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"Wer diese Verbrechen nicht sieht, ist blind"

Der französische Philosoph André Glucksmann, Initiator und Mitstreiter bei vielen politischen und humanitären Aktionen, gilt als Feind jeglicher politischer Blauäugigkeit. Die Furche traf ihn bei der Leipziger Buchmesse zum Interview über Putins Krieg in Tschetschenien, den Terror des 11. September und Jörg Haiders Visite bei Saddam Hussein.

die furche: Herr Glucksmann, Sie prangern in der Öffentlichkeit immer wieder das brutale Vorgehen Russlands in Tschetschenien an.

André Glucksmann: Ich war heimlich in Tschetschenien und habe ein Massaker gesehen. Das Holocaust-Museum in Washington hat von Völkermord gesprochen, der in der Hauptstadt Grosny passiert ist. Dieses Museum ist wohl über jeden Verdacht erhaben, den Holocaust herunterzuspielen. Es war das erste Mal seit Warschau 1944, dass eine Stadt in Europa ausradiert wurde. Wenn der deutsche Bundeskanzler Schröder sagt, man müsse das differenziert sehen, dann ist das ein Problem - auch wenn die Deutschen sich freuen, wenn der russische Präsident Putin im deutschen Bundestag deutsch spricht. Aber Putin hat deutsch gelernt, weil er ein Spion war, ein Stasi-Vorsitzender. Ich verstehe das nicht. Ich denke an die vielen Deutschen, die gelitten haben unter der russischen Besatzungsmacht, zu der Putin gehörte. Aber wir sagen nichts und geben Russland Geld, mit dem das Massaker finanziert wird.

die furche: Sind Sie deshalb nach Tschetschenien gefahren?

Glucksmann: Ich wollte es mit eigenen Augen sehen. Das Holocaust Museum nennt zwei Fälle von Völkermord: Tschetschenien und den Südsudan. Am 19. Dezember 1999 war ich in Moskau, bei einer Veranstaltung in den Räumen der Nachrichtenagentur Tass und habe dort die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Grosny angeprangert. Als ich eine Gedenkminute verlangte für all jene, die während der fünf Minuten meiner Rede von der russischen Armee umgebracht wurden, hat sich die Hälfte der Anwesenden erhoben. Die dort anwesende Nummer zwei im Generalstab, General Manilow, sagte, ich würde damit moralische Gewalt gegen ihn ausüben. Seither habe ich kein Visum mehr für Russland bekommen.

die furche: Wie sehen Sie demgegenüber die Entwicklung in Afghanistan?

Glucksmann: Ich war mit Massud von der Nordallianz befreundet. Von Anfang an stand ich auf der Seite der Gegner des Regimes. Als Massud im Frühjahr 2001 nach Paris kam, waren wir zehn Schriftsteller, die mit ihm gesprochen haben. Hätte man ihn politisch unterstützt, würden die Türme in New York noch stehen. Aber wir, die Demokraten, haben ihn nicht unterstützt. Daraus lernen wir, dass das nicht weit entfernte Kriege sind, sondern Kriege, die auch uns betreffen. Zwischen den Höhlen von Afghanistan und New York besteht eine Verbindung. Wenn wir uns nicht für das weit Entfernte interessieren, kommt es irgendwann uns.

die furche: Sind in Ihren Augen die USA auch schuld an der Entwicklung?

Glucksmann: Bei dieser Frage muss man sozusagen den ganzen Film sehen. Zwei haben in Afghanistan Feuer gelegt: Die Russen zehn Jahre lang, indem sie eine Million Menschen umgebracht haben. Hätten sie nicht alles zerstört, hätten nicht die Fanatiker die Macht ergriffen. Die zweiten sind die Amerikaner, weil sie sich auf die Seite von Pakistan und den Taliban geschlagen haben. Die Russen haben daraus nichts gelernt, denn sie machen dasselbe wieder in Tschetschenien. Amerika hat vielleicht daraus gelernt, denn die Hälfte der Menschheit hat den 11. September gefeiert, laut oder stumm: Die Chinesen, die reichen Südamerikaner, auch die Russen.

die furche: Auch in westlichen Medien war die These zu lesen, dass die USA sich den Terroranschlag letztlich doch auch selbst zuzuschreiben haben.

Glucksmann: Amerika hat sich gar nichts zuzuschreiben, gar nichts. Wenn die Menschen Ursache ihres eigenen Dramas wären, könnte man das gegen jedes Volk der Erde sagen. Zu den Franzosen, denn die hatten Kolonien. Die Stätten der Araber könnten pulverisiert werden, denn die trieben Handel mit Sklaven. Man muss dem Bösen ins Auge sehen, jeder Teil der Menschheit könnte betroffen werden. Das sind Verbrechen gegen niemand und alle. Wer das nicht sieht, ist blind. Beispielsweise Günter Grass, der gesagt hat: "Viel Lärm um 3.000 Weiße." Er sieht die Fakten nicht. Ideologische Blindheit ist sehr gefährlich. Ich lese Manhattan wie Guernica. Das ist dasselbe, so wie auch Grosny. Da geht es nicht nur um tschetschenische Terroristen. Die Stadt hatte 400.000 Einwohner, die Hälfte davon Russen. Die Bomben gehen auf jeden nieder. Es ist ein Massaker an Unschuldigen.

die furche: Wie haben Sie selbst den 11. September verarbeitet?

Glucksmann: Ich habe ein Buch geschrieben mit dem Titel "Dostoïevski à Manhattan". Darin sage ich, dass die Bin-Laden-Leute nicht nur Terroristen sind, sondern in der Tradition des Nihilismus stehen. CIA und FBI glaubten, dass das nur Mystiker waren. Aber so ist es nicht. Die Terroristen waren ganz fabelhafte Techniker. Sie kennen uns besser als wir sie. Das kann man sich erst vorstellen, wenn man Dostojewski, Puschkin und andere liest. Aber weil CIA und FBI keine Literatur kennen, können sie nicht wissen, was sie suchen sollen. Dort hätten sie es erfahren.

die furche: Fast verdrängt scheint der Balkan zu sein. Sind Sie zufrieden mit dem Prozess gegen Slobodan MiloÇsevi´c in Den Haag?

Glucksmann: Das ist eine sehr gute Sache. Es macht Leuten wie MiloÇsevi´c Angst. Ich sah eine gemeinsame Pressekonferenz von Putin und Präsident Chirac in Moskau. Journalisten fragten, und Chirac sagte, dieser Prozess sei korrekt, eine gute Sache. Und plötzlich explodierte Putin und rief dreimal "Njet!" Plötzlich sah man, dass er ganz aufgeregt war.

die furche: Vor zwei Jahren haben Sie anlässlich der Regierungsbildung in Österreich von drei Alternativen für die Zukunft gesprochen: Entweder entledigt sich Österreich des "Haiderismus". Oder Europa entledigt sich des "haiderisierten" Österreich. Oder aber Europa löst sich auf. Zwei Jahre mit dieser Regierung sind inzwischen ins Land gezogen, aber es ist keine Ihrer drei Alternativen eingetreten.

Glucksmann: Es ist ja noch Zeit. Ich will Haider doch nicht töten. Aber die Frage bleibt bestehen. Man hat es gesehen in der jüngsten Auseinandersetzung mit Tschechien, da hat Haider wieder die Türe zugemacht zu Europa. Das einzige, was Europa machen kann, ist zu warten, bis das Volk von Österreich versteht. Wenn Österreich die Frage stellt: Tschechien oder Österreich in der EU, wird man Tschechien wählen müssen. Es ist mir peinlich, dass Österreich nicht europäisch denkt, wenn es sich dann aus der EU rausschmeißt. Ich würde das auch gegen französische Bauern sagen, die sich gegen die EU-Mitgliedschaft Polens stellen. Man muss ein wenig offen sein.

die furche: Und wenn sich Österreich inzwischen an Jörg Haider gewöhnt hat?

Glucksmann: Das ist eine Frage an die Österreicher.

die furche: Warum, denken Sie, ist Jörg Haider zu Saddam Hussein gefahren? Glucksmann: Die beiden ziehen einander irgendwie an. Le Pen ist auch auf der Seite von Saddam. MiloÇsevi´c war Kommunist und hat sich sehr gut mit Faschisten verstanden. So etwas nennt man rot-braun. Haider ist mehr braun und Saddam kommt aus einem kommunistischen Milieu. Gleich und gleich gesellt sich gern.

die furche: Wie beurteilen Sie die Österreicher insgesamt?

Glucksmann: Ich glaube nicht, dass die Österreicher Faschisten sind. Sie haben nur keine Idee vom Faschismus und seinem Risiko. Das ist der Unterschied zu Deutschland: Die Westdeutschen haben jahrzehntelang gelernt, was ihre Verantwortung war. "Nie wieder!" Und die Österreicher glauben, dass man nie Verantwortung hatte, und man alles wegwischen konnte. Am Anfang war die Elite in Österreich christlich und ein wenig italienisch, dann ungarisch und ein bisschen jüdisch. Das war der Charme von Wien, weil es eine kosmopolitische Stadt war. Aber deshalb störend für einfache Leute. Ich hatte eine Tante in Wien, die sagte: "1938 war das Ende des Charmes".

die furche: Sehen Sie nicht ähnliche Gefahren für Italien durch die Regierung Berlusconi, der schonungslos seine Medienmacht einsetzt?

Glucksmann: Die Italiener sind tüchtig, die werden da rauskommen. Es ist nie so dramatisch, wie sie es darstellen. Sie sind zu kultiviert, um sich nur durch einen Fernsehsender manipulieren zu lassen.

Das Gespräch führte Stefan May.

Zur Person: Der Philosoph mit der Beatles-Frisur

André Glucksmann zählt zu den Wegbereitern der neuen kritischen Philosophie. Immer wieder meldet sich der 65jährige Franzose, geboren in Boulogne, zu brisanten, politischen Themen zu Wort.

Gluckmann's jüdische Eltern flohen 1937 vor den Nationalsozialisten aus ihrer Heimatstadt Hamburg nach Frankreich.

Als Jugendlicher gehörte Glucksmann der Kommunistischen Partei an, aus der er "angewidert" mit 18 wieder austrat. 1968 stand er bei der Pariser Studentenrevolte an vorderster Front. 1984 machte er mit seinem Buch "Philosophie der Abschreckung", in dem er die Friedensbewegung aufs Korn nahm, Furore. Seine "Meisterdenker" wurden in 17 Sprachen übersetzt. In "Die Macht der Dummheit" legte er sich mit der sozialistischen Führung seiner Heimat an. Kürzlich erschien in Frankreich sein Essay "Dostoïevski à Manhattan" über den Anschlag des 11. September und die Folgen.

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