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Auf den Stufen des Schicksals stolpernd

Mit einer musikalisch wie szenisch noch etwas skizzenhaften Neuproduktion von "L’Orfeo“ begann das Theater an der Wien seinen auf drei Spielzeiten angelegten Monteverdi-Zyklus.

Ehe er 2015 als Intendant zu den Bregenzer Festspielen wechseln wird, hat Roland Geyer vor, im Theater an der Wien noch an die vierzig Produktionen zu zeigen. Unter an anderem die drei Monteverdi-Opern "L’Orfeo“, "Il ritorno d’Ulisse in Patria“ und "L’incoronazione di Poppea“. Warum sollte es nicht möglich sein, auch mit diesen ersten Zeugnissen der europäischen Oper jene Erfolge zu landen, die er in den vergangenen Jahren mit weit weniger bekannten Barockopern verbuchen konnte?

Orpheus als Alkoholiker

Begonnen wurde das Projekt mit der frühesten, auch kürzesten dieser drei Monteverdi-Opern, auch wenn durch eine Pause nach dem dritten Akt die Aufführungsdauer von "L’Orfeo“ länger als gewohnt war. Anders als gewohnt war auch die szenische Realisierung durch Claus Guth, mit dem Geyer auch bei seiner neuen Aufgabe in Bregenz mehrfach zusammenarbeiten wird. Er hat sich von seinem Bühnenbildner (und Ausstatter) Christian Schmidt ein wenig atmosphärisches Wohnzimmer mit einer zwei Ebenen verbindenden Treppe bauen lassen, um hier seine Version dieser Geschichte zu erzählen. Nicht der antike Mythos des Sängers Orpheus fasziniert den Regisseur, sondern das wechselhafte Schicksal eines heutigen Menschen, der daran zerbricht, sich in den Selbstmord flüchtet, um schließlich an der Hand seines Vaters, Apollo, in eine andere Welt zu wandern, in der Hoffnung, dort wieder mit seiner Euridice vereint zu sein.

Entsprechend treten die Darsteller in heutiger Straßenkleidung, bei der Hochzeit in Smoking und langen Kleidern auf. Ganz ohne antike Klischees geht es freilich nicht ab, denn die Hochzeitsgäste bauen für die Feierlichkeiten in das von der Treppe dominierte Zimmer das Portal eines Tempels ein und zeigen sich wiederholt mit Lorbeerkränzen geschmückt. Später konfrontieren Videos (Arian Andiel) mit jenem Unbewussten, auch jener Illusion, die Orfeo nach dem Tod seiner Euridice immer wieder plagen. Dass Caronte beim Versuch, Orfeo den Weg in die Unterwelt zu versperren, nicht durch dessen Gesang, sondern dessen Alkoholismus überwältigt wird, zählt zu den ebenso entbehrlichen Zutaten dieser Inszene wie die ausführliche Darstellung von Orfeos zuerst durch die Einnahme von Tabletten, dann durch die Scherben eines geborstenen Spiegels bewerkstelligtem Selbstmord.

Solcher mehr den Voyeurismus als die Sache bedienender Bilder bedürfte es freilich nicht, denn die Fragestellungen der Inszenierung liegen von Anfang an klar auf der Hand: Wie weit kann ich gehen, um Antworten auf mir unerklärliche Schicksalsschläge zu bekommen? Wie sehr bringt mich dabei der Glaube an Außergewöhnliches, Überirdisches weiter? Selbstredend, dass eine Lösung im Tod liegt - als Tor zu einer anderen, besseren Welt. Ebenso selbstverständlich, dass man in einem solchen Moment neuer, vielleicht auch letzter Hoffnung an das persönlich größte Glück zurück denkt, das man in der bisherigen Welt erleben durfte. Folgerichtig kehrt am Ende dieser psychologisch angereicherten, auf konzise Personenführung zielenden Regie jenes zu Beginn gezeigte Bild der ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft wieder, die Orfeo in höchster Euphorie mit Euridice zeigt.

Wie sehr dieses Konzept bereits Hinweise auf die szenische Auflösung der beiden folgenden, für die kommenden Spielzeiten avisierten Monteverdi-Opern geboten hat, wird die Zukunft weisen. Dann wird es hoffentlich im Orchestergraben spannender ablaufen als diesmal.

Das Theater an der Wien kann mehr

Denn Monteverdis nicht nur harmonisch revolutionäre Musik lässt sich ungleich spannender, konturierter, dynamisch schattierter darstellen, als es Ivor Bolton mit dem Freiburger Barockorchester, dem Monteverdi Continuo Ensemble und dem gewohnt in das Regiekonzept ideal einbezogenen, wiederum exquisiten Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung: Ottokar Prohazka) vorzeigte.

John Mark Ainsleys auch akrobatisch eindrucksvoller, emotional etwas verhaltener Orfeo, die etwas blässliche Mari Eriksmoen als Euridice, die prägnate Katija Dragojevic als La Musica/Messaggiera/Speranza, der kräftig orgelnde Phillip Ens als Caronte/Plutone an der Spitze des Sängerensembles zeigten, dass man für diese Monteverdi-Aufgaben auch die ideale vokale Mischung noch nicht gefunden hat. Vom Theater an der Wien ist man eben längst mehr gewohnt.

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