6912697-1981_14_12.jpg
Digital In Arbeit

Ostmark oder Österreich

1945 1960 1980 2000 2020

Die Jungen, welche auf das 1945 gegebene Stichwort aufdie Bühne des wiedererstandenen Österreich traten, nähern sich Pensionopolis. Friedrich Heer, einer der regsten Geisterund fruchtbarsten Publizisten, welcher durch übereinJahrzehnt als Redakteur der FURCHE besondere A kzente verliehen hatte, wird in diesen Tagen 65 Jahre alt. Geburtstagskindern bringt man in der Regel Geschenke. Friedrich Heer hat das schönste und wertvollste Geschenk sich selbst sowie allen seinen Freunden bereitet. Ich spreche von seinem jüngsten Werk: „Der Kampf um die österreichische Identität”.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Jungen, welche auf das 1945 gegebene Stichwort aufdie Bühne des wiedererstandenen Österreich traten, nähern sich Pensionopolis. Friedrich Heer, einer der regsten Geisterund fruchtbarsten Publizisten, welcher durch übereinJahrzehnt als Redakteur der FURCHE besondere A kzente verliehen hatte, wird in diesen Tagen 65 Jahre alt. Geburtstagskindern bringt man in der Regel Geschenke. Friedrich Heer hat das schönste und wertvollste Geschenk sich selbst sowie allen seinen Freunden bereitet. Ich spreche von seinem jüngsten Werk: „Der Kampf um die österreichische Identität”.

In den letzten Jahren war es um den Autor des „Gesprächs der Feinde“, des „Aufstiegs Europas“, der „Dritten Kraft“, der „Tragödie des Heiligen Reiches“, um nur einige Titel der mehr als ein Bücherregal füllenden Werke dieses österreichischen Geisteswissenschafters zu erwähnen, stiller geworden. Krankheit und andere Bedrängnisse sowie die (mißglückte) Flucht in zwei Romane ließen mitunter die bange Frage aufkommen, ob wir von „unserem Fritz“ noch ein größeres Werk erwarten dürfen. Nun ist es da.

„Österreich, nicht Ostmark“. Dieser Titel steht über dem 2. Kapitel des vorliegenden Buches, welches der sehr früh einsetzenden und bis in die Gegenwart nachwirkenden Auseinandersetzung über die Identität dieses Landes zwischen Inn und Leitha gewidmet ist, das in späteren Jahrhunderten „die Erb- lande“ genannt wird und das wir heute als unsere Republik Österreich kennen.

Dieser Titel ist das Leit- und mitunter auch das Leidmotiv des ganzen Werkes. Ursprünglich war es Heers Absicht, nur eine geistesgeschichtiiche Untersuchung der großen Identitäts-

krisen durchzuführen, denen Österreich und die Österreicher von 1866 bis 1945 ausgesetzt waren und welche das Klischee des „Zerrissenen“ zwischen Staat und Nation schufen.

Bei der vor bald zwei Jahrzehnten begonnenen Arbeit jedoch mußte der Verfasser zu dem von ihm selbst eingestandenen Schrecken erkennen, daß ohne ein Studium der „Vorakten“ kaum eine befriedigende Antwort auf die selbst gestellte Frage „Ostmark oder Österreich?“ zu geben sei.

Deshalb vergrub der Absolvent des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung sich wieder in alte Urkunden und Editionen, er durchforschte und durchforstete die Literatur der Reformations- und Gegenreformationszeit, er hielt Einkehr bei Maria Theresia und Joseph .II., er schöpfte Kraft und Atem bei der Lektüre der Dokumente des Zeitalters der Kriege gegen Napoleon, in denen das erste Mal in der Neuzeit eine betont österreichische Aussage gemacht wurde.

Depressionen bereitete ihm hingegen die Befassung mit den langen Jahrzehnten, die wir als die Ära Franz Joseph I. kennen, und mit den in ihnen versäumten Möglichkeiten. Mit etwas Phantasie und Mut sowie wenigerdeutschnationalem und magyarischem Hochmut und stärkerer Brüderlichkeit gegenüber den slawischen „Karyatidenvölkern“ hätte der Umbau des alten Staates der Habsburger zu einem „Multinational Empire“ im Donauraum gelingen können. t

Und dann sind wir auch schon bei den zwei Jahrzehnten der unglückseligen Ersten Republik. Ihr mangelnder Lebenswille, ihre selbstmörderischen Auseinandersetzungen haben ebenso wie das, was zwangsläufig als blutiges Zwischenspiel folgte, starke Versehrungen bei Friedrich Heer - und nicht nur bei ihm allein-zurückgelassen.

Doch zurück zum Ausgang. Nach langem Quellen- und Literaturstudium, das nicht nur einen Zettelkasten, sondern eine wahre Zettelbibliothek zurückgelassen haben muß (siehe die mehreren hundert Zitate, welche der Verfasser in seinen Text einfließen ließ), stellte Heer zwei Thesen auf.

„I. Es gibt kein historisch-politisches Gebilde in Europa, das so sehr außengesteuert ist wie Österreich.“

„2. Vom 16. zum 20. Jahrhundert stehen sich in den deutschsprachigen

Landen Österreichs, in den habsburgischen .Erblanden* gegenüber:

• zwei (in besonderen Krisenzeiten drei, ja vier) politische Religionen, • zwei Nationen,

• zwei (in besonderen Krisenzeiten drei, ja vier) Kulturen."

Alles, was auf den folgenden 500 Seiten folgt, dient der Erläuterung und Interpretation dieser auf den ersten Blick äußerst frappierenden Behauptungen. Dennoch gelingt es Heer, glaubhaft zu machen, daß von der Morgendämmerung der Geschichte an bis herauf in die jüngste Vergangenheit sich immer wieder die eine Frage stellte: Können die. Menschen, die dieses Land bevölkern, eine eigene, eine österreichische Antwort auf die vielfachen Fragen und Herausforderungen der Geschichte geben oder wird ihnen von außen eine solche suggeriert?

Sind die verantwortlichen Träger seiner Geschicke fähig und willens, das ihnen anvertraute Land und Volk zu einer eigenen Individualität zu formen, oder lassen sie sich „ferngesteuert“ zu Handlangern fremder Konzepte degradieren? Wenn wir es genau nehmen, hat erst die radikale Austilgung alles österreichischen zu jenem Selbstbesinnungsprozeß geführt, der unsere immerwährend neutrale Republik heute auf einem österreichischen nationalen Selbstverständnis ruhen läßt.

Friedrich Heer ist bei der Schilderung der oft heißen Auseinandersetzungen über den Standort Österreichs nicht nur Chronist. Solches zu erwarten, hieße das Temperament und Engagement des Verfassers grundlegend verkennen. Seine Sympathien gehören der in allen Jahrhunderten unserer Geschichte immer wieder, wenn auch unter verschiedenen Bezeichnungen beschworenen Vision von einer wahrhaft polyphonen Friedensgemeinschaft, einer Ökumene aller Menschen guten Willens und rechter Einsicht im Donau- raum.

Es ist jene Vision, die schon vor bald 2000 Jahren der im Weichbild Wiens verstorbene römische Imperator Mark Aurel vor Augen hatte. Große Visionen stoßen sich jedoch oft mit harten Machtansprüchen und menschlichen Leidenschaften.

Dazu kommt jene „Deutschgläubigkeit“, die mit der Reformation ins Land zieht, in den Untergrund gedrängt wird und im 19. Jahrhundert als Nationalliberalismus, Schönerianer- tum und in seiner extremsten Ausprägung in unseren Zeiten als NS-An- schlußparole wenig fröhliche Urständ feiert - bevor der große, blutige Opfer fordernde Umschlag einsetzt. Wir erfahren, wie in jedem Jahrhundert, ja in jeder Generation um die Verwirklichung eines „österreichischen Österreich“ gerungen werden mußte - und muß.

Friedrich Heer führt uns hinein mitten in dieses oft schwer zu durchschauende Getümmel. Mitunter glaubt man z. B. in den turbulenten Auseinandersetzungen der Jahrzehnte zwischen „neuem Glauben“ und „alter Religion“ oder besser zwischen den Interessen des Landadels (der Stände) und der kaiserlichen Macht unseren Interpreten um eine Antwort verlegen, wo damals das wirkliche Österreich zu Hause war. Doch dann visiert er wieder eine

klare Richtung an, wobei höchst unkonventionelle Aussagen nicht gescheut werden.

Daß die sinnenfrohe und bildhafte Barockkultur Wesentliches zur Ausprägung österreichischer Individualität und Identität geleistet hat, ist heute kaum mehr umstritten. Ebenso die Verbeugung vor der Mater Magna Au- striae, welche in Maria Theresia ihre irdische Verkörperung fand, der im ve:- gangenen Jahr auch die sozialistische Bundesregierung mit der großen Ausstellung in Schönbrunn ihre Reverenz erwiesen hat.

