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Das Leben ist häufig der Preis

2002 wurden weltweit bereits 11 Journalistenermordet. Dies ist nur das tragischste Indiz dafür, wie schlecht es um die Pressefreiheit bestellt ist.

Khulna, im Südwesten von Bangladesch, Anfang März 2002. Der 43-jährige Journalist Haroonur Rashid verlässt seinen Wohnort und steigt auf sein Motorrad. Er macht sich auf den Weg in die Redaktion der lokalen Tageszeitung Dainik Purbanchal, für die er seit den achtziger Jahren des öfteren zu linksextremen Gruppen und organisiertem Verbrechen in der Region recherchierte. Einen Kilometer von zuhause entfernt gerät Rashid plötzlich in einen wilden Kugelhagel. Bewaffnete Männer eröffnen das Feuer auf ihn. Wenige Stunden später erliegt Rashid im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Nur eine Woche später wird die russische Journalistin Natalja Skryl, Korrespondentin der in Rostow erscheinenden Zeitung "Nasche Vremja", bewusstlos mit schweren Kopfverletzungen in der Nähe ihres Hauses in Taganrog gefunden. Wenig später stirbt auch sie im örtlichen Krankenhaus. Die Journalistin war im Wirtschaftsressort der Zeitung tätig und untersuchte die Aktivitäten großer Firmen in der Region von Rostow.

Nur wenige Tage später wird der italienische Fotoreporter Raffaello Ciriello in Ramallah/Westjordanland von Schüssen israelischer Soldaten niedergestreckt und stirbt. Ciriello, seit Jahren erfahrener Kriegsreporter für den "Corriere della Sera", ist nur einer von rund 30 Journalisten, die während der jüngsten Unruhen im Krisengebiet ständig unter Beschuss gerieten.

Die vorläufige, traurige Bilanz: Im Jahr 2002 wurden bisher elf Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes getötet, davon drei in Kolumbien, beziehungsweise je zwei in Russland und Mexiko. Die internationale Organisation "Reporter ohne Grenzen" (RoG) setzt sich seit Jahren für die Pressefreiheit ein und erstellt jedes Jahr tragische Bilanzen: Im Jahr 2001 zählte man 55 ermordete Journalisten, 716 Bedrohungen, Übergriffe oder Entführungen, 489 Festnahmen und Verhöre, 378 Erscheinungsverbote von Printprodukten oder TV-Beiträgen und 110 inhaftierte Journalisten.

Um die globale Situation ist es nicht rosig bestellt. "Journalisten, die Fälle von Korruption untersuchen, riskieren zunehmend ihr Leben", kommentierte Robert Ménard, Generalsekretär der internationalen Menschenrechtsorganisation zur Verteidigung der Pressefreiheit, den Mord an der Russin Natalja Skryl. "Gewalttätige Übergriffe auf die Presse in der Region Bangladesch werden durch mangelnde Aufklärung und die anhaltende Straflosigkeit der Täter und Auftraggeber gefördert", sagte Ménard zum Tod von Haroonur Rashid. Und auch den Mord an Raffaello Ciriello verurteilte er: "Seit Monaten prangern wir an, dass israelische Soldaten für Schüsse auf Journalisten nicht zur Verantwortung gezogen werden. Mit dem Mord an Ciriello ist eingetreten, was wir befürchtet haben. Wir sind zutiefst bestürzt".

Leider bleiben Ménards Appelle und Verurteilungen häufig ungehört. Denn in vielen Ländern ist es mit der Pressefreiheit nicht weit her. Zu den Ländern, in denen 2001 die meisten Journalisten ermordet wurden, gehören Birma (18), Iran (18), China (12), Eritrea (8) und Nepal (7). Der Trend geht allerdings noch in eine andere Richtung, zumindest wenn man Johann P. Fritz vom "International Press Institute" in Wien glauben darf: Demnach würden auch hochentwickelte Demokratien immer stärker versuchen, der Pressefreiheit Hindernisse in den Weg zu legen. So würden etwa in den USA seit dem 11. September gezielte Desinformationskampagnen der Regierung durchgeführt. "Man will den Freedom of Information Act' neu diskutieren, der den freien Zugang der Medien zu Informationen sicherstellt. Das ist eine Katastrophe", empört sich Fritz (siehe Interview-Kasten).

Wahrheit gegen Terror

Ähnlich sehen das James H. Ottaway jr. und Ronald Koven in ihrem Essay "Die beste Antwort auf den Terror: die Wahrheit": "Unter dem Vorwand, man müsse nach den furchtbaren Anschlägen vom 11. September den Terror in die Schranken weisen, versuchten sich Alleinherrscher und diktatorische Regierungen überall auf der Welt in der Einschränkung von Freiheitsrechten jeder Art (...). Selbst in Staaten mit großer demokratischer Tradition wie den USA und Großbritannien wurde die Presse aufgefordert, die selbstgerechten Botschaften Osama Bin Ladens nicht zu veröffentlichen". Und weiter: "Der Druck auf die Presse nach dem 11. September legte erneut Zeugnis davon ab, dass praktisch jede Regierung unter den passenden Umständen versucht, die Redefreiheit aus dem engen Blickwinkel des Eigennutzes heraus einzuschränken - auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit". Diese Art von Pressezensur sei kontraproduktiv, zumal das Vertrauen in die Demokratie im Wesentlichen darin bestünde, auch über unbequeme Tatsachen berichten zu können.

Einer, der fünf Jahre im Gefängnis saß, weil er für seine Überzeugung eingetreten ist, macht den Journalisten trotz der Gefahren Mut: Vaclav Havel, tschechischer Präsident, rechnet weltweit mit einem "nicht mehr umkehrbaren Prozess hin zu einer Demokratisierung", der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eingesetzt hat. Havel: "Für einige Länder dieser Region ist der Weg natürlich noch sehr weit. Ich hoffe aber, dass die darauf gerichtete Aufmerksamkeit der internationalen Welt zu einem Motor für die Weiterführung dieses Prozesses wird. Doch gibt es noch einen weiteren Aspekt, den ich betonen möchte. Ich habe den Eindruck, dass freie Meinungsäußerung noch einer anderen Bedrohung ausgesetzt ist, die vielleicht erst in 50 Jahren als die größte Bedrohung erkannt werden wird. In einer Situation, in der es keine direkte politische Unterdrückung und keine Zensur gibt, könnten sehr viel komplexere Probleme - insbesondere auf wirtschaftlicher Ebene - eine Auswirkung auf die Redefreiheit haben".

INSTITUTIONEN, DIE SICH FÜR MEDIENFREIHEIT ENGAGIEREN:

* Reporter ohne Grenzen

www.rog.at

* International Press Institute (IPI)

www.freemedia.at

Weltverband der Zeitungen (WAN)

www.www.wan-press.org

* OSZE-Beauftragter für die Freiheit der Medien

www.osce.org/fom/

* UNESCO

www.unesco.org/webworld/fed/temp/ democracy_press_freedom.html

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