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"Und die Liebe triumphierte ?"

Die Wiener Staatsoper eignet sich auch als Haus für Barockopern. Das zeigt die umjubelte Premiere von Händels "Alcina" mit Marc Minkowski am Pult in der Regie von Adrian Noble.

Was in anderen Opernhäusern längst selbstverständlich ist, hat nun auch im Haus am Ring Einzug gehalten: die Barockoper. Und zwar mit so einhelligem Erfolg, dass man sicher sein kann, dass sich die Idee des neuen Staatsoperndirektors Dominique Meyer, einmal in der Saison das Haus für dieses Genre zu öffnen, bereits bei diesem ersten Mal durchgesetzt hat. Dabei hat es im Vorfeld genug Zweifler gegeben. Zu groß sei das Haus, das Publikum werde nicht akzeptieren, dass im Orchestergraben nicht das angestammte Orchester, sondern ein auf Barock spezialisiertes Ensemble musizieren werde, lauteten die Argumente.

Aber, wie es bei solchen Prophezeiungen zumeist der Fall, nichts von alldem ist eingetreten. Marc Minkowski und seine exzellenten Musiciens du Louvre - Grenoble agierten mit einer Sicherheit, als wäre es ihre angestammte Spielstätte. Sie breiteten Händels 1735 in London uraufgeführte "Alcina"-Partitur mit nie erlahmender Impulsivität und Expressivität aus, waren den Sängern einfühlsame Begleiter wie ideale Mitgestalter, garantierten den Mitgliedern des Wiener Staatsballetts für ihre sorgfältig präsentierten Balletteinlagen (Choreografie: Sue Lefton) einen ebenso prächtigen orchestralen Teppich, bildeten damit die Basis für aufregendes Musiktheater.

Als Quelle für das Libretto dieses dreiaktigen Dramma per musica wird gerne der 6. und 7. Gesang aus Ludovico Aristos "Orlando furioso" angegeben. Tatsächlich reicht die Entstehungsgeschichte weiter zurück, denn Alcina ist der Zauberin Kirke aus Homers "Odyssee" nachgebildet. Zudem nahm der unbekannt gebliebene Librettist noch Anleihen beim Textbuch der 1728 in Rom uraufgeführten, heute in Vergessenheit geratenen Oper "L'isola di Alcina" von Riccardo Broschi. Darauf ist Händel vermutlich im Zuge seiner Italienreise 1729 gestoßen.

Wandlung der Alcina im Mittelpunkt

Entstanden ist "Alcina" für das damals neue Londoner Covent Garden Theatre, wo sie mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben wurde. Genau dort setzt die Inszenierung von Adrian Noble an. Denn als Rahmenhandlung für dieses immerhin fast vierstündige Werke ließ er sich, dazu inspiriert von seiner Frau, den Ballsaal der legendären so reichen wie umschwärmten Herzogin von Devonshire einfallen, die hier zusammen mit Freunden und Mitgliedern ihrer Familie Händels "Alcina" aufführt.

So findet man sich von Beginn weg im stilvollen Ambiente des Inneren eines barocken Palastes, was automatisch den Bühnenraum (Ausstattung: Anthony Ward) verkleinert. Im Laufe des Abends wird die Hinterwand geöffnet und gibt den Blick in eine weite Landschaft preis. Da genügen dann ein paar Sessel als Requisiten, lässt sich auf sonst oft peinlich wirkende Maskierungen verzichten, bewegen sich die einzelnen Protagonisten als klar gezeichnete Persönlichkeiten, werden die Allegorien als allgemein gültige Themen dechiffriert.

Denn im Mittelpunkt der durch zahlreiche Verwandlungen und Irritationen angereichteren Handlung steht die Wandlung der Alcina. So lange sie auf ihre Zauberkraft vertrauen kann, spielt sie mit ihren Liebhabern. Als sie ihren Zauber verliert, erkennt sie, was Liebe wirklich bedeutet, dass sich mit Menschen und ihren Gefühlen nicht spielen lässt. Ebenso entrollt diese "Alcina" ein Bild vom Umgang der Frauen mit ihrer Sexualität, aber auch ihrer Abhängigkeit im 18. Jahrhundert. Weil der Shakespeare-erfahrene Adrian Noble - er wirkte 13 Jahre als Intendant der Royal Shakespeare Company - vorweg den Blick auf diese Grundthematik fokussiert, haftet selbst den Da-capo-Arien nichts Statisches an, werden sie ganz natürlich zum Ausdruck erlebter Gefühle. Nicht die äußere Handlung wird zum Thema, sondern der jeweils unterschiedlich vorgeführte innere Zwiespalt, das sehr persönliche Umgehen mit Situationen, die schließlich überzeugend bewältigt werden.

Bravouröse stimmliche Leistungen

"Das Böse wandelte sich ins Gute und die Liebe triumphierte! Dieser glückliche Tag bringt uns wieder Frieden und unser Herz jubelt trotz List und Trug!" lautet das Resümee dieser Reise durch unterschiedliche Seelenlandschaften, die im Haus am Ring auch durch außerordentliche stimmliche Leistungen geprägt ist. Voran Anja Harteros als bewegend ihr Schicksal besingende Alcina, Vesselina Kasarova als hochvirtuos-empfindsamer, dramatischer Ruggiero, Shintaro Nakajima (ein Wiener Sängerknabe) als bravourös seine Aufgaben bewältigender Oberto.

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