Wiener Festwochen: "Zauberflöte - Eine Prüfung" als intelligentes Puppentheater.

Eine einzige große Opernproduktion: Das Musikprogramm der Wiener Festwochen fiel heuer gar kümmerlich aus. Allein Leoš Janaceks Aus einem Totenhaus, eine hochkarätige Produktion unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez und der Regie von Patrice Chéreau (siehe Furche Nr. 20, Seite 14), bot im Rahmen des von Multifunktionär Stéphane Lissner verantworteten Programms großes Musiktheater. Nichts gegen die Ein Fest für Leoš Janacek-Konzertreihe des Klangforums Wien und die junge, außerhalb des E-Musik-Bereichs angesiedelte Reihe Into the City - doch eine einzige Oper im Musikprogramm der Wiener Festwochen, das ist mager.

Puppen geben der Oper …

Im umfangreichen Schauspielprogramm der Festwochen jedoch versteckte sich ein kleines, aber herausragendes Stück Musiktheater. Zauberflöte - Eine Prüfung, eine Bearbeitung von Mozarts Zauberflöte als Puppentheater, geriet im Schauspielhaus unvermutet zu einem Theatererlebnis, an das sich selbst notorische Theatergänger noch lange erinnern werden: eine szenisch unglaublich witzige, phantasievolle, intelligente und musikalisch hinreißende Darbietung. Einziger Schönheitsfehler: Die im Vorjahr in Nürnberg uraufgeführte Produktion kommt für Wien ein Jahr zu spät. Sie wäre zweifellos einer der Höhepunkte des Mozartjahres gewesen.

Mozarts Komposition wird in einer gerafften kammermusikalischen Bearbeitung (Marcus Maria Reißenberger) vom siebenköpfigen ensembleKONTRASTE gegeben. Für - im richtigen Maße eingesetzte - humoristische Effekte sorgt die (seinerzeit von Mozart für die Zauberflöte rehabilitierte) Posaune, die sich bisweilen zu karikaturesken Verzierungen hinreißen lässt. Zum Vergnügen des Publikums schlüpft das Orchester auch in die Rolle des Chores. Alle anderen Partien der Oper interpretiert ein einziger Sänger: der Countertenor Daniel Gloger muss die Koloraturen der Königin der Nacht ebenso bewältigen wie das Schlaflied des Sarastro ("In diesen heil'gen Hallen") - eine Tour de force, die er bravourös meistert.

Im Zentrum der Bühne arbeiten die beiden Puppenspieler Tristan Vogt und Joachim Torbahn (Tristans Kompagnons), die in einer Art kleinem Trickfilmstudio hantieren. Über diesem ist eine Kamera montiert, die das Geschehen auf eine über der Bühne schwebende Leinwand projiziert. Der Zuschauer kann sich entscheiden, ob er auf den in Echtzeit hergestellten Trickfilm schaut oder auf die Puppenspieler, das Orchester und den Countertenor, welche die Bilder auf der Leinwand zum Leben erwecken. Eine mitunter schwere Entscheidung, denn nicht oft kommt man bei Musiktheater den Akteuren so nahe wie im intimen Rahmen des Schauspielhauses.

Puppentheater wird ja in erster Linie als Kindertheater, ja Kasperltheater gering geschätzt. Doch die Inszenierung von Tristans Kompagnons in Zusammenarbeit mit Jürg Schlachter zeigt, dass Puppentheater genauso durchdacht und ausgefeilt sein kann wie "großes" Theater. Die auf eine Stunde und 20 Minuten zusammengekürzte Fassung konzentriert sich auf die Zaubermärchenhandlung. Dabei fließen Deutungen ein, die jeder "großen" Inszenierung zur Ehre gereichen würden: Wie an Papagena deutlich gemacht wird, hält Sarastro offenbar zahlreiche Frauen gefangen, um sie als Belohnung zu verteilen. In diesem Sinne werden auch die frauenfeindlichen Passagen des Schikaneder-Librettos genüsslich ausgebreitet. "Ein Weib tut wenig, plaudert viel" - so ein Satz garantiert heutzutage Lachstürme.

Auch die Puppen, denen nicht nur der Sänger, sondern auch Vogt und Torbahn die Stimmen leihen, können es mit Darstellern aus Fleisch und Blut aufnehmen. Tamino und Pamina gleichen kubistischen Figuren, einem Gemälde von Picasso entsprungen. Papageno ist ein gerupfter Gockel, der mit einer Fliegenklatsche auf Vogel- und Mädchenjagd geht, Sarastro eine Art Dr. Fu Manchu mit Trichter auf dem Kopf, die drei Knaben kleine, fette Engel in Matrosenanzügen. Die Königin der Nacht tritt als böse Matrone auf, die ihre Gegner mit einem Küchenwerkzeug prügelt und die Entführung der Tochter mit der Kamera ihres Mobiltelefons aufgezeichnet hat.

… ungeahnte Deutungen

Durch das beschriebene Setting gelingen Bilder, die weit über die Möglichkeiten gewöhnlichen Puppentheaters hinausgehen. Der Raum gewinnt eine ungeahnte Tiefe, sogar eine Kamerafahrt durch den Zauberwald wird möglich. Nur der Wasser- und Feuerprüfung unterzieht sich das Liebespaar in zwei Kochtöpfen vor den Augen des Publikums - wobei auch hier hinter dem scheinbar Heiteren und Simplen sehr wohl eine Überlegung steckt: Taminos Leidenschaft verbrennt und wird weggespült; er endet als Teil einer Priesterkaste und muss daher das Interesse an Pamina in dem Moment verlieren, in dem er seine Geliebte endlich erringt.

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