Digital In Arbeit

Ein junger Meister mit Durchsetzungsvermögen

Das Schicksal des Radio-Symphonieorchesters ist ungewiss. Feststeht, wer dem bisherigen Chef Bertrand de Billy nachfolgen wird: Cornelius Meister.

Wenigstens beim Sparen steht die Kultur an erster Stelle. Vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen. Zugegeben wird dies meist in Raten - oder gar nicht. Am Schluss sprechen die Fakten. Wie schon seinerzeit, 1995, als der ORF aus wirtschaftlichen Erwägungen seinen Chor - Österreichs einzigen professionellen Konzertchor - auflöste. Da halfen weder Proteste, noch dass Erwin Ortner das Ensemble in die europäische Spitze geführt hatte.

RSO: ein Gebot der Stunde

Ob dem ORF-Symphonieorchester ein ähnliches Schicksal droht? Hervorgegangen ist der Klangkörper 1960 aus dem Großen Orchester des Österreichischen Rundfunks. Skeptische Stimmen, ob man dieses Orchester benötigte, wurden schon damals laut. Die Wiener Symphoniker und das Niederösterreichische Tonkünstler Orchester hätten, so lautete eine oft zu hörende Argumentation, genügend Potential frei, um Rundfunkproduktionen mit vorrangig zeitgenössischer Musik zu machen.

Heute weiß man es besser: das ORF-Symphonieorchester - heute firmiert es als RSO Wien - war ein Gebot der Stunde. Keines der bereits bestehenden Orchester hätte zusätzlich dessen Arbeit im Studio und die Konzerttätigkeit übernehmen können. Ursprünglich vorrangig der zeitgenössischen Musik verpflichtet, reicht das Repertoire der ORF-Symphoniker längst von der Vorklassik bis zur Moderne. Ein hörbares Verdienst seiner bisherigen Chefdirigenten Milan Horvat, Leif Segerstam, Lothar Zagrosek, Pinchas Steinberg, Dennis Russel Davies und Bertrand de Billy. Vor allem ihm verdankt das RSO Wien seine mittlerweile glänzende internationale Reputation.

Ausgliederung oder Auflösung?

De Billy gehört auch zu denen, die sich mit Erfolg gegen eine Ausgliederung des Orchesters wehrten. Denn Ausgliederung ist oft nur der erste Schritt zur Auflösung.

De Billys Engagement als Chef des RSO Wien endet am 1. September 2010. Eine Verlängerung, ließ der Maestro wissen, komme für ihn nicht in Frage. Aus der Nachfolgefrage hat sich der glänzende Orchestererzieher freilich nicht herausgenommen. Im Gegenteil, seit geraumer Zeit hielt er Ausschau nach einem jungen, bereits erfahrenen Dirigenten, der auch über genügend Durchsetzungsvermögen verfügt. Nur so, weiß de Billy, wird es gelingen, das immer wieder von aufpeitschenden Wogen bedrängte RSO Wien weiter in einen sicheren Hafen zu führen. Jetzt hat man diesen Steuermann gefunden: den demnächst - genau: am 23. Februar - 29 Jahre alt werdenden Cornelius Meister, seit 2005 GMD der Stadt Heidelberg.

Musikerspross aus Heidelberg

Als eine der spannendsten Aufgaben beschrieb der in Hannover als Spross einer Musikerfamilie Geborene seine künftige Herausforderung. Österreich kennt der Gast der Opern- und Konzerthäuser von Hamburg, Leipzig, München, Lübeck, Paris, Indianapolis, Bournemouth, Manchester oder Basel durch Dirigate in Graz, eine Neuproduktion von Webers "Oberon" in Innsbruck und sein Debüt 2006 im Wiener Musikverein. Dort und im Wiener Konzerthaus wird man Deutschlands jüngsten GMD ab September 2010 dann öfters antreffen. Meisters Vertrag läuft vorerst vier Jahre.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau