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Feuilleton

Denn woher ich komme, ist mein Reichtum

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Von "Schwarzkopf“ bis "Almanya“: Regisseurinnen und Regisseure mit Migrationshintergrund treten selbstbewusst und mit interessanten Filmen in Erscheinung.

Wo ist das? Die Leute sind dreckig, die Männer dürfen keine Schnurrbärte tragen, sie essen ekliges Schweinefleisch, hören schreckliche Schlagermusik, haben Toiletten, bei denen nicht ständig das Wasser fließt, führen Riesenratten als Haustiere, die sie für Hunde halten - und vor allem verehren sie eine gewalttätige Religion, in deren Zentrum ein brutal gekreuzigter Mann steht, dessen Blut alle einmal pro Woche gemeinsam trinken müssen: Das ist Deutschland oder "Almanya“, wie es in der Türkei heißt. Mit Stereotypen beider Seiten spielen die deutsch-türkischen Regisseurinnen Yasemin und Nesrin Samdereli in "Almanya“ (ab 13. Mai im Kino). Sie verschachteln die Gegenwartsebene mit Rückblenden und erzählen die Familiengeschichte ab der Einwanderung von Großvater Hüseyin Yilmaz im Jahr 1964. Was als unterhaltsame Komödie über Identitäten einer neuen Generation anfängt, gerät zwar allmählich zu einer etwas lahmenden Episodenfolge; dennoch ist "Almanya“ Zeichen einer vielfältigen Generation deutscher und österreichischer Regisseurinnen und Regisseure, die ihren Migrationshintergrund zum Gegenstand der Arbeit machen.

Immigrant oder Grantler?

"Wenn Deutschland gegen die Türkei spielt, zu wem halten wir dann?“, fragt der kleine Cenk in "Almanya“ die Frage der aktuellen Zugehörigkeitsdebatte. Im österreichischen Filmschaffen spinnt die sich weiter zu "Immigrant oder Grantler?“, die zum Beispiel der Iran-Österreicher Arash T. Riahi, der zuletzt mit dem Flüchtlingsdrama "Ein Augenblick Freiheit“ international reüssierte, so beantwortet: "Typisch Wienerisch ist meine Sicht auf bestimmte Themen vielleicht nicht. Aber was ist schon typisch, wenn man viele verschiedene Sachen kennt?“ Mit Riahi stehen eine Reihe anderer österreichischer Filmschaffender mit Migrationshintergrund für die neue Identität einer selbstbewussten Generation von Regisseuren, die ihre Themen auch aus dem Alltag ihres kulturellen Hintergrundes ziehen.

Von "Little Alien“ bis "Kick Off“

Die bosnischstämmige Nina Kusturica etwa, die mit "Little Alien“ junge Asylanten in Österreich porträtierte oder der Türke Hüseyin Tabak, dessen "Kick Off“ das österreichische Filmjahr 2010 mitdominierte: "Für Immigranten ist es immer schwer zu wissen, wer man eigentlich ist“, formuliert es Tabak, "speziell wenn man hier aufgewachsen oder geboren ist. Bin ich quasi meine Eltern oder mein aktuelles Heimatland?“

Solche Identitätssuche bestimmt die junge österreichische Szene und sorgt - nicht immer gelungen, aber authentisch - für vielfältigen Input. Die jüngste Diagonale zeigte die Entwicklung deutlich, dort fielen zwei Beiträge besonders auf: In "Schwarzkopf“ (ab 6. Mai im Kino) begleitet Arman T. Riahi den iranischstämmigen 26-jährigen Wiener Rapper Nazar. Zwischen Immigrations-Kindheit in Alterlaa, Häfenaufenthalt und versuchter Musikkarriere entsteht ein interessanter Einblick in die "Migranten-Generation“, für die der Alltag auch geprägt ist von Vorurteilen, Aggression und Frustration. Leider zeigt sich in "Schwarzkopf“ schnell die allzu starke Sympathie für den Protagonisten, die Arman Riahi schließlich zu unreflektiert mit dem Thema des Fremdseins und den Schwierigkeiten einer Identitätsfindung umgehen lässt.

In seinem Kurzfilm "Papa“ dagegen begleitet Umut Dag einen jungen Vater, der eines Morgens gezwungen wird, allein Verantwortung zu übernehmen. Wie der Macho-Rapper zwangsläufig einem Reifungsprozess unterzogen wird, ist intensiv inszeniert und wird von Murathan Muslu bemerkenswert gespielt. Es ist ein universelles Thema, das Dag hier bewusst und doch völlig unaufdringlich behandelt.

Auch negative Seiten sind zu beleuchten

Sich von "typischen Migrantenthemen“ zu lösen will auch Arash T. Riahi: "Manchmal nervt es mich, dass das Thema des Fremdseins in meiner Arbeit immer wieder auftaucht, denn ich will mich nicht im Kreis drehen.“ Er meint aber auch: "Die Facetten des ‚Ausländer‘-Daseins zu analysieren ist notwendig, um ein Bewusstsein zu schaffen. Beleuchtet man als Österreicher negative Seiten, hat man Angst, dem rechten Lager zugeordnet zu werden. Kritik muss aber möglich sein, ohne dadurch zu manipulieren. Denn viele Probleme und Mechanismen in einer Gesellschaft basieren darauf, dass - auch durch falsche politische Korrektheit - künstliche Tabus geschaffen werden.“

Für Dokumentarfilmerin Nina Kusturica sind verschiedene Kulturen in erster Linie Bereiche, in denen man die Geschichte ansiedelt: "Ich höre oft: ‚Wie kann jemand wie du eine österreichische Familiengeschichte erzählen?‘ Dann sage ich: ‚In welchem Land muss man geboren sein, um sich für die Geschichten von Menschen zu interessieren?‘ Tatsache ist: Woher ich komme, ist mein Reichtum und kein Armutszeugnis.“

Schwarzkopf

A 2011. Dokumentarfilm.

Regie: Arman T. Riahi. Drehbuch: Arman T. Riahi.

Mit Nazar, RAF Camora, Chakuza, Vahid Bubalo, Mustafa D.

Eren K. Musik: Nazar.

Thimfilm. 90 Min. Ab 6. 5.

Almanya - Willkommen in Deutschland

D 2010. Regie: Yasemin Samdereli. Drehbuch: Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli

Mit Vedat Erincin, Denis Moschitto, Lilay Huser, Petra Schmidt-Schaller, Aylin Tezel, Rafael Koussouris,

Fahri Ogün Yardim, Filmladen. 97 Min. Ab 13. 5.

Von "Schwarzkopf“ bis "Almanya“: Regisseurinnen und Regisseure mit Migrationshintergrund treten selbstbewusst und mit interessanten Filmen in Erscheinung.

Wo ist das? Die Leute sind dreckig, die Männer dürfen keine Schnurrbärte tragen, sie essen ekliges Schweinefleisch, hören schreckliche Schlagermusik, haben Toiletten, bei denen nicht ständig das Wasser fließt, führen Riesenratten als Haustiere, die sie für Hunde halten - und vor allem verehren sie eine gewalttätige Religion, in deren Zentrum ein brutal gekreuzigter Mann steht, dessen Blut alle einmal pro Woche gemeinsam trinken müssen: Das ist Deutschland oder "Almanya“, wie es in der Türkei heißt. Mit Stereotypen beider Seiten spielen die deutsch-türkischen Regisseurinnen Yasemin und Nesrin Samdereli in "Almanya“ (ab 13. Mai im Kino). Sie verschachteln die Gegenwartsebene mit Rückblenden und erzählen die Familiengeschichte ab der Einwanderung von Großvater Hüseyin Yilmaz im Jahr 1964. Was als unterhaltsame Komödie über Identitäten einer neuen Generation anfängt, gerät zwar allmählich zu einer etwas lahmenden Episodenfolge; dennoch ist "Almanya“ Zeichen einer vielfältigen Generation deutscher und österreichischer Regisseurinnen und Regisseure, die ihren Migrationshintergrund zum Gegenstand der Arbeit machen.

Immigrant oder Grantler?

"Wenn Deutschland gegen die Türkei spielt, zu wem halten wir dann?“, fragt der kleine Cenk in "Almanya“ die Frage der aktuellen Zugehörigkeitsdebatte. Im österreichischen Filmschaffen spinnt die sich weiter zu "Immigrant oder Grantler?“, die zum Beispiel der Iran-Österreicher Arash T. Riahi, der zuletzt mit dem Flüchtlingsdrama "Ein Augenblick Freiheit“ international reüssierte, so beantwortet: "Typisch Wienerisch ist meine Sicht auf bestimmte Themen vielleicht nicht. Aber was ist schon typisch, wenn man viele verschiedene Sachen kennt?“ Mit Riahi stehen eine Reihe anderer österreichischer Filmschaffender mit Migrationshintergrund für die neue Identität einer selbstbewussten Generation von Regisseuren, die ihre Themen auch aus dem Alltag ihres kulturellen Hintergrundes ziehen.

