreur - Staatsoper

22. Februar, 4., 8., 12. März

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