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Digital In Arbeit

Gelwalt gegen Wortgewalt

1945 1960 1980 2000 2020

Journalisten, hierzulande mit schlechtem I mage behaftet und als privilegierte Manipulierer verschrieen, leisten in vielen Ländern der Erde eine gefährliche Arbeit im Dienste der Wah rheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Journalisten, hierzulande mit schlechtem I mage behaftet und als privilegierte Manipulierer verschrieen, leisten in vielen Ländern der Erde eine gefährliche Arbeit im Dienste der Wah rheit.

B ei gesellschaftlichen Ereignissen sind sie umworbene Stars. Politiker buhlen um ihre Gunst, denn von ihnen erwähnt zu werden ist alles. Geht's schlecht aus, sind sie daran schuld, waren unfair, parteiisch, im Solde des Gegners: die Journalisten.

In der Gunst der breiten Öffentlichkeit ziemlich weit unten angesiedelt, die windigen Gesellen, liegen sie gerade noch vor den Politikern. Im heimisch-nabelbeschaulichen Intrigantenstadl, wo die saure- Wiesen-Ermahnung eines würdigen (Ex-)Staatsoberhauptes eine jahrelang reproduzierte Sensation ist, wo Koalitionsspekulationen -

wer wohl mit wem? - und ei:g verdächtiger Zuckerbäcker die Redaktionen im Atem halten, neigt man dazu, die Berufswirklichkeit von Journalisten in weiten Teilen der Welt zu ignorieren. Zum Beispiel:

„Ein junger Mann hängt am Galgen in Bagdad, ein halbes Dutzend hoher Beamter beobachten die Szenemit offensichtlichem Vergnügen. Der Gehängte ist ein Journalist. Sein Verbrechen? Das Aufspüren von Nachrichten.

Für einen anderen beginnt in Beirut das sechste Jahr im Gefängnis. Mit verbundenen Augen ist er Tag und Nacht an das eiserne Bett gekettet und hört die Salven von Scheinexekutionen, unterbrochen von schallendem Gelächter. Der Ge­ fangene ist ein Journalist. Sein Verbrechen: die Wahrheit berichten zu wollen in einem Land, in dem die Lüge regiert.

In Teheran öffnet ein Mann in Verzweiflung nach monatelanger systematischer Folter seine Pulsadern mit einem Stück Glas aus dem zerbrochenen Fenster der Verhörzelle. Er stirbt in einer Blutlache. Der Mann, der die Taufe des · Todes der Qual vorzieht, isteinJournalist. Sein Verbrechen: die Suche nach der Wahrheit."

So der Bericht AmirTaheris, eines exilierten iranischen Journalisten, bei der Jahrestagung des International Press Institutes (IPI) vor 350 Journalisten aus 60 Ländern im Mai in Bordeaux.

Farzad Bazoft, Journalist des britischen Observers, war der junge Mann am Galgen, Terry Anderson, AP Korrespondent, ist der in Beirut Gefangene, Rahman HatefiMofrads das Folteropfer in Teheran. Journalistenschicksale im Nahen Osten . . .

Im Iran ist die Freiheit des Wortes eine blutige Farce: Die Todesstrafe - der angedrohte Mord wegen der „Blasphemie" der „Satanischen Verse", eines Romans - wurde gegen Salman Rushdie noch vom Ayatollah Khomeini verhängt. Doch das Urteil von seinen Nachfolgern trotz aller Appelle aus der ganzen Welt nicht nur nicht aufgehoben, sondern erneuert!

Zwei Journalisten, die 80jährige (!) Mariam Ferouz, ehemalige Chefredakteurin einer iranischen Frauenzeitschrift, und Malekeh Mohammed, schmachten seit 1980 ohne Anklage im Gefängnis. Auch sie müssen mit Todes1;1fteilen rechnen.

Im Libanon werden außer Terry Anderson noch mindestens zwei weitere Journalisten als Geiseln gehalten: John McCarthy von den World Television News wurde ebenso wie der Brite Alec Collet vor fünf Jahren gekidnapped. Unbestätigten Berichten einer pro-lybischen Gruppe zufolge wurde Collet gehängt.

