Digital In Arbeit

Betrieb macht Literatur

Gedanken zu den Chancen und Schwierigkeiten eines kleinen Literaturverlages, zum Wohl und Wehe des Verlegerseins.

Kassandra sei die Schutzheilige des wahren Verlegers, schrieb Ulrich Greiner kürzlich in der Zeit. Doch mag die Basis seines wirtschaftlichen Überlebens noch so schmal und wackelig sein, ohne eine übermäßig große Portion Optimismus ist zumal ein literarischer Verleger nicht vorstellbar. Er würde was anderes machen. Soll er also ruhig ein bisschen jammern und schwarzmalen, er wird nicht aufgeben und immer wieder Neues wagen, der guten Literatur im Zeichen der Selbstausbeutung und Existenzgefährung eine Plattform bieten.

Ich bekenne mich zu dieser Sorte Verleger. Und, ich versprech's, ich werde hier nicht jammern. Sicher, auch nichts schönreden. Die rosa Brille steht mir nicht. Ich will nur ohne Emotion ein paar Gedanken zu den Chancen und Schwierigkeiten eines kleinen Literaturverlags, zum Wohl und Wehe des Verlegerseins niederschreiben.

Ein Bonmot umreißt recht treffend den Unterschied zwischen den zwei Welten der Buchbranche: Ein literarischer Verleger macht gute Bücher und hofft, dass er Geld damit verdient. Zuweilen verdient er Geld. Ein Buchkonzern macht Bücher, um Geld zu verdienen und hofft, dass sie gut sind. Zuweilen sind sie gut.

Eines ist klar: Niveau bedeutet keineswegs guten Verkauf. Der Vorteil eines interessanten, innovativen Literaturprogramms ist die Aufmerksamkeit, die man dabei bei Rezensenten, Literaturveranstaltern, Preisvergebern, einigen wichtigen BuchhändlerInnen und einem (kleinen) Teil des Pub-likums weckt, der Verlag bekommt einen guten Namen, was sich zwar nicht direkt in Verkaufsziffern ummünzen lässt, doch sind die Chancen größer, in den Medien aufzutauchen und in Buchhandlungen mit engagiertem Sortiment vertreten zu sein. Und nicht zuletzt: das hervorragende Umfeld zieht gute (möglicherweise sogar schon bekannte) Autoren an oder lässt die, die hier schon eine Heimstatt gefunden haben, Verlockungen von Großverlagen nicht so leicht erliegen.

Persönlicher Einsatz

Die persönliche Beziehung, ein intensives Lektorat, das Eingehen auf besondere Wünsche der Autorinnen und Autoren - das sind wohl die größten Vorteile eines so genannten "kleinen, feinen" Verlags. Der Verleger und sein Team müssen aufpassen, dass sie ihn nicht aus Zeitmangel und technischer Überforderung verspielen. Bestmöglicher persönlicher Einsatz und funktionierende Strukturen müssen Geldmangel und Vernetzung in Werbung und Vertrieb ausgleichen, da muss man durch. Ich gebe zu, in punkto Briefbeantwortung, Manuskriptlesen und persönliche Anwesenheit bei diversen Anlässen schon oft gesündigt zu haben. Aber man kann eben nicht alles machen. Diese ständige Überforderung, die Fehler und Versäumnisse, die daraus resultieren, sind der größte Nachteil dieses Verlagstyps. Ist diesbezüglich das schlechte Gewissen sozusagen der Normalzustand, muss man sich bei den erhofften, erwarteten oder geforderten Honorarvorschüssen von vornherein im Klaren sein, dass man mit den Usancen eines hochgeschraubten Autorenmarktes nicht mithalten kann. Wer diese Einsicht nicht hat, wird ohne Zweifel zuerst versuchen, mit seinem Manuskript woanders unterzukommen - und dann vielleicht erst die Nachteile zu spüren bekommen, die "vorschussfähige" Großverlage mit ihrem oft genug ziemlich anonymen Betrieb für Autoren, die nicht ganz in der ersten Reihe stehen, in anderer Hinsicht mit sich bringen.

