1917 als Wendepunkt der Geschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Warum das Wissen um die Ereignisse vor hundert Jahren nicht antiquarisch, sondern für die Gegenwart relevant ist, und was die "neuen, asymmetrischen Kriege" von damals unterscheidet: Politologe Herfried Münkler im FURCHE-Gespräch. | Das Gespräch führten Thomas Köhler und Christian Mertens

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Warum das Wissen um die Ereignisse vor hundert Jahren nicht antiquarisch, sondern für die Gegenwart relevant ist, und was die "neuen, asymmetrischen Kriege" von damals unterscheidet: Politologe Herfried Münkler im FURCHE-Gespräch. | Das Gespräch führten Thomas Köhler und Christian Mertens

Mit den großen politischen Entscheidungen vor und während des Ersten Weltkriegs beschäftigt sich der Politologe und Publizist Herfried Münkler. Ein Gespräch über Weichenstellungen und Relevanz für gegenwärtige Entwicklungen sowie die Zukunft von Krieg und Frieden.

DIE FURCHE: Das Jahr 1917 brachte mit dem Eintritt der USA in das Kriegsgeschehen im Westen sowie mit der Oktoberrevolution in Russland im Osten entscheidende Weichenstellungen über den Ersten Weltkrieg hinaus. Manche Historiker und Politologen markieren an diesen Ereignissen den Beginn des 20. Jahrhunderts. Welchen Stellenwert messen Sie diesem vermeintlichen oder tatsächlichen "Schlüsseljahr" abstrakt aus einem Gesichtspunkt der "Mitte" bei, die in Ihren Werken eine zentrale Rolle spielt?

Herfried Münkler: Das Jahr 1917 steht für den Anfang vom Ende der europäischen Weltherrschaft, zum einen durch den Kriegseintritt der USA, der für den Ausgang des Krieges ausschlaggebend war, und zum andern durch die Machtübernahme der Bolschewiki in Russland, mit der die zeitweilige Hinwendung zum liberal-demokratischen Politikmodell in der Februarrevolution abgebrochen und ein eigener soziopolitischer Modernisierungsweg eröffnet wurde, der sich als große sozialistische Alternative zum Kapitalismus verstand. Insofern steht das Jahr 1917 auch für den Beginn des Ost-West-Gegensatzes, wenngleich das damals keiner voraussehen konnte. In der Retrospektive aus dem Abstand eines Jahrhunderts ist das indes gut zu erkennen, erst recht auch deswegen, weil das sozialistische Projekt mit dem Zerfall der Sowjetunion definitiv gescheitert ist und wir inzwischen auch Beobachter eines allmählichen Niedergangs der USA in ihrer weltbeherrschenden Stellung sind. Wir können "1917" als einen Wendepunkt der Geschichte identifizieren, weil das, was damals begonnen hat, inzwischen selbst Geschichte ist. Was den zweiten Teil Ihrer Frage -die "Mitte" -anbetrifft, so handelt es sich dabei um einen geopolitischen Begriff, der in den Zeiten des Ost-West-Gegensatzes infolge des binären Entweder-Oder keine Rolle spielte, der jetzt aber wieder eine nicht bloß geographische, sondern auch wertbezogene Orientierungsmarge darstellt, für Deutschland in Europa, für Europa in der Welt.

DIE FURCHE: Gerüttelt wird -auch in Ihren Publikationen -an der rund 50 Jahre alten These eines deutschen Historikers von der Allein-bzw. Hauptschuld Deutschlands am Krieg. Hängt das nicht auch damit zusammen, dass es heute weniger um (individuelle) "Schuld" denn um (kollektive) "Verantwortung" angesichts der politischen Mechanismen der Gegenwart geht?

Münkler: Nun hat die von Fritz Fischer aufgestellte These von der deutschen Hauptschuld am Kriegsausbruch in der internationalen Forschung nie große Anerkennung gefunden - schon aus methodischen Gründen, weil sich Fischer dabei allein auf deutsche Quellen gestützt hat. Bei einem so komplexen Vorgang, wie dem Beginn des Ersten Weltkriegs, muss man komparativ arbeiten. Die neuere Forschung hat im Übrigen die zentrale Rolle Russlands für den Kriegsausbruch herausgestellt, daneben auch die des von Russland gestützten Serbiens und natürlich die der Donaumonarchie, die auf Krieg gesetzt hat, weil sie ihren Zerfall aufhalten wollte. Also: Kriegstreiberei nicht aus einem Gefühl der Stärke heraus, wie Fischer das für Deutschland konstatiert hat, sondern aus der Erfahrung des Niedergangs und als Widerstand gegen die politische Marginalisierung. Das ist die These, die ich vertrete, ohne dass ich dabei die deutsche Verantwortung in Abrede stellen will.

DIE FURCHE: Haben sich - im Vergleich zu früheren Memorialen des Ersten Weltkriegs, in denen es mehr um Offensiven und Schlachten ging - die Schwerpunkte der historisch-politologischen Forschung verlagert? Welche Aspekte werden heute pro futuro mehr betont, welche weniger?

Münkler: In den 1980er-Jahren entstand die Militär-bzw. Kriegsgeschichte "von unten", in der es nicht mehr um Strategie und Operationsführung ging, sondern um die Gewalterfahrung und -verarbeitung des "Kleinen Mannes", wie der programmatische Buchtitel von Wolfram Wette heißt. Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg war zu einer Addition von Einzelschicksalen geworden, daneben zur Beschäftigung mit den Orten des Grauens, wie Verdun, Somme, Flandern. Dabei geriet der Osten aus dem Blick; der Krieg war eine erinnerungspolitische Angelegenheit Westeuropas geworden, wobei man sich auch hier noch einmal auf die Länder konzentrierte, die dem Europaprojekt angehörten. Also: die EU als Garant dafür, dass sich so etwas nicht mehr wiederholte. Das war und ist mir zu selbstzufrieden, eine pure Approbation des Ist-Zustandes, und da kann man davon ausgehen, dass solche Selbstzufriedenheit die Vorhut politischer Selbstverdummung ist. Also habe ich - aber nicht nur ich - die großen politischen Entscheidungen vor und während des Krieges wieder herausgearbeitet. Das ist die Dimension, die uns für die Zukunft beschäftigen muss: Wie entstehen Spaltungslinien, wie werden diese zu Feindschaften? Und vor allem: Wie viele verhängnisvolle Entscheidungen wurden mit einem moralisch guten Gewissen getroffen - das kann man gerade an der deutschen Debatte bei Kriegsbeginn gut studieren; das sollte uns misstrauisch machen. Bei mehr politisch-strategischem Denken hätte manches, was in die Katastrophe geführt hat, verhindert werden können.

DIE FURCHE: Die Friedensverträge von 1919 ff., betreffend vor allem Europa und, was oft vergessen oder verschwiegen wird, den Nahen Osten, unterschieden sich in ihrer Härte diametral von jenen des 19. Jahrhunderts, aber auch der Vorgangsweise nach dem Zweiten Weltkrieg. Welche Konsequenzen hatte das für die weitere Entwicklung weltweit, in Europa oder gegenüber dem Nahen Osten?

Münkler: Das ist ein spannender Punkt: Die Pariser Vorortverträge wurden auf "Versailles" beschränkt. Der Vertrag von Sévres, der das Osmanische Reich betraf, das Sykes-Picot-Abkommen, zu dem ursprünglich noch der russische Außenminister Sasonow dazugehörte, wurde vergessen. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs haben den Nahen Osten politisch neu geordnet, und diese Ordnung zerfällt zur Zeit vor unseren Augen. Das lässt die geopolitischen Dispositionen dieses Krieges wieder auftauchen, zu denen auch das Verhältnis Russland-Türkei gehört, nicht nur wegen der Meerengen, sondern auch im Hinblick auf den Kaukasus - Streitpunkte des Ersten Weltkriegs. Auch die Kurdenfrage hat in den Pariser Verhandlungen eine Rolle gespielt. Man kann hier viel lernen, nicht an antiquarischem Wissen, sondern an dem, was für die Gegenwart relevant ist.

DIE FURCHE: In Ihrem Buch "Die neuen Kriege" vertreten Sie die These, dass die konventionellen, symmetrischen Kriege zwischen Staaten, wie es der Erste Weltkrieg ohne Zweifel war, durch asymmetrische Kriege abgelöst worden seien. Wie darf man das verstehen?

Münkler: Symmetrie und Asymmetrie sind im Hinblick auf Kriegführung Idealtypen im Sinne Max Webers, also eher Analysekategorien als Bezeichnungen für Realitäten. Symmetrisch sind Kriege dann, wenn die Gegner dieselben Fähigkeiten wie Verwundbarkeiten haben und ihre strategischen Rationalitäten reziprok aufeinander bezogen sind. Asymmetrisch heißt zunächst bloß, dass das nicht der Fall ist, mehr nicht: Es gibt Asymmetrien der Stärke, wie die "Bewirtschaftung von Gefechtsfeldern" mit Flugzeugen aus großer Höhe oder Kampfdrohnen, bei denen die Akteure tendenziell unverwundbar sind. Und es gibt Asymmetrien, die auf gesteigerter Todesbereitschaft beruhen, wie etwa Selbstmordanschläge. Was wir beobachten ist die Konfrontation postheroischer Gesellschaften mit heroischen Gemeinschaften. Ich schreibe zurzeit ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg. Die Kriege unserer Gegenwart und die der Zukunft werden diesem ähnlicher sein als den Kriegen der Westfälischen Ordnung zwischen Mitte des 17. und Mitte des 20. Jahrhunderts.

DIE FURCHE: "Was wäre, wenn"-Fragen sind in der Geschichtswissenschaft verpönt. Dennoch: Wie hätte, erstens, die Entwicklung des 1914 in vieler Hinsicht potenten Kontinents ohne seine "Selbstzerstörung" im Ersten Weltkrieg aussehen können, und, zweitens, war die Donaumonarchie im Guten wie im Schlechten eine Art Leitfaden für die Europäische Union nach dem Zweiten Weltkrieg?

Münkler: Die weltwirtschaftliche Verflechtung war 1914 jedenfalls weit fortgeschritten, und erst in den 1970er-Jahren wurde dieses Niveau wieder erreicht. Dazwischen lag eine Periode des wirtschaftlichen Nationalprotektionismus mit ihren bekannten politischen Folgen. Das ist eine Warnung für die Gegenwart. Und was die Donaumonarchie anbetrifft, will ich Ihnen uneingeschränkt beipflichten: ein Model im Guten wie im Schlechten, ein Elitenprojekt, das aus der Bahn geraten ist, als die Völker mobil gemacht worden sind.

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