24 Journalisten büßen in türkischen Gefängnissen für ihre Auffassungen. Im vergangenen November wurde ein Reporter und ein Pressefotograf in Istanbul auf offener Straße niedergeknallt. Den brutalsten Rückschlag erhielt die zaghafte türkische Demokratie jedoch mit der Ermordung am 7. März von Cetin Emec, einem der hervorragendsten liberalenJ ournalisten des La ndes, Chefredakteur

der großen Tageszeitung Hürriyet, durch ein Kommando islamischer Fundamentalisten. Emec hatte in seiner täglichen Kolumne d wiederholt vor dem erneuten Aufflammen des Terrorismus und vor blindem Fundamentalismus gewarnt

Islamische, Fundamentalisten waren es kürzlich auch, die . in Ägypten die Todesstrafe für den Nobelpreisträger Naguib Mahfouz forqerten, weil er es gewagt hatte, Ayatollah Khomeini einen Terroristen zu nennen. Trotz Liberalisierungsversuchen werden mißliebige Berichterstatter in Ägypten nach wie vor bedroht: 52 Anhänger der - legalen - politischen Opposition, unterihnen zahlreicheJournalisten, wurden vergangenen August verhaftet.

Drei Tage nachdem die irakische Regierung im September 1989 ihre Absichten zur Stärkung von Demokratie und Pressefreiheit angekünd.igt hatte, wurde Farzad Bazoft, englischer Journalist iranischer Abstammung, verhaftet. Er

wurde vorerst der Spionage für Großbritannien beschuldigt, als er nach einer Explosion in der Waffenfabrik in al-Iskandria, südlich von Bagdad, die angeblich 700 Todesopfer gefordert hatte, recherchierte. Im November wurde ein „Geständnis" Bazofts veröffentlicht, wonach er plötzlich für Israel spioniert habe.

Donald Treford, der Herausgeber des Observer, für den Bazoft arbeitete, ist überzeugt, daß es ein erzwungenes Geständnis war: „Bazoft war ein Reporter, kein Spion." Entgegen den Zusagen

Präsident Saddam Husseins für ein faires Verfahren, fand die Verhandlung vor einem Revolutionsge.richt statt, ohne Zeugeneinvernahme, ohne Berufungsmöglichkeit. Dem Observer wurde nicht gestattet,einen Anwalt zur Verteidigung beizustellen. Trotz weltweiter Proteste und Interventionen, auch der britischen Regierungschefin, wurde Farzad Bazoft am 15. März in einem barbarischen Akt öffentlich gehängt.

Doch die Verhöhnung von Menschenrechten und Pressefreiheit und die mörderischen Angriffe auf Journalisten sind nicht auf Länder des Nahen und Mittleren Ostens beschränkt.

Im Februar wurde Richard de Zoysa, ein brillanter junger Journalist des IPS (Inter Press Service) aus seiner Wohnung in Colombo, Sri Lanka, von sechs uniformierten .Männern entführt, seine verstümmelte Leiche wurde zwei Tage später am Strand einige Kilometer von der Hauptstadt aufgefunden. Die Familie de Zoysa:s beschuldigt die Sicherheitskräfte des Mordes, mit dem ein überzeugter und beliebter Verteidiger der Menschenrechte

beseitigt wurde. Nach Lateinamerika: Mindestens vier Journalisten wurden 1989 in Brasilien ermordet, unter ihnen Maria Nilce dos Santos, eine Kolumnistin des „Jornal da Cidade" , nachdem sie· eine Liste mit 24 Namen veröffentlicht hatte - unter ihnen Angehörige der Streitkräfte -, die verdächtigt sind, am internationalen Drogenhandel und organisierten Autodiebstahl beteiligt zu sein. Offiziell herrscht in Brasilien Pressefreiheit . . .

Den höchsten Blutzoll zahlen Kolumbiens Journalisten: Zensur auf kolumbianisch heißt Mord. Ihm fielen seit 1983 über 50 Journalisten zum Opfer, allein zwischen April 1989 un:d April 1990 waren es 15, ermordet vom Medellin-Kokainkartell. Drogenhändler erschossen den ehemaligen Herausgeber von „ElEspectador", der 103 Jahre alten respektablen Tageszeitung von Bogota und Medellin, welche eine unerschrockene Kampagne gegen die Kokainbarone führt.