Van Swieten aber als „großen Zerstörer der österreichischen Seele“ vorzustellen (S. 135), ist bisher nur Fritz Heer vorbehalten geblieben. Dieser versteht jedoch seine kühne Behauptung zu erhärten. Auch der viel gefeierte Sonnenfels kommt in diesem Buch nicht allzugut weg. Friedrich Heer, über den Verdacht des Antisemitismus wahrhaftig erhaben, sieht ihn nicht zuletzt als den „Stammvater aller

deutschnationalen österreichischen Juden" (S. 136).

Das von der liberalen Geschichtsschreibung und ihren Nachfolgern mit wenig Lob bedachte österreichische Biedermeier findet in dem Verfasser des vorliegenden Buches dagegen einen überzeugten Apologeten. Dafür werden die Schwächen des Regiments Kaiser Franz Joseph in einer Deutlichkeit herausgearbeitet, die im krassen Gegensatz zum allzu harmlosen Klischee vom „lieben alten Herrn in Schönbrunn“ unserer Eltern und Großeltern wie zur Franz-Joseph-Nostalgie unserer Zeit steht.

Ob man Franz Joseph trotz der bis zur Unterordnung gehenden Zuordnung Österreichs an das Wilhelminische Deutschland aber als „Erzvater des Anschlusses“ (S. 257) vorstellen darf, scheint dem Rezensenten als allzu grelle Beleuchtung. Sie läßt das zu einem Porträt gehörende Wechselspiel von Licht und Schatten vollkommen außer acht.

Besser ergeht es Bundeskanzler Ignaz Seipel. Zum Unterschied von einer Generation jüngerer Zeithistoriker läßt Heer den Beitrag des oft „Autri- chelieu“ genannten Prälaten zur österreichischen Selbstfindung-bei allem Ja und Aber, was zu dessen facettenreicher Persönlichkeit gesagt werden kann, ja gesagt werden muß - nicht unter den Tisch fallen. Die österreichische Sozialdemokratie der zwanziger und dreißiger Jahre wird als „eigentliche Anschlußpartei“ erkannt und beim Namen genannt.

Am wenigsten gefallen hat dem Rezensenten - einem alten Freund gegen-

über ist Aufrichtigkeit das erste Gebot - der Versuch, Bundeskanzler Schuschnigg und Adolf Hitler in ein Klischee zu pressen, ja beinahe so etwas wie eine geheime Komplizenschaft zwischen beiden zu konstruieren. Konnte ich schon mit der Vorstellung Hitlers als „österreichischen Katholiken“ nie etwas anfangen, da mir der Raster zu grob und die Darstellung zu äffektgela- den erschien, so muß bei aller zeitlichen und kritischen Distanz zu Schuschnigg und der von ihm vertretenen Politik vom „zweiten deutschen Staat“ doch vor „schrecklichen Vereinfachungen“ ernstlich gewarnt werden.

Ich weiß, lieber Fritz, daß es zu den großen Enttäuschungen Deines Lebens gehört, daß Schuschnigg 1938 nicht jene österreichische Jugend, die zu Kampf und Opfer bereit war, aufgerufen hat. Aber bekanntlich steht jede Epoche der Geschichte unmittelbar vor Gott. Deshalb sind auch die in ihr wirkenden Menschen dem herrschenden Zeitgeist ausgesetzt, und das war auch bei den Anhängern und Bekennern eines unabhängigen Österreich damals ein „Großdeutscher“ - im Sinne von 1866!

Seien wir froh, daß unsere Generation ihre Lektion gelernt hat. Tragen wir das Unsere dazu bei, daß diese große Lehre der Geschichte in einer mitunter rasch sich ändernden Welt auch künftig von Generation zu Generation weitergegeben wird. Du, lieber Freund Heer, hast mit der Vorlage dieses Werkes einen wichtigen Beitrag zur Bewußtseinserhellung und Bewußtseinsschärfung beigetragen. In diesem - und nur in diesem Sinn - sei es als Vermächtnis angenommen.

Alles Gute zu Deinem 65er! Gib acht auf Dich! Sprich weiter mit Deinen „Feinden“. Vergiß dabei aber auch das Gespräch der Freunde nicht!

DER KAMPF UM DIE ÖSTERREICHISCHE IDENTITÄT. Von Friedrich Heer. Verlag Böhlau, Wien 1980, 562 Seiten, öS 496.-.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau