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"Der ORF hat nun einmal einen Bildungsauftrag"

Mit diesen Worten bezieht Fabio Luisi, Chefdirigent der Wiener Symphoniker, im Gespräch mit der FURCHE klar Position zugunsten des Radio-Symphonieorchesters (RSO) Wien. Sein eigenes Orchester sieht er nicht von Einsparungen bedroht, Pläne hat er jede Menge - nicht zuletzt auch als musikalischer Leiter der Dresdner Semperoper.

Auch in den nächsten drei Saisonen wird Fabio Luisi an der Spitze der Symphoniker stehen. Nicht mehr als Chefdirigent, sondern als Erster Dirigent, womit er weniger administrative Aufgaben hat. "Ich freue mich sehr, denn die Arbeit im Orchester ist hervorragend und soll fortgesetzt werden", sagt Luisi. Kommende Saison wird er drei Programme im Musikverein und zwei im Konzerthaus dirigieren, dazu kommen eine Bundesländer- und eine Japantournee. Das sind doppelt so viele Auftritte, wie sein Vertrag vorschreibt.

Anfang Juni kommt noch eine Opernproduktion im Theater an der Wien dazu: Rossinis "Il turco in Italia". Eine der ersten Opern, die der gebürtige Genuese mit Hauptwohnsitz Wien dirigierte. "Ein sehr nettes Libretto, eine spritzige und keineswegs prüde Handlung. Die Musik ist sehr frisch, vielleicht nicht das große Meisterwerk von Rossini, aber nach dem, Barbier' und, Cenerentola' seine stärkste opera buffa."

"Wir sind das Hausorchester von vier Veranstaltern, der Gesellschaft der Musikfreunde, der Wiener Konzerthausgesellschaft, dem Theater an der Wien und den Bregenzer Festspielen, wo wir nur zum Teil mitsprechen können. Es ist schön, wenn, wie jetzt, der künstlerische Leiter einen guten Draht zu den Chefs der verschiedenen Häuser hat. Aber diese Goodwill-Basis ist zu wenig, das sollte in den Verträgen mit diesen Häusern festgeschrieben werden", erinnert Luisi daran, dass die Symphoniker zu den wenigen Orchestern zählen, die nicht ihr eigener Veranstalter sind. Deswegen die Idee, dass sie das Konzerthaus führen, was gegenwärtig nicht aktuell ist: "Zu einer Ehe gehören zwei."

Dass eine solche Konstellation die Beziehungen zum Musikverein belasten würde, glaubt Luisi übrigens nicht. "Das kann ich mir kaum vorstellen, das ist eine Sache der Proportionen."

Leichterer Orchesterklang

"Früher hat man viel russische und slawische Musik gespielt, das braucht ein anderes Klangbild. Jetzt spielen wir Frühromantik und werden in den nächsten Jahren viel Mahler spielen, das verlangt nach einer anderen Klangvorstellung", erklärt der Symphoniker-Chef den gegenüber früher leichteren Klang des Orchesters. Die höhere Flexibilität sieht er als Ergebnis der vermehrten Tätigkeit als Opernorchester.

"Zeitgenössische Musik ist nicht unsere primäre Aufgabe, dafür gibt es ein Rundfunkorchester", entgegnet Luisi, jahrelang Chef von Chor und Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks, Kritikern seiner Programmpolitik. "Es wäre die Aufgabe des Rundfunks, das zu fördern. Das ist in Österreich nicht der Fall, was eigentlich skandalös ist, denn eine Rundfunkanstalt hat nun einmal einen Bildungsauftrag. Dieser hat sich nicht nur im Rahmen der Information auszudrücken, sondern auch in der Kultur. Es ist schon auffällig, dass viele Rundfunkanstalten dazu neigen, gerade das zu vernachlässigen. In Österreich will man diesen Kulturauftrag vergessen, indem man das Orchester ausgliedert oder zu Tode spart. Gerade dafür gibt es die Rundfunkorchester, um das aufzuführen, was die traditionellen Orchester nicht spielen können oder wollen."

Und zu Gerüchten, Symphoniker-Präsident Rudolf Streicher sei amtsmüde: "Im Gegenteil, ich sehe eine große Aktivität, viel Gesprächsbereitschaft mit mir wie mit dem Kulturstadtrat. Er unterstützt unsere Interessen und weiß mit Geschick und seiner großen Erfahrung politisch zu erreichen, dass es von der Stadt Wien das Bekenntnis gibt, dass bei den Symphonikern nicht gespart werden darf."

"Der Sommer wird kürzer …"

Wenn alles klappt, werden demnächst die Schumann-Symphonien herauskommen, auch einige Brahms-Symphonien wird Luisi mit den Symphonikern aufnehmen, offen ist, wo sie herauskommen. Seine jüngste Einspielung ist eine Strauss-Platte, mit der er die Gesamteinspielung der Strauss-Orchesterwerke mit der Staatskapelle Dresden fortsetzt. Mit ihr wird er Ende des Monats zweimal im Musikverein gastieren.

Luisis Pläne für die kommende Saison umfassen Neuproduktionen von "La traviata" und Schmidts "Notre Dame" an der Dresdner Semperoper, eine neue "Tosca" in München und eine "Figaro"- und "Elektra"-Serie an der New Yorker "Met". Im Sommer 2010 wird er seine Tätigkeit als Musikdirektor des Pazific Music Festivals in Sapporo aufnehmen. Seine Aufgaben als Musikalischer Leiter der Wiener Symphoniker und der Dresdner Oper wird dies nicht beeinträchtigen - "nur der Sommer wird kürzer …"

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