Zwei Angestellte des El Espectador wurden in Medellin, dent Zentrum des Drogenkrieges, umgebracht. Tagelang wagte niemand die Zeitung in diesem Klima des Terrors aufzulegen oder zu verkaufen. Mit unsäglicher Brutalität wird das öffentliche Gewissen unterdrückt und all jene, die durch Wort oder Tat dem Drogenhandel Hindernisse in den Weg legen, liquidiert.

Am 8. September 1989 explodierte in der Bogota-Redaktion von El Espectador eine Brandbombe, die schlimme Verheerungen anrichte-

te. WenigeTagespäterwurden zwei weitere Mitarbeiter der Zeitung ermordet, zwei Fernseh- und Radiojournalisten erschossen. Am 16. Oktober folgte ein Bombenanschlag auf die Redaktion der Tageszeitung „Vanguardia Liberal" in Bucaramanga, in welchem vier Menschen starben. Dennoch erscheinen weiterhin - neuerdings ungezeichnete - Reportagen und Artikel über die Verbrechen des Kartells und die Weißwäscherei von Drogengeldern. Es ist für unsereinen fast unvorstellbar, daß Journalisten unter diesen permanenten Todesdrohungen unbeirrt den Kampf gegen den Terror weiterführen.

Im bürgerkriegsgeschüttelten El Salvador ist die Situation nicht viel besser: Mord an drei Journalisten durch Armeeangehörige am 19. März 1990. Vergangenen Oktober wurden die Frau und der Sohn von Luis Fuentes, dem stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung · „EI Diario de Hoy", in ihrem Auto erschossen. Seit dem Sieg der

Arenapartei ist Selbstzensur überlebensnotwendig, jedwede Kritik an der Regierung wird unterdrückt. Doch auch die linke Guerilla ist nicht zimperlich, wenn es gilt, Nachrichten in ihrem Sinn zu beeinflussen. So wurde ein Redakteur von „Analisis", dem Organ der

konservativen Neuen Universität von El Salvador, im letzten Februar ermordet.

In Peru wurden im Laufe des vergangenen Jahres mindestens sechs Joumalisten ermordet. Unter ihnen Barbara d' Achile, die Redakteurin der Umweltkolumne der Tageszeitung „EI Comercio" in Lima. Als sie sich zu Recherchen über ein Tierprojekt in den Bergen aufhielt, wurde sie von Terroristen des „Leuchtenden Pfads" kaltblütig umgebracht.

Im volkreichsten Land der Erde, China, war Pressefreiheit eine der Hauptforderungen der Studenten des Pekinger Frühlings 1989. Seit dessen blutigem Ende werden alle Freiheiten, auch die Pressefreiheit, mit Füßen getreten. Eine Welle von

Morden, auch an ausländischen Journalisten, von Verhaftungen, Hinrichtungen und die brutale Einschüchterung der Medien machte die chinesische Presse wieder zum gehorsamen Befehlsempfänger des kommunistischen Regimes.

Auch die Pressegeschichte Afrikas weist nicht wenige häßlichblutige Flecken auf. Doch ist es unmöglich, die genaue Zahl der Journalisten in Erfahrung zu bringen, die weltweit nur im letzten Jahr in der Ausübung ihres Berufes umgebracht wurden. Peter Galliner, der glänzend informierte und unermüdliehe Direktor des International Press Instituts schätzt sie auf nahezu hundert, mit 200 bis 300 Gefangengehaltenen.

Bei uns bezeichnet man gerne die Presse als die vierte Gewalt im Staat. Tatsächlich wird oft genug die Wortgewalt der Medien zur politischen Macht. Daher auch ihre hohe Mitverantwortung für den Zustand unserer Demokratie. Doch welch ein Unterschied zum Journalistendasein in Diktaturen oder Ländern, in denen das organisierte Verbrechen die Demokratie zum Zerrbild verkommen läßt. WoJournalisten täglich im Kampf um die Freiheit des Wortes - die Freiheit an sich - ihre Wortgewalt einsetzen, auch um den Preis des eigenen Lebens.

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