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Russland: Dienstleistung Mord

Mord ist in Russland wieder ein probates Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Wer in Putins Reich Feinde hat, spielt mit dem Leben.

Die neue Welle von Auftragsmorden, die Russland erfasst hat, erinnert an die blutigen 90er Jahre, in denen Auftragsmorde gang und gäbe waren. Putins propagierte Stabilität im Land kriegt Kratzer. Experten sehen in der neuen Brutalität bereits den Beginn des Kampfes um Putins Erbe.

Fußball zu spielen war eine Leidenschaft von Andrej Koslow. Regelmäßig kickte der 41-jährige Vizechef der russischen Zentralbank mit Kollegen auf einem Trainingsgelände leicht östlich vom Moskauer Stadtzentrum. Auch am 13. September dieses Jahres kam er mit seinem Fahrer angefahren. Als er nach dem Training wieder in den Wagen steigen will, eröffnen die Mörder das Feuer. Sein Fahrer stirbt auf der Stelle, Koslov selbst erliegt kurz später seinen schweren Verletzungen.

Trügerische Sicherheit

Der 41-jährige Oberaufseher über die russischen Banken glaubte, keine Leibwächter mehr zu brauchen. Ernsthafte Krisen im Bankensektor hatte er für die nächsten Jahre nicht erwartet. Sollte Koslow, dem große Anständigkeit nachgesagt wird, nicht doch in schmutzige Geschäfte verwickelt gewesen sein, so wurde ihm wohl zum Verhängnis, dass er einflussreich und konsequent war. In seiner Funktion als Oberaufseher arbeitete er an der Konsolidierung des Bankensektors. 80 Geldinstitute hat er in den letzten zwei Jahren schließen lassen, weil sie Geldwäsche und "grauen Import", sprich Finanzoperationen mit gefälschten Dokumenten zur Zollverringerung, betrieben. Koslow wollte in diesem Tempo weiter machen - die Zahl der Feinde wuchs.

In Russland gehören Auftragsmorde plötzlich wieder zum Alltag. Kaum ein Tag vergeht ohne eine neue Meldung. Die allenthalben kolportierte Stabilität in Putins wirtschaftlich boomendem Staat erhält Kratzer. An der Tagesordnung waren Auftragsmorde zuletzt zur Zeit der Privatisierung Mitte der 90er Jahre gewesen. Tausende ließen damals ihr Leben. Von einer "Wiederholung der Geschichte in Form einer Tragödie" schreibt der Vizechefredakteur der Zeitung Nesawisimaja Gaseta Anton Trofimov.

Anzeichen, dass die Morde nach einer Epoche vermeintlicher Ruhe wieder zunehmen, gab es die letzten Jahre vermehrt. Bis vor kurzem aber hatte niemand mit einem Anschlag gegen einen so hochrangigen Funktionär wie Koslow gerechnet. Wiewohl: Die Namen auf den Abschusslisten wurden zuletzt immer prominenter. Im Vorjahr wurde mit Anatolij Tschubajs, dem Vorstandsvorsitzenden des Strommonopolisten Unified Energy Systems (UES), einer der größten russischen Player Ziel eines Anschlags. Tschubajs hat mit viel Glück überlebt. Eine Bombe war am Straßenrand deponiert, als sein Wagen passierte. Vier Attentate hätte es auf ihn bereits gegeben, sagte Tschubajs später.

Schon im Frühjahr 2004 hatte sich gezeigt, dass eine neue Kaltblütigkeit im Anzug ist. Damals wurde der renommierte Chefredakteur des russischen Forbes-Journals Andrej Chlebnikow in Moskau erschossen - Chlebnikow war US-Bürger, ausländische Journalisten und Personen seines Namens hatte man bis dahin nicht angegriffen.

Zweieinhalb Jahre später ist sogar die Weltöffentlichkeit schockiert. Die renommierte russische Journalistin, Tschetschenienexpertin und Regimekritikerin Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober ermordet. Es war bekannt, dass Politkowskaja gefährdet war. Ob es in letzter Zeit Drohungen gegen seine Ex-Frau gab, wisse er nicht, sagte Alexandr Politkowski, früher habe sie solche jedenfalls regelmäßig erhalten. Mit ihren mutigen Berichten über Menschenrechtsverletzungen in der umkämpften Kaukasusrepublik Tschetschenien und mit mehreren Büchern darüber hatte sie sich einen Namen gemacht. Auch stellte sie die autoritären Tendenzen in Putins Staat weltweit an den Pranger. Eine Zeit lang war die 48-Jährige von Leibwächtern geschützt. Zuletzt hat sie darauf verzichtet. Mitten am Tag lauerte ihr der Mörder im Stiegenhaus zu ihrer Moskauer Wohnung auf und schoss ihr mehrmals in den Kopf. Die 48-Jährige Mutter zweier Kinder verstarb auf der Stelle.

Effizientes Instrument

"Es hat sich nichts geändert", schreibt das Wirtschaftsblatt Vedomosti: "Ein Auftragsmörder bleibt ein effizientes finanzielles und politisches Instrument" in Russland. Wie die letzten Auftragsmorde zeigen, erfasst die neue Welle sowohl Business wie auch Politik und Journalismus - also wieder jene Bereiche, die seit dem Ende der Sowjetunion zu den gefährdetsten Berufen gehört haben. Allein an Journalisten wurden laut Vorsitzendem des russischen Journalistenverbandes Vsevolod Bogdanow 261 seit dem Ende der Sowjetunion getötet, nur 21 Morde davon wurden aufgeklärt. Freimut Duve zufolge, dem vormaligen OSZE-Beauftragten für die Freiheit der Medien, hat sich Russland in den letzten Jahren zum Land mit der zweitgrößten Zahl ermordeter Journalisten entwickelt, gleich nach Kolumbien. Die Zahl der getöteten Unternehmer geht überhaupt in die Tausende. Expertenschätzungen gehen von jährlich mindestens 500 Auftragsmorden aus, die Dunkelziffer könnte bei einigen Tausenden liegen. Aufgeklärt werden die meisten nicht, statistisch gerade mal fünf Prozent.

