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Gluck war ein Humanist

Der britische Dirigent Ivor Bolton dirigiert Glucks "Alceste“ an der Staatsoper. Mit der FURCHE sprach er über den wenig gespielten Komponisten und die Zeitlosigkeit klassischer Stoffe.

Die erste Staatsopernpremiere dieser Saison gilt einer der großen Reformopern Christoph Willibald Glucks: "Alceste“. Und zwar nicht in der ursprünglichen Wiener, sondern der späteren Pariser Fassung. Zu sehen war diese Produktion bereits vor zwei Jahren beim Festival von Aix-en-Provence. Dirigent des Freiburger Barockorchesters war, wie jetzt auch in Wien, Ivor Bolton.

DIE FURCHE: Maestro Bolton, macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie eine Premiere oder einen Repertoireabend dirigieren?

Ivor Bolton: Das sind zwei verschiedene Situationen. Für eine Premiere hat man eine sechswöchige Probenzeit, man steht in engem Kontakt mit den Ausführenden, hat Zeit, um Einzelheiten zu diskutieren. Im Repertoire muss man auf die Werkkenntnis der Protagonisten vertrauen und im Moment flexibel reagieren. Wenn einem dafür ein Orchester wie die Wiener Philharmoniker zur Verfügung steht, ist das freilich ebenso faszinierend.

DIE FURCHE: Mit Glucks "Alceste“ dirigieren Sie erstmals eine Neuproduktion an der Wiener Staatsoper, eine besondere Herausforderung für Sie?

Bolton: Selbstverständlich, mehr noch: Ich betrachte es als Ehre in diesem legendären Haus mit seiner großen Geschichte aufzutreten. Mit dieser Premiereneinladung ist ein jahrelang gehegter Wunsch von mir in Erfüllung gegangen.

DIE FURCHE: Für Wien ist dieser Gluck neu. Sie haben diese Produktion bereits bei Ihrer Premiere im Juli 2010 beim Festival in Aix-en-Provence musikalisch geleitet, da können Sie wohl schon auf einige Erfahrungen bauen …

Bolton: Natürlich, man weiß, was besser und was weniger gut funktioniert. Für Wien gibt es aber eine neue Besetzung. Regisseur Christof Loy ist stets hervorragend vorbereitet, er kennt nicht nur die Partitur, sondern zeichnet sich auch durch ein besonderes Verständnis für Musik aus. Wir haben schon mehrmals zusammengearbeitet - unter anderem für die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele 2009, Händels "Theodora“, eine wundervolle Produktion, Händels "Alcina“ in München und Hamburg, Mozarts "Entführung“ in Brüssel und "Iphigénie en Aulide“ beim Glyndebourne Festival.

DIE FURCHE: "Alceste“ zählt weder musikalisch noch von ihrem Inhalt her zu den bekannteren Werken der Opernliteratur, worin liegt für Sie das Besondere dieser dreiaktigen Oper?

Bolton: Wir sind alle Kinder unserer Zeit. Natürlich hat man diesen klassischen Stoff im 18. Jahrhundert besser gekannt als heute. Ich glaube aber, dass man hier wegen des besseren Schulsystems mehr darüber weiß als in London. Tatsächlich handelt es sich um eine zeitlose Metaphorik, die Welt der Oper ist voll von diesen klassischen Mythologien. Darüber hinaus hat dieses Werk eine besondere Bedeutung für Wien, denn in ihrer Vorrede legen Gluck und sein Librettist Ranieri de’ Calzabigi ihre Vorstellungen von einer Opernreform dar. Gluck markiert für mich den Beginn des klassischen Stils, er schreibt klassische Musik, mit Barock hat das wenig zu tun.

DIE FURCHE: "Alceste“ ist nicht die einzige Gluck-Oper, die Sie im Repertoire haben. Sie haben auch schon die beiden "Iphigénies“ oder "Orfeo ed Euridice“ aufgeführt. Wo sehen Sie den Dirigenten bei diesen Werken besonders gefordert?

Bolton: Dass es gelingt, diese Musik ganz natürlich darzustellen. Das ist nicht immer einfach, man braucht nur an die Rezitative zu denken. Mit ihnen muss man sich lange auseinandersetzen, um die zahlreichen, exakt am Text orientierten Nuancen herauszuarbeiten. Auch hier zeigt sich, wie streng Gluck sich an seine eigenen Vorstellungen gehalten hat. Wichtig sind die Chöre - sie sind keine Kommentatoren, sondern Teil der Handlung. Ich bin sehr glücklich, dass ich für diese Produktion den Wiener Staatsopernchor zur Verfügung habe, denn die Choristen spielen in Loys Inszenierung eine wichtige Rolle. Gluck kann man nicht mit einigen wenigen Proben aufführen, es braucht viel Detailarbeit.

DIE FURCHE: "Alceste“ liegt in zwei Fassungen vor, die erste, die italienische, entstand für Wien, die zweite, die französische, für Paris. In Wien wie schon beim Festival von Aix-en-Provence wird die zweite aufgeführt, war das Ihr Wunsch?

Bolton: Es war eine gemeinsame Entscheidung von Loy und mir. Wenn wir diesen Gluck machen, dann die bessere Version, war unsere Überlegung.

DIE FURCHE: In der Musikwissenschaft gehen die Meinungen über die Fassungen aber auseinander, Berlioz etwa übte an der zweiten Fassung Kritik.

Bolton: Das muss man aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts sehen. Ich präferiere die französische "Alceste“, sie ist dramaturgisch zwingender, besitzt eine herrliche Musik, ist auch dramatischer. Mit der gewaltigen Figur des Herkules kommt ein zweiter Deus ex Machina auf die Bühne. Die extreme Spannweite seiner Persönlichkeit macht Glucks Musik meisterhaft deutlich - zuerst mit dem Rezitativ in Es-Dur, dann mit der Arie in der weit entferntenTonart A-Dur. Im dritten Akt ist die Orchestrierung viel farbiger als in der früheren Wiener Fassung.

DIE FURCHE: Wieso wird Gluck nach wie vor relativ wenig gespielt?

Bolton: Ich glaube, die Darstellung des Orchesterparts ist sehr wichtig. Das lässt sich mit einem Orchester, das auf Originalinstrumenten spielt, besser verwirklichen. Das heißt nicht, dass man Gluck unbedingt auf Originalinstrumenten aufführen muss, aber mit ihnen kann man die geforderte Transparenz einfach besser erzielen. Gluck hat nicht alles in seinen Partituren notiert, vieles steckt in seiner Musik. Man muss daher immer wieder Entscheidungen hinsichtlich Artikulation oder Phrasierung treffen. Ein schwieriges Feld sind auch die Verzierungen. Es bedarf einer sehr genauen Vorbereitung, ehe man diese Werke aufführt. Man soll auch nicht vergessen, dass Glück selbst für dieAufführung seines "Orfeo“ sechzig Stunden probiert hat und gegenüber den Ausführenden sehr streng war. Er war ein Perfektionist.

DIE FURCHE: Verbinden Sie mit Glucks "Alceste“ eine persönliche Botschaft?

Bolton: Gluck war ein glühender Humanist. Seine Charaktere sind glaubwürdig. Wenn man "Alceste“ aufführt, bekommt man eine enorme Empathie mit ihrer Situation, mit Admet und ihrem hohen Verantwortungsbewusstsein. Es handelt sich, wie bei allen großen Werken, um zeitlose Botschaften.

DIE FURCHE: Oper, die Sie immer wieder in München, Amsterdam, bei Festivals dirigieren, macht nur einen Teil Ihrer Tätigkeit aus. Mindestens ebenso beschäftigt sind Sie im Konzertsaal, hier wiederum als Chefdirigent des Mozarteum Orchesters Salzburg. Was sind Ihre nächsten Projekte?

Bolton: Kürzlich waren wir auf einer erfolgreichen Tournee in China, in Salzburg haben wir ein Orchesterstück von Fazil Say uraufgeführt. Seit zehn Jahren arbeiten wir an einem Bruckner-Zyklus, ihn werden wir demnächst mit Einspielungen der Symphonien 1, 2 und der Nullten fertigstellen, dann beginnen wir einen Brahms-Zyklus. Bei der kommenden Salzburger Mozartwoche im Jänner steht "Lucio Silla“ von Johann Christian Bach auf unserem Programm und während der Sommerfestspiele Mendelssohns gesamte "Sommernachtstraummusik“.

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