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"Tschetschenien ist kein Terroristennest"

die furche: Wann waren Sie zum letzten Mal in Tschetschenien und was sind Ihre aktuellen Informationen?

Anna Politkowskaja: Ich selbst war Ende September das letzte Mal dort. Den Informationen, die ich aus der Ferne erhalte, vertraue ich nie ganz, weil ich gewohnt bin, es mit eigenen Augen vor Ort zu prüfen. Zur Situation in Tschetschenien kann ich nur sagen, dass im Allgemeinen die bisherigen Tragödien weitergehen.

die furche: Bei Gesprächen zwischen der Europäischen Union und Russlands Präsidenten Wladimir Putin sprach man sich erst kürzlich für eine politische Lösung aus. Wie kann eine solche Lösung aussehen und welche Politik wird Putin verfolgen?

Politkowskaja: Zur Zeit gibt es keine Hinweise auf die Möglichkeit einer politischen Lösung. Putin selbst ist ein Produkt seines Berufs: Was er sagt, was er tut und was er dabei beabsichtigt sind drei völlig unterschiedliche Dinge. Der Krieg wird unverändert in den dritten Winter gehen und so lange dauern, wie er angekündigt wurde. Der Dienstplan für die Truppeneinheiten ist bis zum Jahr 2004 geschrieben. In diesem Jahr finden in Russland Präsidentschaftswahlen statt. Wenn es für die Wahl, beziehungsweise dem Wahlgewinner 2004 vorteilhaft erscheint, als Friedensstifter dazustehen, wird der Krieg beendet werden.

die furche: Könnte das wieder Wladimir Putin sein?

Politkowskaja: Vielleicht. Das wird davon abhängen, wie sehr die Menschen vom Ausbleiben der ökonomischen Reformen genug haben. Der Tschetschenienkrieg ist ja das einzige, was Putin dem Land vorweisen kann. Putin redet ja nur. Man würde gerne wissen, was dahinter steckt, aber man weiß es nicht. Ich kenne Fälle, da wurde regionalen Gouverneuren bereits vereinbartes Geld in Aussicht gestellt, und Putin hat gleichzeitig dem Finanzminister aufgetragen, es nicht zu überweisen.

die furche: Welche realen Machtverhältnisse herrschen derzeit in Tschetschenien?

Politkowskaja: Es fehlt jegliche staatliche und juristische Verwaltung. An eine autonome Organisation ist deshalb derzeit gar nicht zu denken. Rebellenführer Aslan Maschadow schweigt seit einem Jahr, aber auch der radikale Anführer Chattab wird von den traditionalistischen Tschetschenen abgelehnt, weil er Araber ist. Dazu muss man wissen, dass in der Region nur wenige Dörfer unter islamistisch-wahabbitischen Einfluss stehen.

die furche: Was wissen Sie über angebliche El-Kaida-Zellen Osama Bin Ladens in Tschetschenien?

Politkowskaja: Ich zweifle nicht an einer verschwindend kleinen Anzahl an Verbindungen zwischen in Tschetschenien operierenden Gruppen mit Osama Bin Laden. Ich habe aber keine konkreten Dokumente. Es ist jedoch gänzlich unzulässig - wie derzeit in der Welt üblich - Tschetschenien als Terroristennest zu stigmatisieren, oder wie Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Umdenken hinsichtlich der Tschetschenienpolitik zu fordern; das rührt einzig und allein vom Unwissen her. Westliche Politiker werfen alles in einen Topf. Die Probleme in Afghanistan und Tschetschenien sind gänzlich anders gelagert. Von den 100 Prozent tschetschenischer Kämpfer haben vielleicht bedeutungslose fünf Prozent Verbindung zu Bin Laden. Und Aussagen wie die von Gerhard Schröder schaden nur der Zivilbevölkerung.

die furche: Sie sprechen Putins Auftritt vor dem Deutschen Bundestag an, bei dem dieser außerordentlich punkten konnte. Wie beurteilen Sie seinen Schwenk Richtung Westen?

Politkowskaja: Für mich ist das schon sehr seltsam. Gerade Putin hielt - unter anderem durch den Austausch von Kriegstechnologie - ständig Kontakt mit dem Irak, dem Iran und anderen arabischen Ländern. Und jetzt nach dem 11. September glaubt man seinen Worten, die das Gegenteil beteuern. Mir scheint, da wird mit zweierlei Maß gemessen. An Schröders Stelle hätte ich Putin im Deutschen Bundestag nach seiner geplanten Politik gegenüber dem arabischen Osten oder China befragt. Hier spielt Russland eine doppeldeutige Rolle. Der vielgesichtige Präsident Wladimir Putin ist ein wahrer Meister der Manipulation. Und die großen Emotionen nach dem 11. September spielen da sicher auch einen großen Einfluss. Nun, wenn der Westen will, dass man ihn betrügt, dann bitte!

die furche: Der zweite Krieg in Tschetschenien begann als Reaktion auf Bombenanschläge in Russland. Der vom russischen Geheimdienst verfolgte Ex-FSB-Mitarbeiter Litwinenko ortet aber die wahren Hintermänner in russischen Geheimdienstkreisen selbst. Wie beurteilen Sie diese Vorwürfe?

Politkowskaja: In seinem Buch beweist Litwinenko sehr logisch, dass der KGB die Bombenanschläge als Provokation selbst veranlasst hat. Alle Achtung, ich kann Litwinenko nicht widersprechen. Vor allem gibt es von der Gegenseite nichts, was beweisen würde, dass es nicht so war. Merkwürdig ist doch, dass in den letzten zweieinhalb Jahren niemand verhaftet wurde.

die furche: Hätte man Tschetschenien schon Anfang der neunziger Jahre in die Unabhängigkeit entlassen sollen?

Politkowskaja: Keine Frage. Russland hätte sich viel erspart.

die furche: Sie wurden kürzlich selbst in Tschetschenien vom russischen Militär verhaftet. Wie leben Sie mit Ihrer lebensbedrohlichen Arbeit?

Politkowskaja: Ich bin dieses Leben gewohnt und habe einen niedrigen Angstpegel. Am meisten beunruhigt mich, dass das Militär im Laufe des Krieges es mit allen Mitteln durchgebracht hat, dass ich derzeit nicht mehr im Tagesjournalismus arbeiten kann. Besonders bedrückend ist auch, dass das Buch an dem ich derzeit arbeite - und dessen Zielpublikum ja meine Landsleute sind - niemand auf Russisch herausgeben wird. Die persönliche Gefahr relativiert sich da. Wirklich Angst habe ich nur, weil meine Kinder in Moskau sind.

Die Regierung stört, dass ich viel über Kriegsverbrechen weiß. Immer wenn ich mit der Präsidialverwaltung sprach, habe ich gesagt, dass sie Ordnung in das Verhalten des Militärs in Tschetschenien bringen sollen. Ich begreife nicht, wozu Putin als oberster Militärbefehlshaber absichtlich einen verkommenen Haufen will, der wie selbstverständlich vergewaltigt. Dass ihm nicht an einer loyalen, funktionstüchtigen und starken Armee liegt, ist Dummheit und beweist seine niedrigen geistigen Fähigkeiten. Allerdings, und das gibt Mut, teilen einige höchste Armeeoffiziere in meinem Bekanntenkreis diese Ansicht.

die furche: Wie stehen Sie zum amerikanischen Vorgehen in Afghanistan?

Politkowskaja: Den Bemühungen um eine brauchbare Nachkriegsregierung wünsche ich viel Erfolg. Es wäre zu schön, würde es gelingen. Ich sehe aber, wie sich die Fehler des zweiten Tschetschenienkrieges in Afghanistan wiederholen: viele zivile Opfer, zunehmender Widerstand und Rachegefühle bei Angehörigen der Opfer. Regierungen können gebildet werden, aber hinter dem Rücken wird man immer mit einem Mörder rechnen müssen. Deshalb darf man in dieser Welt niemanden zu Rachegefühlen Anlass geben, denn diese bleiben für Jahrzehnte aufrecht.

die furche: Was halten Sie von der Vermutung, dass Ex-KGB-Agenten in die Anschläge vom 11. September auf das World Trade Center verwickelt sind?

Politkowskaja: Ich habe von dieser Vermutung nur gehört. Mir fehlen genauere Anhaltspunkte. Die Rede ist aber nicht von ehemaligen Agenten, die ja ihre Verbindungen eher im kommerziellen Bereich laufen haben, sondern von jetzigen KGBlern. Sie dürfen nicht vergessen, die antiamerikanische Stimmung in Russland ist nach wie vor sehr hoch. An eine plötzliche Freundschaft mit Amerika kann ich daher - trotz aller gegenteiligen Beteuerungen - nicht glauben. Der russische Geheimdienst wird wohl auch jetzt, wie bisher, mit Bin Laden arbeiten. Denken Sie daran, dass als neuer Präsidentenberater in außenpolitischen Angelegenheiten - gerade vor dem Hintergrund der WTC-Anschläge - der ehemalige Ministerpräsident Jewgenij Primakov beigezogen wurde. Primakov war an oberster Stelle im ehemaligen Auslandsgeheimdienst tätig, ist ein sehr bekannter Arabist, sprich Ostarabienspezialist, ein Freund von Hussein, Arafat und anderen sowie ein Dialogpartner für Pakistan und Afghanistan. Als offen bekennender Antiamerikanist plädiert er dafür, dass sich Russland gerade auf diese Partner stützt. Dass gerade er Präsidentenberater wurde, spricht für mich Bände. Putin hat sich dafür entschieden, dass Primakov auf ihn Einfluss ausübt. Und die Art dieses Einflusses nützt gerade jenen Ländern, gegen die Amerika Krieg führt.

Das Gespräch führte Eduard Steiner.

Zum Thema: Mit Tod bedroht

Anna Stepanowa Politkowskaja ist eine der angesehensten russischen Journalistinnen und hat während des zweiten Tschetschenienkrieges in zahlreichen Reportagen aus dem Kriegsgebiet das Leid der Zivilbevölkerung und in den Flüchtlingslagern in Inguschetien angeprangert. Politkowskaja wurde 1959 in der Sowjetunion geboren. Nach dem Journalistikstudium in Moskau arbeitete sie bei verschiedenen russischen Zeitungen. Im Juni 1999 wechselte sie zur unabhängigen Zeitung Nowaja Gazeta. Durch ihre unerschrockene Dokumentation des verbrecherischen Vorgehens der russischen Armee in Tschetschenien wurde sie zur Zielscheibe der russischen Militärs und Regierung. Im Februar dieses Jahres wurde sie in Tschetschenien von russischen Armeeangehörigen verhaftet und mit dem Tod bedroht. Infolge der Morddrohungen hat sie ihr Chefredakteur derzeit vom aktiven Tages-Journalismus karenziert. Die Trägerin mehrerer journalisitscher Auszeichnungen schreibt gegenwärtig am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) an ihrem zweiten Buch über den Tschetschenienkrieg.

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