Salzburger Festspiele: "Roméo et Juliette" überzeugte dank der Sänger, mehr noch aber aufgrund des Dirigenten Bei Verdis "Otello" hatten die Sänger gegen den Orchestersturm keine Chance.

Denn stark wie die Liebe ist der Tod": Am treffendsten wird das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele wohl mit jenen zwei Opernproduktionen eingelöst, die jeweils auf einem Stoff von Shakespeare beruhen: Giuseppe Verdis "Otello" und Charles Gounods "Roméo et Juliette"; zwei klassische, modellhafte Liebestragödien im Gewand der Oper des 19. Jahrhunderts. Es sind zwei musikalisch exzellente Aufführungen in konventioneller Inszenierung, doch mit gänzlich unterschiedlichem Ergebnis: die eine ein vom Premierenpublikum umjubelter und mit stehenden Ovationen bedachter Erfolg, die andere ein vom Publikum nach kurzem Applaus im Salzburger Regen stehengelassener, von der Kritik zerrissener Flop.

Neue "Traumpartner"

Die geglückte der beiden Aufführungen ist "Roméo et Juliette", eine Produktion, die im Vorfeld vom aufgeregten Geschnatter der Klatschblätter verfolgt wurde: das Salzburg-Comeback von Rolando Villazón nach seiner Stimmkrise, dazu mit Nino Machaidze eine "neue Netrebko", nachdem die echte Anna Netrebko mit Erwin Schrott zumindest fürs Privatleben einen neuen Traumpartner gefunden hat … Dazu ist zu sagen: Villazón ist in guter, aber noch nicht in Höchstform. Seine Stimme scheint mit fortschreitender Stunde immer mehr zu ermüden, außerdem lässt der mexikanische Tenor so manchen riskanten Spitzenton aus. Dank seines nach wie vor ergreifenden stimmlichen Schmelzes, seiner Leidenschaft und seiner Spielfreude dennoch eine sehr gute Vorstellung. Auch die junge georgische Sängerin an seiner Seite macht eine gute Figur: Nino Machaidze hat einen dunkel gefärbten, sehr ausdrucksstarken Sopran mit hohem Wiedererkennungswert, darüber hinaus sieht sie hinreißend aus und kann gut spielen. Ebenfalls eine sehr gute Vorstellung, wiewohl nicht die von der Regenbogenpresse heraufbeschworene Sensation.

Wirklich herausragend hingegen ist die Arbeit des jungen französischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin: Das Mozarteum Orchester Salzburg gewinnt der vergleichsweise leichtfüßigen, den Tod als etwas Süßes verklärenden Musik Leidenschaft und Inbrunst ab und macht aus der berühmtesten Liebesgeschichte der Weltliteratur ein packendes Melodram. Für ein wenig Auflockerung sorgt die für die Handlung unwesentliche, aber mit einer großen Arie ausgestattete Buffopartie des Stéphano, Roméos Page - eine Hosenrolle, in der Cora Burggraaf brilliert. Auch an der weiteren Besetzung (unter anderen Falk Struckmann als Capulet und Christian Van Horn als Herzog) gibt es nichts zu bemängeln.

"Roméo et Juliette" beginnt in Salzburg mit einer Vergewaltigung - vielleicht dem Ursprung der Familienfehde, vor deren Hintergrund die Tragödie ihren Lauf nimmt -, doch damit ist auch schon Schluss mit den sogenannten Regiemätzchen. Regisseur Bartlett Sher kommt vom Musical und das merkt man: Realistische Darstellung ist ihm ebenso wichtig wie eindrucksvolle Bühneneffekte. Kurzum: es ist eine perfekte Show. Sher versteht es, seine Darsteller zu führen und weiß auch Chor und Statistenheer glänzend zu steuern. Immer ist alles in Bewegung, viele kleine Geschichten und Gesten erzeugen das lebendige Bild einer Gesellschaft, dennoch geht der Fokus auf das Wesentliche nie verloren. Die stets aufs Neue eindrucksvollen, aus dem Felsen gehauenen Arkaden der Felsenreitschule sind wie selbstverständlich Hauptbestandteil des dezenten Bühnenbildes (Michael Yeargan). Warum allerdings die prächtigen Kostüme (Catherine Zuber) im Stile des Rokoko - des ancien régime, wie in Frankreich die Zeit vor der Revolution von 1789 genannt wird - gehalten sind, bleibt ein Rätsel.

Hölzener Otello

Noch im Jahr der Uraufführung von "Roméo et Juliette", 1867, galt ein Opernkomponist erst dann als wirklich arriviert, wenn seine Werke in Paris Erfolg hatten. Das galt sogar für Giuseppe Verdi. Zwanzig Jahre später hatte der unbestrittene Meister der italienischen Oper die Anbiederung an die französische Oper nicht mehr nötig. Mit "Otello" schrieb er ein Werk, das ganz und gar unfranzösisch, eher von Wagner beeinflusst ist, aber die italienische Tradition nicht verrät: ein bis in die kleinste Note der Schilderung von Gemütszuständen verpflichtetes Seelendrama, das die Schattenseite unbändiger Liebe hervorkehrt - mörderische Eifersucht.

Die helle und die dunkle Seite der Liebe schillert in Salzburg vor allem in den Streichern, die sich mit Wonne in wahrhaft symphonische Dimensionen aufschwingen. Was Dirigent Riccardo Muti im Großen Festspielhaus aus "Otello" macht, bewog den Kritiker der Presse zu dem Schluss, hier sei "eine bisher völlig unbekannt gebliebene symphonische Dichtung" Verdis uraufgeführt worden. Man könnte es auch anders ausdrücken: Die Wiener Philharmoniker spielen großartig, aber so laut, dass keine Stimme gegen den geballten Orchesterklang ankommt. Nicht der noble Bariton von Carlos Álvarez (Jago), nicht der stattliche Sopran von Marina Poplavskaya (Desdemona) und schon gar nicht der unbewegliche Tenor von Aleksandrs Antonenko, der als hölzerner Otello schwer enttäuscht.

Phantasielose Szene

Die Inszenierung von Stephen Langridge ist konventionell, will heißen: Die Kostüme (Emma Ryott) sind historisch, die Geschichte bleibt immer verständlich, die Handlungen der Figuren sind nachvollziehbar. Allerdings lassen des Regisseurs Fähigkeiten, den Figuren Leben zu verleihen, zu wünschen übrig: Die phantasielose und statische Anordnung des Chores zeigt, dass die Personenführung nicht nur am schauspielerischen Unvermögen seines Hauptdarstellers Antonenko scheitert. Gemäßigt modern ist allein die Bühne (George Souglides): ein rostiger, klobiger Monumentalbau, der sich nach hinten in einen kleinen, von warmen Farben durchfluteten Sehnsuchtsraum öffnet. Auch das Bühnenbild ist leicht zu dechiffrieren: die subtilen Bruchlinien, die die venezianische Gesellschaft bis in den äußersten Vorposten durchziehen und schließlich mehrfach aufbrechen; das Verhängnis, das gnadenlos seinen Lauf nimmt, nachdem Otello in einem Wutausbruch die Wand eines Speichers demoliert und Getreide gleich dem Inhalt einer Sanduhr zu Boden rieselt.

In Summe ist dieser "Otello" eine misslungene Aufführung. Sogar das illustre Premierenpublikum setzte sich lieber dem über Salzburg niedergehenden Wolkenbruch aus anstatt auch nur eine Handvoll Beifall mehr als das absolute Minimum zu spenden.

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