Ein historisches Opernprojekt

Mit "Don Giovanni“ und "Così fan tutte“ in ziemlich gleich bleibender Besetzung komplettierte Nikolaus Harnoncourt sein semikonzertantes Mozart-Da Ponte-Projekt im Theater an der Wien.

Es hätte sich so ideal gefügt. Zuerst "Così fan tutte“ mit dem Leading Team Nikolaus Harnoncourt und Martin Kusej. Wenige Wochen später - gleichfalls im Theater an der Wien - anlässlich der "Wiener Festwochen“ die schon in Madrid bejubelte Michael Haneke-Version dieses Mozart. Eine exzellente Einladung zum Vergleich. Nicht nur aus Regie-Perspektive, sondern auch von der musikalischen Seite. Denn die Madrider "Così“ wird Sylvain Cambreling dirigieren, ein Interpret, der im Gegensatz zu Harnoncourt nicht von der Alten Musik herkommt, sondern sich mit Vorliebe zeitgenössischen Entwicklungen widmet. Aber es hat nicht sollen sein. Neue berufliche Aufgaben zwangen Kusej zur Absage.

Weil Harnoncourt aber nur mit ihm diese "Così“ realisieren wollte, schien guter Rat teuer. Vor allem, weil man sich von dieser Idee nicht ganz verabschieden wollte. Noch dazu, wo Harnoncourt durchblicken ließ, dass es ein letztes Mal sein könnte, dass er sich mit dieser Oper beschäftigt. So kam es zur Überlegung, diesen Mozart gleich durch Mozart-Opern zu "ergänzen“, die ebenfalls Lorenzo Da Ponte zum Librettisten haben. Womit sich zu "Così“ "Don Giovanni“ und "Le nozze di Figaro“ gesellten. Geplant in rascher zeitlicher Aufeinanderfolge, mit mehr oder minder denselben Protagonisten. Und zwar szenisch. Als eine Art Vermächtnis des Mozart-Operndirigenten Harnoncourt.

Nicht das beste Ensemble

Geworden ist es eine sogenannte semiszenische Produktion, denn das Fernsehen hätte sonst diese Vorstellungen gewiss nicht mitgeschnitten. Allein, die dafür kreierten Auf- und Abgänge der in den stilistisch unterschiedlichsten Kostümen agierenden Protagonisten wirkten nicht nur unterschiedlich logisch. Sie führten auch zu keiner Vertiefung des Verständnisses der jeweiligen Handlungen. Dazu hätte es einer ordnenden szenischen Hand bedurft. Womit man es besser bei rein konzertanten Aufführungen hätte belassen können - und auch sollen. Noch dazu, wo sich im Laufe dieser überbuchten Abende (die Opern wurde jeweils zweimal präsentiert) deutlich zeigte, dass dabei so manche der Protagonisten in ihrer Rolle debütierten und noch sehr auf die Noten vor sich angewiesen waren.

Apropos Protagonisten: Hier hatte man nicht die beste Hand. So nachvollziehbar es ist, dass Harnoncourt - er verlangte von seinem ihm unterschiedlich präzise folgenden Concentus musicus meist noch harschere Töne und schroffere Akzente, als von ihm bisher schon bekannt, zudem eine besondere Flexibilität in den Tempi, was die Sängerinnen und Sänger nicht selten bis an Grenzen ihrer Möglichkeiten brachte - für diese Mozart-Perspektive eine ziemlich gleich bleibende Besetzung forderte, so unterschiedlich wurde diese Auswahl den jeweiligen Anforderungen gerecht. Indisponiert und in hörbar nicht bester Verfassung konnte Christine Schäfer weder als "Figaro“-Gräfin noch als Donna Anna ("Don Giovanni“) die geforderte Leistung bringen. Ebenso unverständlich das Engagement des jungen, ohne entsprechendes Material aufwartenden, scharf artikulierenden Andrè Schuen für die Partien Figaro, Don Giovanni und Guillelmo.

Auch Mauro Peter bräuchte noch Zeit, um untadelig Aufgaben wie Basilio/Don Curzio, erst recht Don Ottavio und Ferrando zu lösen. Wobei er, keine Frage, in der abschließenden "Così“ am lockersten und auch überzeugendsten war. Was auch für die als "Figaro“-Susanna mehr als problematische Mari Eriksmoen zutrifft, die im "Don Giovanni“ eine erfolgreich um Eigenprofil ringende Zerlina war, in der "Così“ schon eine souveräne Fiordiligi gab.

Mehr Eigenpersiflage denn süffisante Ironie sprach aus Markus Werbas Darstellung des damit nicht in allen seinen Facetten erfassten Don Alfonso. Und für Elisabeth Kulmans Auftritte als Despina in der "Così“ traf zu, was schon ihr Auftritt als Cherubino“ in "Le nozze di Figaro“ deutlich machte: Sie ist über dieses Fach längst hinaus. Weit hinaus. Auf der sängerischen Habenseite waren ausdrucksstark Maite Beaumont als Donna Elvira ("Don Giovanni“) und Katija Dragojevic als Dorabella ("Così“), sowie der etwas polternde Leporello von Ruben Drole und der lautstarke Mika Kares als Commendatore und Masetto (beides "Dion Giovanni“). Trotz aller Einschränkungen: ein historisches Projekt.

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