Von "Little Alien“ bis "Kick Off“

Die bosnischstämmige Nina Kusturica etwa, die mit "Little Alien“ junge Asylanten in Österreich porträtierte oder der Türke Hüseyin Tabak, dessen "Kick Off“ das österreichische Filmjahr 2010 mitdominierte: "Für Immigranten ist es immer schwer zu wissen, wer man eigentlich ist“, formuliert es Tabak, "speziell wenn man hier aufgewachsen oder geboren ist. Bin ich quasi meine Eltern oder mein aktuelles Heimatland?“

Solche Identitätssuche bestimmt die junge österreichische Szene und sorgt - nicht immer gelungen, aber authentisch - für vielfältigen Input. Die jüngste Diagonale zeigte die Entwicklung deutlich, dort fielen zwei Beiträge besonders auf: In "Schwarzkopf“ (ab 6. Mai im Kino) begleitet Arman T. Riahi den iranischstämmigen 26-jährigen Wiener Rapper Nazar. Zwischen Immigrations-Kindheit in Alterlaa, Häfenaufenthalt und versuchter Musikkarriere entsteht ein interessanter Einblick in die "Migranten-Generation“, für die der Alltag auch geprägt ist von Vorurteilen, Aggression und Frustration. Leider zeigt sich in "Schwarzkopf“ schnell die allzu starke Sympathie für den Protagonisten, die Arman Riahi schließlich zu unreflektiert mit dem Thema des Fremdseins und den Schwierigkeiten einer Identitätsfindung umgehen lässt.

In seinem Kurzfilm "Papa“ dagegen begleitet Umut Dag einen jungen Vater, der eines Morgens gezwungen wird, allein Verantwortung zu übernehmen. Wie der Macho-Rapper zwangsläufig einem Reifungsprozess unterzogen wird, ist intensiv inszeniert und wird von Murathan Muslu bemerkenswert gespielt. Es ist ein universelles Thema, das Dag hier bewusst und doch völlig unaufdringlich behandelt.

Auch negative Seiten sind zu beleuchten

Sich von "typischen Migrantenthemen“ zu lösen will auch Arash T. Riahi: "Manchmal nervt es mich, dass das Thema des Fremdseins in meiner Arbeit immer wieder auftaucht, denn ich will mich nicht im Kreis drehen.“ Er meint aber auch: "Die Facetten des ‚Ausländer‘-Daseins zu analysieren ist notwendig, um ein Bewusstsein zu schaffen. Beleuchtet man als Österreicher negative Seiten, hat man Angst, dem rechten Lager zugeordnet zu werden. Kritik muss aber möglich sein, ohne dadurch zu manipulieren. Denn viele Probleme und Mechanismen in einer Gesellschaft basieren darauf, dass - auch durch falsche politische Korrektheit - künstliche Tabus geschaffen werden.“

Für Dokumentarfilmerin Nina Kusturica sind verschiedene Kulturen in erster Linie Bereiche, in denen man die Geschichte ansiedelt: "Ich höre oft: ‚Wie kann jemand wie du eine österreichische Familiengeschichte erzählen?‘ Dann sage ich: ‚In welchem Land muss man geboren sein, um sich für die Geschichten von Menschen zu interessieren?‘ Tatsache ist: Woher ich komme, ist mein Reichtum und kein Armutszeugnis.“

Schwarzkopf

A 2011. Dokumentarfilm.

Regie: Arman T. Riahi. Drehbuch: Arman T. Riahi.

Mit Nazar, RAF Camora, Chakuza, Vahid Bubalo, Mustafa D.

Eren K. Musik: Nazar.

Thimfilm. 90 Min. Ab 6. 5.

Almanya - Willkommen in Deutschland

D 2010. Regie: Yasemin Samdereli. Drehbuch: Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli

Mit Vedat Erincin, Denis Moschitto, Lilay Huser, Petra Schmidt-Schaller, Aylin Tezel, Rafael Koussouris,

Fahri Ogün Yardim, Filmladen. 97 Min. Ab 13. 5.