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Packendes Gemälde einer haltlosen Gesellschaft

Bejubelt wurde die letzte Musiktheater-Premiere der Salzburger Festspiele: "Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann. Auch Wien sollte sich um diese Produktion bemühen.

Eine Oper nach Tennessee Williams’ "Camino Real“ oder eine Revue mit dem Titel "Les Rondeaux“ nach einer Vorlage des englischen Renaissance-Dramatikers Ben Jonson? Bernd Alois Zimmermann, der älteste unter den jungen Komponisten, wie er sich nicht ohne Anflug von Ironie bezeichnete, war unschlüssig. Erich Bormann, Oberspielleiter der Kölner Oper, brachte ihn schließlich auf die entscheidende Fährte und führte ihn Ende der 1950er-Jahre zu den "Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz.

Eine Komödie nennt der Dichter sein Stück, freilich in einem sehr spezifischen Sinn. Für ihn ist es ein "Gemälde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemälde nicht lachend werden“. Man muss diese Interpretation kennen, wenn man sich mit diesem zwischen Aufklärung und Sturm und Drang spielenden Werk auseinandersetzt, das weit mehr ist als die Darstellung des in der Gosse endenden Lebens eines "hübschen Bürgermädchens“, wie Zimmermann die Hauptprotagonistin seines Vierakters, Marie, beschreibt. Es ist das Bild einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die Unschuldige zu Schuldigen werden lässt.

Antimilitaristischer Impetus

Letzteres ist aktuell, Ersteres historisch. Deswegen versetzt Regisseur Alvis Hermanis, der bisher ein einziges Mal Opernregie geführt hat, die Handlung in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Nicht weil es längst Mode geworden ist, Stoffe zu aktualisieren, sondern weil um diese Zeit der Höhepunkt bürgerlicher Kultur einem kriegerischen Zerstörungswahn hat weichen müssen. Auch mit einem solchen inszenatorischen Zeitenwechsel lässt sich der diesem Stück - Zimmermanns genau die Dramatik des Stoffs treffende, höchst kunstvoll erdachte Musiksprache bindet collageartig Muster des Barocks bis hin zum Jazz ein - innewohnende Antimilitarismus packend veranschaulichen. Zumal in dieser Szenerie in der für ein solches multimediales Stück wie geschaffenen Felsenreitschule. Hermanis lässt vor einer die gesamte Raumbreite ausfüllenden Verdoppelung der Felsenreitschularkaden spielen, nutzt gleichermaßen den Ort davor und dahinter, wo immer wieder Pferde als Hinweis auf die originäre Verwendung dieses einzigartigen Ambientes sichtbar werden.

So spart er sich - das Libretto verwischt bewusst die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, mehrfach kommt es zu Simultansituationen - das Einziehen einer weiteren Bühnenfläche, womit einst Harry Kupfer bei seiner exemplarischen Stuttgarter "Soldaten“-Inszenierung, die 1990 auch an der Wiener Staatsoper zu sehen war, auftrumpfte. Diese Idee hat den von Lenz wie Zimmermann angestrebten Gleichzeitigkeitseffekt unterschiedlicher Handlungsstränge deutlicher gemacht, die Lösung von Hermanis ist der für Salzburg gefundenen musikalischen Realisierung geschuldet. Ingo Metzmacher, der gefeierte Dirigent dieses Abends - er hat die Partitur vor Jahren mit dem Uraufführungsdirigenten der "Soldaten“, Michael Gielen, minutiös erarbeitet - hat sich entschieden, auf die üblichen Tonbandeinspielungen zu verzichten und musste daher Platz haben, um den gewaltigen Orchesterapparat im Festspielhaus unterzubringen. Womit die Klänge bei dieser durch aufwühlende Perfektion wie unmittelbare Eindringlichkeit bestimmten Premiere aus dem Orchestergraben, von links und rechts der Bühne, aber auch vom Dach kamen. Ein bis ins Detail erdachtes Klangtheater, das von den mit exzellenten solistischen Einwürfen aufwartenden Wiener Philharmonikern auf allerhöchstem Niveau realisiert wurde.

Große Darstellerkunst

Ein Kompliment, das auch den beispielhaft wortdeutlichen, subtil geführten Darstellern zu machen ist, die sich auf der nur mit wenig Requisiten bestückten Bühne auf unterschiedliche Weise austoben können. Angefangen von Laura Aikins ganz auf Naivität getrimmter Marie und Alfred Muffs prägnantem Wesener, der seine Tochter zum Schluss nicht mehr erkennt, über Tanja Ariane Baumgartner als Maries Schwester Charlotte, Tomasz Konieczny als facettenreichen Stolzius bis hin zu Gabriela Beˇnaˇcková, die einmal mehr die Register ihrer großen Darstellerkunst zieht, als Gräfin de la Roche und Daniel Brenna als fabelhaftem Desportes.

Weitere Termine

24., 26., 28. August

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