Und es geht ungebremst weiter. Einem Auftragsmord erlag allein im Oktober noch der Manager einer Moskauer Privatbank, ebenso der Generaldirektor einer großen Autohandelsfirma. Schließlich Dmitri Fotjanow, Regionalpolitiker aus der ostrussischen Kleinstadt Dalnegorsk. Fotjanow von der kremlnahen Partei "Einiges Russland" hatte für die Stichwahl um das Bürgermeisteramt kandidiert. Vier Kugeln aus einer Kalaschnikow beendeten das Wettrennen.

Mehr Tote als unter Jelzin

Blickt man auf die offizielle Statistik kommt Grauen zur Ernüchterung. Das staatliche Statistikamt und das Innenministerium belegen, dass sich das Verbrechensniveau gegenüber den berüchtigten 90er Jahren sogar verschlechtert hat. In den Jahren 2000 bis 2005 ist die Anzahl der registrierten Morde im Vergleich zum Mittelwert der Jahre 1992 bis 1999 um 10,6 Prozent gewachsen, rechnet Vedomosti vor. 30.800 Akten zu Mord oder Mordanschlag lagen 2005 vor, 27.000 davon zu vorsätzlichem Mord. Starben zu Jelzins Zeiten 19 Menschen je 100.000 Einwohner, so unter Putin 22. Im Vergleich dazu starben in den USA im turbulenten Jahr 1980 etwa zehn Personen, im Jahr 2000 nur fünf je 100.000 Einwohner. In Europa liegt der Wert bei ein bis zwei Personen. Russland liegt in der Mordstatistik hinter Südafrika auf Platz zwei.

Sehr salopp und oberflächlich wird der Zustand vielfach einer nicht näher definierten Mafiastruktur zugeschrieben. Das stimmt freilich nur zum Teil. Denn einerseits herrscht selbst über die Zahl der organisierten Kriminellengruppen große Unklarheit - das Innenministerium zählt 400, die Staatsanwaltschaft 10.000. Entscheidender ist, dass die Gruppen keine unabhängige Justiz mit einem entsprechend abschreckenden Gesetzeswerk zu fürchten haben. Am entscheidendsten aber ist, dass sie sehr oft Helfershelfer in der Polizei, bei Geheimdienstmitarbeitern oder bei korrupten Beamten haben. Schon in den 90er Jahren entwickelten sich Polizisten und ehemalige KGB-Mitarbeiter zum so genannten "Schutzdach" für zwielichtige Akteure jedweder Art. In dieser Funktion und über Korruption sind sie Teil des russischen Wirtschaftsmodells geworden. Andernfalls müssten die Ordnungshüter mehr ausrichten. Denn kommen in Europa etwas mehr als 300 Polizisten auf 100.000 Einwohner, so sind es in Russland über 550. Das Vertrauen in sie ist dementsprechend: Laut Meinungsforschungsinstitut "Lewada-Zentrum" bleibt es stabil unter Null: im heurigen September lag der Vertrauenswert, errechnet als Differenz zwischen dem Prozent vollen Vertrauens und dem vollen Misstrauens, bei minus 24, vor einem Jahr bei minus 28.

Gut ausgebildete Killer

Dass selbst die Auftragskiller sehr oft eine Ausbildung bei Geheimdienst, Armee oder Miliz haben, fügt das Seine zum Image der staatlichen Strukturen hinzu. In Fällen wie Politkowskaja, die ob ihrer Recherchen zu Tschetschenien viele Feinde hatte, oder Koslow, der vielen Geldinstituten wegen des Verdachtes der Geldwäsche die Lizenz entzog, scheinen die Mordmotive noch recht eindeutig. Die gesamte neue Welle sehen Beobachter aber in einem beginnenden unerbittlichen Kampf um das Erbe der Macht im Staat. Nächstes Jahr sind Parlamentswahlen, Anfang 2008 endet Putins zweite und laut Verfassung letzte Amtszeit. "Wer an einer Destabilisierung Russlands interessiert ist, wird neue Opfer auswählen", sagt der berühmte Historiker Roj Medwedjew. Auch Putin hat bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch die Ermordung Politkowskajas ein antirussisches Komplott gewisser Kräfte aus dem Ausland genannt.

Illegale Übernahmen

Andere sehen klare Umverteilungskämpfe im Gang: Der Kreml selbst hat mit der Enteignung des Öl-Konzerns Yukos die Sicherheit auf Eigentum in Frage gestellt. Für viele war dies ein Signal, Konkurrenten wieder ungestraft aus dem Weg zu räumen. Die Versuchung ist groß, seit die hohen Rohstoffpreise den Wert von Anteilen an russischen Firmen und Rohstoffvorkommen ins Unermessliche gesteigert haben. Hunderte illegale Firmenübernahmen werden jährlich registriert.

Mit Putins Amtsende sehen viele, die in den letzten Jahren aufgestiegen sind, den Moment kommen, in dem sie vieles verlieren können und werden. Man bringt sich in Position. Der Kampf um Putins Erbe dürfte begonnen haben. Der russische Aktienmarkt hat nicht einmal auf Koslows Ermordung reagiert; er reagiert einzig nur mehr auf den Ölpreis.

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