Tonkünstler und Hungerleider

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100 Jahre Wiener Symphoniker: Die wechselvolle Geschichte eines Kriegskindes.

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100 Jahre Wiener Symphoniker: Die wechselvolle Geschichte eines Kriegskindes.

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Ein Festkonzert im Großen Saal des Wiener Musikvereins war am 22. Oktober der Höhepunkt eines Jubiläumsjahres der Wiener Symphoniker. Mit demselben Programm hatte sich vor hundert Jahren der "Wiener Concert-Verein" der Öffentlichkeit vorgestellt: Webers Ouvertüre zu "Euryante", Mozarts Jupiter-Symphonie, Wagners "Faust-Ouvertüre" und Schuberts Große C-Dur-Symphonie. Schon zuvor war ein Buch zum Jubiläum erschienen (Holzhausen Verlag).

Die Wiener Symphoniker sind ein typisches Kriegskind. Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es eine Vernunftehe zwischen den beiden aus gezehrten Berufsorchestern, die sich in Wien ausschließlich dem Konzertbetrieb widmeten: Der "Wiener Concert-Verein", der am 30. Oktober 1900 zum ersten Mal öffentlich auftrat, und das einige Jahre später gegründete "Wiener Tonkünstlerorchester". Viele ihrer Mitglieder hatten seit 1914 zur Armee müssen. Jetzt reichten auch Publikum und Subventionen nicht mehr, um zwei Qualitäts-Orchester zu erhalten. So wurde das "Wiener Sinfonieorchester" gegründet - ohne Chefdirigent und als "Mietobjekt" für verschiedene Konzertveranstalter.

Dabei hatte man so hoffnungsvoll ins neue Jahrhundert geblickt. Bis dahin hatte es diverse Dilettanten-Orchester gegeben, dazu die Strauß-Kapelle (die auch "ernste" Musik im Programm hatte) und die recht vielseitigen Militärkapellen. Die Mitglieder des Hofopernorchesters hatten nur wenig Zeit, sich an Wochenenden in die Wiener Philharmoniker zu verwandeln. Das erstarkende Bürgertum erhob immer mehr Anspruch auf Teilnahme am gehobenen Kulturleben. Auch der Facharbeiter wollte dazugehören. Er verdiente oft mehr als ein Musiker. So wie man Theater baute, schien die Reichshaupt- und Residenzstadt auch zwei zusätzliche Orchester zu vertragen. 1913, knapp vor dem Zerfall der Monarchie, wurde das Konzerthaus vollendet, das mehrere Säle unter einem Dach vereinigte.

All das schien nun in Frage gestellt, umso mehr, als das Wiener Bürgertum (vom Adel ganz zu schweigen) sich nicht mehr ein in allen Kunstsparten blühendes Kulturleben leisten konnte. Seit 1918 kämpfte man ums Überleben. Erst die Entwicklung des Rundfunks brachte neue Verdienstmöglichkeiten. Durch alle hundert Jahre Orchestergeschichte spielte man Zeitgenossen. Die Zahl der Ur- und Erstaufführungen ist nicht ganz präzise bekannt, aber bestimmt vierstellig.

Von der Politik konnte sich auch dieses Orchester nicht ganz fern halten. Belastete in den zwanziger Jahren das Missverständnis, die Arbeiter wollten in den ihnen gewidmeten Symphoniekonzerten auch Klassenkämpferisches hören, so versuchte der Ständestaat mit Auslandsreisen (vor allem in das befreundete Italien Mussolinis) kulturpolitisch zu wirken. Der "Anschluss" von 1938 brachte zunächst Vorteile: Das Orchester wurde städtisch (was sich bis heute bewährt hat) und in die Spitzenklasse der deutschen Kulturorchester befördert (was Anzahl und Gage der Musiker zugute kam). Dafür musste man aber fleißig bei allerlei staatlichen und Partei-Veranstaltungen aufspielen. Und seit 1940 reduzierten Einberufungen zur Wehrmacht wieder die Zahl der Musiker, bis zur Stilllegung 1944.

Bei der RAWAG wurde auch zuerst wieder der Dienst aufgenommen, bevor am 16. September 1945 mit Gustav Mahlers 3. Symphonie der Konzertbetrieb neu begann. Nicht immer gelang es allen Musikern, die weiten Wege zu Fuß gehen mussten, pünktlich zum Dienst zu erscheinen - wenn sie zum Beispiel von einer Streife der Sowjet-Armee zu Aufräumungsarbeiten eingefangen wurden.

Nach der Währungsreform, als das Publikum erst richtig arm war, musste man sich wieder nach Nebenverdiensten umsehen. Ob Veranstaltungen aller politischen Parteien (nun gab es ja wieder mehrere), ob Katholikentag oder Lehrerverein, Städtische Versicherung oder Jubiläum einer Hutfabrik: die Symphoniker konnten nicht wählerisch sein und freuten sich auch, wenn sie ins Filmatelier gebeten wurden.

Schon 1946, zur ersten "Bregenzer Festwoche" reiste das Orchester an den Bodensee, gab zwei Konzerte in einer Sporthalle und entwickelte sich fortan zum "Bregenzer Festspielorchester", das die Grundvoraussetzung für den erstaunlichen Aufstieg dieses Festivals bildete. Hier entwickelten sich die Symphoniker auch zum Opern- und Operettenorchester, als das sie sich später auch anderwärts bewährten.

Unterdessen war Herbert von Karajan, der nach dem Krieg mit Auftrittsverbot belegt war, rehabilitiert. Die fast 12 Jahre der Zusammenarbeit mit ihm hoben nicht nur das Niveau, sie machten das Orchester in aller Welt bekannt. Über den siebziger Jahren stand dann der Name Wolfgang Sawallisch. Unmöglich, alle prominenten Dirigenten zu nennen, die gern mit den Symphonikern arbeiteten.

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