Die Macht der Stärkeren

Kulturkampf heißt im Russland von heute auch, gegen (provokative) Kunst die staatlichen Messer zu wetzen. An vorderster Front mit dabei: die russisch-orthodoxe Kirche.

Zum zweiten Mal schon ziehen eifernde Vertreter der russischen Orthodoxie gegen die Organisatoren angeblich gotteslästerlichen Kunstausstellungen ins Feld und haben die Justizbehörden als Verbündete an ihrer Seite. Der Philosoph Michail Ryklin hält den Vorfall für symptomatisch. Der Angeklagte Samodurow wartet auf das Urteil.

Um einen Kopf kürzer

Juri Samodurow macht sich keine Illusionen. Dass er verurteilt werden wird, ist für den Direktor des Sacharow-Zentrums in Russlands Hauptstadt Moskau lediglich eine Frage der Zeit: "Wenn die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat, so bedeutet dies, dass der Entschluss gefasst worden ist, die Sache vor Gericht und mich hinter Gitter zu bringen", sagte Samodurow Mitte Juni gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti: "Die Frage ist nur - wann und für wie lange? Wahrscheinlich will die Staatsanwaltschaft das Museum um einen Kopf kürzer machen - und zwar um meinen".

Anlass der zuvor erhobenen Anklage war nichts mehr, aber auch nichts weniger als die Organisation und Durchführung der Ausstellung "Verbotene Kunst 2006". Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Samodurow mit ebendieser Ausstellung Hass und Feindschaft geschürt hat (Artikel 282 des russischen Strafgesetzbuches). Unter den Exponaten hätten sich auch Werke befunden, die das Christentum und seine Anhänger erniedrigen und beleidigen.

Verbotene Kunst

Rückblende: Noch liegt der Schnee an vielen Plätzen der Stadt. Die Autos im heillos überfüllten Moskau flitzen dennoch, sobald sich der berüchtigte Stau wieder einmal irgendwo aufgelöst hat, mit gut und gern 100 Sachen über den inneren Ring. Dass sich zweihundert Meter von ihm entfernt im einsam am Stadtflüsschen Jausa gelegenen Gebäude des Sacharow-Zentrums ein großer Skandal anbahnt, wird dem geschäftigen Treiben der Metropole wohl bis heute ziemlich gleichgültig sein. Ein kleiner Kreis mit großem Einfluss aber läutet die Alarmglocken, weil Samodurow vom 7. bis 31. März eine Schau von Werken zeitgenössischer Kunst zeigt, die ein einziges Merkmal vereint: sie allesamt sind im Vorjahr auf Initiative der Museumsverantwortlichen aus verschiedenen Museumsausstellungen entfernt worden.

Die Ausstellungsgestalter hatten das "Verbot" gleich selber mitinszeniert; im Saal selbst nämlich war lediglich eine weiße Stellwand zu sehen. Sie verhüllte die dahinter aufgestellten Werke, die man nur durch einen verstohlenen Blick ins Guckloch der Stellwand erspähen konnte. Etwa Alexander Kossolapows Plakat der Fastfood-Kette McDonald's mit Jesus-Antlitz und der Aufschrift "This is my body" oder die Kaviarikone, auf der russische Fischeier die Madonna ersetzen. Daneben die Tschetschenische Marilyn des sibirischen Künstlerduos "Blaue Nasen" (Alexander Schaburow und Wjatscheslaw Mi-sin), das seit seiner Gründung 1999 mit Schockeffekten irritiert: Die oben vermummte und unten nackte Terroristin "Marilyn" trägt einen Sprengstoffgürtel, ihre Straps ziert der Totenkopf. Auf Alexander Sawkos Szene der biblischen Bergpredigt wiederum trägt der Heiland einen Mickymauskopf. Bagritsch Bachtschanjan montierte ein Foto einer Rektalpenetration von Armeerekruten - Titel: Russland sei Ruhm. An der Ausstellung beteiligt war auch Ilja Kabakow.