Balance Literatur - Markt

Was das liebe Geld betrifft, kann der kleine oder mittelständische Literaturverleger noch weniger als seine Kollegen bei den großen Publikumsverlagen davon ausgehen, dass das Defizit des einen (oder der Mehrzahl) der Bücher vom Spitzentitel (oder gleich mehreren davon) gedeckt wird. Vorsicht ist dabei neben dem unverzichtbaren verlegerischen Mut ein kaufmännisches Gebot. Die richtige Balance der beiden Eckpfeiler Literaturbegeisterung und Marktfähigkeit sichert das Überleben und zugleich den Spaß bei der Arbeit - ohne den es auch nicht geht. Zusätzliche Motivation des Teams kann so manchen finanziellen Verlust ausgleichen, aber bei weitem nicht jeden - eine Tatsache, die ein Jungverleger nur zu leicht übersieht. Wohl dem, der aus der Erfahrung gelernt hat, ehe er zum Ex-Verleger geworden ist.

Und die Subventionen? Deutsche Kollegen werden diesen Hinweis neiderfüllt aufgreifen. Sie müssten ohne diese staatliche Hilfe auskommen, was zwar stimmt, aber die vielen Finanzierungsmöglichkeiten durch Institute, Stiftungen und Sposoren verschweigt, die es auch in der Schweiz, nicht aber in Österreich gibt. Gewiss, ohne die staatliche Verlagsförderung und die Druckkostenzuschüsse einiger Bundesländer müssten unser Team und damit auch viele Werbe- und Verkaufsinitiativen sowie Serviceleistungen an den Literaturbetrieb stark reduziert werden.

Mir war, als ich den Haymon-Verlag vor gut 20 Jahren gegründet habe, diese Subventionswirtschaft zutiefst suspekt, und ich hatte mir vorgenommen, die Bücher so zu machen, dass sie sich aus dem Verkauf finanzieren lassen. Ich habe auch drei Jahre lang nirgends um Unterstützung angesucht. Unser Bankkonto leidet heute noch unter dieser vornehmen Dummheit! Ein Programm, wie wir und andere ähnlich gesinnte Verleger - und Verlegerinnen, sage ich endlich einmal dazu (meine es aber immer mit) - es machen, rechnet sich nicht. Wie ein Theater ist auch ein Verlag sowohl wirtschaftliches Unternehmen als auch ein Kulturbetrieb. Und kein Kulturbetrieb kann sich aus den Einnahmen allein finanzieren. Während ein Theater oder Opernhaus aber nur etwa 30-40 Prozent seines Budgets selbst einspielt, erwirtschaften wir durch Buchverkauf und Lizenzerlöse (Übersetzungen, Taschenbücher) rund 70 bis 80 Prozent! Dass den Rest die öffentliche Hand zuschießt, scheint mir nur zu gerechtfertigt, immerhin entsteht so ein Schatz an literarischen Kostbarkeiten, die zum unverzichtbaren Kulturbesitz eines Landes gehören.

Unverzichtbare Kultur

Nicht weniger als vom Geld hängen Wohl und Wehe des engagierten Literaturverlags vom "Betrieb" ab, von all den Menschen, die Literatur und die Informationen darüber unter die Leute bringen. "Macht Literatur Betrieb?", lautete kürzlich der Titel einer Diskussionsveranstaltung in Innsbruck. Ich sehe es umgekehrt: "Betrieb macht Literatur", zumindest macht "der Betrieb" die Erfolge am Markt, verurteilt das eine Buch zum Schattendasein und macht das andere zum Bestseller. Nur der wirklich neugierige Leser hält dagegen...

Umso notwendiger ist es, dass es die "kleinen, feinen" Literaturverlage gibt. Sie sorgen dafür, dass Autorinnen und Autoren fachmännische Urteile über ihre Manuskripte erhalten, dass sie beraten und dass mit ihnen gearbeitet wird, und schließlich dass ihr Werk das Licht der Öffentlichkeit erblickt, auch wenn es am Markt nur geringe Chancen hat. Nur so bleibt die Vielfalt der Literatur gewahrt. Das Wagnis der Neuentdeckung, der modeunabhängigen Auswahl, der ungewöhnlichen Präsentation, nicht selten des bibliophil gestalteten Buches - wer sollte es eingehen, wenn nicht eine Verlegerin, ein Verleger, dessen erstes Ziel nicht ein möglichst hoher Gewinn ist, sondern die gute, die niveauvoll-unterhaltende, die wichtige, die kultur- und sinnstiftende Literatur.

Der Autor ist Leiter des Haymon Verlages.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau