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Nicht ausschließlich bejubelt

1945 1960 1980 2000 2020

Eine prächtig gesungene "Elektra" hatte an der Wiener Staatsoper Premiere. Bei den Salzburger Osterfestspielen überzeugten die Verismo-Opern "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" unterschiedlich.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine prächtig gesungene "Elektra" hatte an der Wiener Staatsoper Premiere. Bei den Salzburger Osterfestspielen überzeugten die Verismo-Opern "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" unterschiedlich.

Nicht immer fällt das Urteil so eindeutig aus wie bei der letzten Wiener "Elektra"-Premiere an der Staatsoper. Inszenierung und Szene wurden ausgepfiffen. Auf den Dirigenten verteilten sich Zustimmung und Buhs. Die Sänger wurden einhellig gefeiert. Sie waren auch das Ereignis dieses Abends. Voran die in dieser Rolle debütierende Nina Stemme als in jeder Phase des Geschehens mitreißende Elektra, die gleichfalls ihre dramatischen Möglichkeiten auskostende, in letzter Minute für Anne Schwanewilms eingesprungene Ricarda Merbeth als ebenso überzeugende Chrysothemis, Anna Larsson als artikulationsklare Klytämnestra, Falk Struckmann als persönlichkeitsstarker Orest und Norbert Ernst als makelloser Aegisth an der Spitze einer auch bei den übrigen Comprimari untadeligen Besetzung.

Differenzierter ist der Dirigent Mikko Franck zu beurteilen, der nach "Lohengrin", den er im Vorjahr für Bertrand de Billy kurzfristig übernommen hatte, seine zweite Staatsopern-Neuproduktion leitete. Ein im besten Sinne solider Kapellmeister: Er ließ nicht nur zu Beginn das Orchester zu laut aufspielen, entzündete sich an einzelnen Passagen mehr als an den großen Spannungsbögen, weiß aber um die Stärken des Staatsopernorchesters, dem er stets den nötigen Raum bot, um seine Klangkultur, auch in den Soli, souverän auszuspielen.

Epische Interpretationen des Dirigenten

Ob ohne den die Bühne zu dominierenden Paternoster, ohne Koffer, in dem Elektra die Hacke versteckt, ohne Rollstuhl für Klytämnestra und ins Heute gewendeten Kostümen (Rolf und Marianne Glittenberg) deutlicher geworden wäre, dass Regisseur Uwe Eric Laufenberg die antike Geschichte durchaus präzise erzählt, die Personen gut führt? Aber hat es nicht auch bei der letzten "Elektra"-Produktion, immerhin eine Harry-Kupfer-Arbeit, einige Zeit gedauert, ehe man sich an diese Erzählperspektive gewöhnt hatte?

Noch einmal verantwortete Peter Alward das künstlerische Geschehen der Salzburger Osterfestfestspiele. Demnächst wird ihm der frühere Intendant der Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka, nachfolgen. Seine erste Opernproduktion wird Verdis "Otello" sein. Italienisches stand schon diese Ostern auf dem Programm: die Verismo-Einakter "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci". Nicht gerade - wie sich bei der Premiere zeigte - das ideale Repertoire für Christian Thielemann und seine Sächsische Staatskapelle Dresden. Sie antwortete auf die Details auskostende, zuweilen auch epische Interpretation ihres Chefdirigenten nicht durchgehend mit jener irisierenden klanglichen Differenziertheit und stupenden Präzision, wie in den Jahren zuvor bei "Parsifal" und "Arabella".

Dem begeisterten Applaus tat dies keinen Abbruch. Davon profitierten auch die Sängerinnen und Sänger, die von Jonas Kaufmann - er überzeugte als verhalten beginnender Turiddu weniger, denn als brutal-entschlossener höhensicherer Canio -dominiert wurden. Liudmyla Monastyrska (Santuzza) hatte gegen heftiges Tremolieren anzukämpfen. Farblos Annalisa Stroppa (Lola), routiniert Stefania Toczyska (Lucia). Ambrogio Maestris Alfio fehlte es an Tiefe, Maria Agresta (Nedda) ließ die nötige Flexibilität vermissen, Alessio Arduini enttäuschte als zu steifer Silvio. Auch von Dimitri Platanias (Tonio) und Tansel Akzeybek (Pepe) hätte man sich mehr gestalterisches Eigenprofil erwartet.

Originell aber undurchdacht

Fehlte Regisseur Philipp Stölzl die Zeit, um mit den Darstellern intensiver zu arbeiten? Hat er sich zu sehr auf sein durchaus originelles Bühnenbild - sechs auf zwei Ebenen verteilte Kammern, zuweilen unterstützt von Live-Videos, wobei er Mascagnis "Cavalleria rusticana" in einem schwarz-weiß Ambiente, Leoncavallos "Pagliacci" in bunten Dekorationen ablaufen lässt - konzentriert? Aber selbst diese Idee wirkte zuweilen mehr als work in progress denn bis in die letzte Konsequenz durchdacht und gestaltet, was das Publikum entsprechend quittierte.

Elektra

Wiener Staatsoper, 4., 7., 11., 16. April

Cavalleria rusticana/Pagliacci

Salzburger Osterfestspiele ,6. April

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