Im Folgenden trat der Theologieprofessor Andrej Kurajew auf den Plan. Er forderte, Samodurow und den Kurator Andrej Jerofejew von der renommierten Tretjakow-Galerie mit Kuratierungsverbot zu belegen. Aber auch außerhalb des orthodoxen Spektrums regte sich Widerstand: So forderte Sacharows Witwe, Jelena Bonner, die Administration des Sacharow-Fonds auf, die Ausstellung öffentlich zu verurteilen und zu schließen. Der Initiator der Klage gegen Samodurow war schließlich die orthodox-patriotische Bewegung "Volkskonzil". Ihre Mitglieder erachten die Exponate klar als Gotteslästerung und Schürung von religiösem Hass. Am 28. März schließlich begann die Staatsanwaltschaft zu ermitteln, ob ein krimineller Tatbestand tatsächlich gegeben sei.

Krimineller Tatbestand?

Sei er nicht, soll der Untersuchungsführer laut Samodurow zum Abschluss der Ermittlungen gesagt haben, jedoch auch seine Überzeugung geäußert haben, dass sein Gutachten von höher gestellten Personen aufgehoben würde, weil "von vielen Seiten diesbezügliche Appelle eingelangt sind".

Angesichts der religiösen und moralischen Desorientierung im Land befindet sich Russlands orthodoxe Kirche (ROK) vielleicht weniger bei der Bevölkerung, gewiss aber auf staatlicher Ebene wieder verstärkt im Aufwind. Trotz verfassungsmäßiger Gleichheit nämlich aller Religionen sieht ROK Russland als ihr kanonisches Territorium und stellte die Zeichen auf Abwehr pluralistischer Einflüsse in Gesellschaft und Religion. Hier weiß sich die ROK eins mit den Militärs und einem beträchtlichen Teil im politischen Establishment.

Hat sie die Nähe zum KGB zur Sowjetzeit nie aufgearbeitet, so hat sie unter Putin wieder ein besonderes Naheverhältnis zum Staat entwickelt - etwa dessen Operationen in Tschetschenien gesegnet und im Gegenzug Unterstützung bei der Ausweisung katholischer Konkurrenzbischöfe erhalten. Ein Etappensieg in ihrem Vormarsch gelang der ROK in diesem Schuljahr, als in vier Regionen der verpflichtende Unterricht der "Grundlagen der orthodoxen Kultur" eingeführt wurde. Politisch redet die ROK der Konjunktur nach dem Mund, als wirklich gesellschaftliches Korrektiv versteht sie sich nicht und will sie auch andere Institutionen wie die Kunst nicht verstanden wissen.

Für den Staat selbst wiederum, der nach einer "nationalen Idee" sucht, bietet sich die Kirche mit ihrer fertigen Ideologie in Form einer national-patriotischen staatsbildenden Identität optimal an. Dazu passen Umfragen, denen zufolge sich weitaus mehr Bürger zur Orthodoxie bekennen als an Gott glauben, geschweige denn aktive Gläubige (drei bis fünf Prozent) wären.

Eifernde Anhänger der Kirche weisen die Kunst nicht zum ersten Mal spektakulär in die Grenzen. Vor vier Jahren hatten sechs aufgebrachte orthodoxe Christen im besagten Sacharow-Zentrum die Ausstellung Achtung, Religion! verwüstet. Damals hatte der Staatsanwalt nicht die Kunstzerstörer verklagt, sondern - wie auch jetzt - "wegen Beleidigung religiöser Gefühle des russischen Volkes" Samodurow und seine Mitarbeiter. Die vom Staatsanwalt geforderten drei Jahre Lagerhaft (besagter Artikel 282) waren schließlich in Geldstrafen umgewandelt worden.

Zurück zu Sowjetzeiten?

Unter den Verurteilten befand sich auch die Künstlerin Anna Altschuk, Frau des renommierten russischen Philosophen Michail Ryklin. Er, seit Jahren auch Russlandkorrespondent der Kulturzeitschrift Lettre International", hat den Fall in seinem in Deutschland erschienen Buch Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie (2006, Edition Suhrkamp) verarbeitet und wurde dafür heuer mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Für den 58-jährigen Schüler von Jacques Derrida ist der Vorfall symptomatisch. Es geht um das "fatale Verdrängen der traumatischen Vergangenheit unter Stalin, die russische Xenophobie und Psychose - als eine in Russland weit verbreitete Haltung, das Realitätsprinzip zu negieren". Was unter Putin nun geschehe, sei "eine Art imaginäre Reise zurück in die sowjetische Geschichte".

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