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Pointen sind nicht genug

Mit Birtwistles Parsifal-naher Oper "Gawain“ und Verdis altersweisem "Falstaff“ startete Salzburg den Musiktheater-Reigen. Beide Male hätte man sich mehr erwartet.

Jedes Jahr eine Uraufführung versprach Alexander Pereira für seine Intendanz. Für das erste Jahr erwies sich die Vorlaufzeit zu kurz. Deshalb fiel seine Wahl auf einen Klassiker der jüngeren Moderne, Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten“, wofür er prompt die größte Zustimmung bei seinem ersten Festspielsommer erhielt. Für diesmal war eine neue Oper von György Kurtág avisiert. Weil sie nicht rechtzeitig fertig wurde, disponierte man auf eine österreichische Erstaufführung um: Harrison Birtwistles 1991 in London uraufgeführte zweiaktige Oper "Gawain“. Zum Erfolg führen sollte diese Produktion das schon bei den "Soldaten“ gefeierte Leading Team Ingo Metzmacher-Alvis Hermanis. Was konnte da schiefgehen? Aber Sensationen lassen sich nun einmal nicht ohne Weiteres wiederholen. Und so geriet dieser Musiktheater-Auftakt zur veritablen Enttäuschung. Was vorweg am Stück selbst liegt

Gawain auf der Suche nach sich selbst

Der Stoff eignet sich nur bedingt für spannendes Musiktheater. Eine sich episch dahin walzende Episode aus der Artus-Sage: die Geschichte jenes Gawain, der erst einmal einem Ritter in grüner Gestalt den Kopf abschlagen, danach eine Reise zur Selbstfindung antreten soll, um sich im Jahr darauf selbst dieser Prozedur zu unterziehen. Ein stark von Mythen durchzogenes, mehrfach mit der Zahl 3 kokettierendes Sujet mit zuweilen parallelen Handlungssträngen.

Assoziationen mit Wagners "Parsifal“ tun sich auf. Denn die Artus-Ritter gemahnen an die Gralsbruderschaft, Gawain erinnert an die Titelrolle. Selbst wenn er, wie hier in der Felsenreitschule, Züge von Joseph Beuys trägt, von dessen Installationen sich Hermanis auch bei seinem Bühnenbild hat inspirieren lassen. Schließlich thematisiert er bei seiner von unnötigen Videoeinspielungen begleiteten Inszenierung nicht den Konflikt von Heiden- und Christentum, sondern demonstriert - überfrachtet von choreografischen Einschüben, dafür ohne nähere Personenzeichnung - seine Ideen von einer menschlichen Welt nach einer ökologischen Katastrophe. Die Figur von Beuys als einem der ersten geistigen Väter der Ökologiebewegung passt in ein solches Konzept, das allerdings die selbst skizzenhafte Schilderung der Handlung in den Hintergrund rückt, aber auch zu Birtwistles unterschiedlicher rhythmisierter, weit gespannter, klangflächenartiger Musik nur bedingt passt.

Entsprechend zog sich der mit höflichem Beifall bedankte Premierenabend, zumal auch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und der Salzburger Bachchor unter Ingo Metzmacher nur für eine meisterhaft-exakte Darstellung der Partitur sorgten. Ungleich emphatischer agierten die Solisten, angeführt von Christopher Maltman in der Titelpartie, dem exzellenten John Tomlinson als Green Knight/Bertilak, Jennifer Johnstons präsenter Lady de Hautdesert, der ebenso wortdeutlichen wie stimmgewaltigen Laura Aikin (Morgan la Fay) und Gun-Brit Barkmin (Guinevere) sowie dem im Rollstuhl die von apokalyptischer Endzeitstimmung kündende, teilweise mit viel Grün ausgestattete Bühne querenden Jeffrey Lloyd-Roberts als markantem King Arthur.

Falstaff im Altersheim

Auch beim neuen "Falstaff“ geht es nicht ohne Rollstuhl ab. Selbst wenn sich Ford rasch daraus erhebt. Schließlich lässt Regisseur Damiano Michieletto, begleitet von den dazu passenden Bühnenbildern von Paolo Fantin, die Handlung nicht auf den Originalschauplätzen ablaufen, sondern schildert sie als Traumerzählung des alten Sängers Falstaff im Ambiente jenes Altersheimes für Musiker, das Verdi in Mailand geschaffen hat. Wenigstens anfangs hat diese Idee Charme. Spätestens im Schlussbild, wenn Falstaff vor dem Finale von seinem eigenen Begräbnis träumt, zeigt sich die Problematik eines solchen Schauplatzwechsels. Was auch damit zusammenhängt, dass die Regie die einzelnen Protagonisten zwar geschickt führt, aber zu wenig klar zeichnet.

So entpuppt sich diese komödiantisch begonnene Regie bald als nicht mehr näher ausgeführte Pointe. Auch musikalisch waren Abstriche zu machen, abgesehen vor der über jeden Zweifel erhabenen Gestaltung der Titelpartie durch den grandiosen Ambrogio Maestri und der exzellenten Mrs. Quickly von Elisabeth Kulman. Massimo Cavalettis Ford und Fiorenza Cedolins Alice fehlte es an Glanz und Kontur, Stephanie Houtzeels Meg Page an Eigenpersönlichkeit. Untadelig Javier Camarenas Fenton und Eleonora Burattos bagschierliche Nannetta. Durchschnittlich die übrigen Protagonisten. Zubin Mehtas Dirigat an der Spitze der souverän musizierenden Wiener Philharmoniker und des Philharmonia Chors zielte vor allem auf Präzision und eine differenzierte Dynamik. Zum Schwingen brachte er die Musik dieser kostbaren Commedia lirica nur selten.

Gawain

2., 8., 15. August

Falstaff

3., 4. 6., 7. August

www.salzburgerfestspiele.at

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