"Das ist eine neue Stufe der Eskalation"

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Pieter Stockmans, belgischer Dschihad-und Nahostexperte über Hintergründe der Brüsseler Anschläge und den internationalen Dschihadismus.

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Pieter Stockmans, belgischer Dschihad-und Nahostexperte über Hintergründe der Brüsseler Anschläge und den internationalen Dschihadismus.

Pieter Stockmans hat für zahlreiche belgische und niederländische Zeitungen und TV-Anstalten aus den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas berichtet und ein Buch über die Geschichte, und die Machtstrukturen der Dschihad-Bewegung herausgebracht. "Die Dschihad-Karawane" wurde in Belgien ein Bestseller.

Die Furche: Wie bewerten Sie die Anschläge in Brüssel?

Pieter Stockmans: Es ist eine neue Eskalationsstufe: bisher war Brüssel die Ausfallbasis, um anderswo Anschläge zu planen. Dies ist der x-te Beweis dafür, dass in Belgien viele Netzwerke bestehen, die wiederum Verbindungen mit internationalen Netzwerken haben, mit viel Geld und vielen Waffen, und die deren Aufträge ausführen.

Die Furche: Wie hat sich der Charakter terroristischer Anschläge verändert?

Stockmans: Die Dynamik ist seit den Anschlägen vom 13. November 2015 eine andere. Charlie Hebdo, das war ganz anders, weil auf ein deutliches Symbol gerichtet. Aber seit den Anschlägen im November geht es um sehr willkürliche Gewalt, und das Gefühl kommt durch, dass man jederzeit am falschen Platz sein kann. Das lässt mich an Syrien, den Irak oder Jemen denken. Vielleicht ist dies auch die Strategie des IS für Europa.

Die Furche: Die Anschläge trafen Belgien just, als man sich mit der Verhaftung Salah Abdeslams auf dem richtigen Weg wähnte.

Stockmans: Ein vereitelter Anschlag ist kein großer Sieg, und Euphorie über die Verhaftung einer kleinen Figur wie Salah Abdeslam ist vollkommen fehl am Platz. Manche Medien taten ja, als sei Molenbeek die Hauptstadt des Kalifats und Salah Abdeslam Abu Bakr Al-Baghdadi. Es schien, als hätte man mit seiner Verhaftung den IS aufgerollt.

Die Furche: Wie konnte es trotz aller Alarmbereitschaft, Hausdurchsuchungen und Vorsorge-Maßnahmen zu solch massiven Anschlägen kommen?

Stockmans: Die Sicherheitsdienste brauchen nicht nur mehr Befugnisse, sie brauchen vor allem mehr Mittel, mehr und gutes Personal, z. B. Menschen, die Arabisch lernen. Es gab in Belgien aber jahrelang zu wenig Mittel. 2012 lagen der Staatsanwaltschaft 20 Terror-Dossiers vor. Heute sind es 270. Dazu kommt eine Liste von Menschen, die aus diesem Grund beschattet werden. Dafür aber braucht man pro Verdächtigen zwei bis drei Mitarbeiter. Das aber ist wichtig bei einer Bedrohung, die größer ist als je zuvor in unserer Geschichte. Denn nie waren so viele Belgier Teil terroristischer Netzwerke. So gesehen kommen die Anschläge nicht überraschend.

Die Furche: Hätte man sie denn verhindern können? In den letzten Tagen gab es einige Berichte: über Ermittlungspannen und Fehler der Behörden.

Stockmans: Ich denke, sie hätten verhindert werden können. Aber dann wären sie nicht am 22. März, sondern später passiert.

Die Furche: Inwieweit sind die komplexen belgischen Strukturen mit ihrem Geflecht aus Regierungs-Ebenen und politischen Befugnissen hier ein Problem?

Stockmans: Es ist nicht leicht in einem Land mit sechs Regierungen - die föderale, die drei Regionen Wallonien, Flandern, Brüssel, die extra verfasste frankophone Sprachgemeinschaft sowie die der deutschsprachigen Minderheit - eine Sicherheitspolitik zu koordinieren. Das gleiche gilt für Brüssel mit ihren 19 Bürgermeistern. All diese Regierungen müssen miteinander sprechen und Informationen durchlassen. Ein Beispiel: Repression ist eine föderale Aufgabe, Prävention wie Bildung oder Sozialarbeit ist bei den Sprachgemeinschaften angesiedelt.

Die Furche: Wie schon im November hagelt es internationale Kritik an den belgischen Behörden. Wie stehen Sie dazu?

Stockmans: Es ist immer attraktiv, ein einseitiges Bild zu zeichnen. Wie diese Erklärung, Belgien sei ein gescheiterter Staat. Das taugt natürlich als Zeitungsüberschrift, aber die Sache ist viel komplexer. Die Realität überfordert doch alle europäischen Länder. Selbst wenn alle Behörden perfekt zusammenarbeiten: in Syrien ist eine terroristische Bewegung entstanden mit der Erfahrung, dem Know-how und den Netzwerken aus 20,30 Jahren.

Die Furche: Bei den Biografien der Dschihadisten fällt auch diesmal wieder der Link mit der organisierten Kriminalität auf.

Stockmans: Ja, es fällt auf, dass sehr viele eine kriminelle Vergangenheit haben. Wenn man Verbrechen oder Grausamkeiten ohne einen ethisch-normativen Rahmen begehen kann, kann man das natürlich erst recht, wenn man dafür noch ein Ideal hinzubekommt. Schlussendlich bleibt man im mindset der Kriminalität, die der einzige Ausweg aus einem Leben auf dem Abstellgleis bedeutet. Insofern überraschen mich die Berichte über die El Bakraoui-Brüder nicht. Sie sind das x-te Beispiel dafür. Die Furche: Was empfehlen Sie?

Stockmans: Zum einen weiter präventiv zu arbeiten: Bildung, benachteiligte Viertel fördern, und die europäischen Muslim-Gemeinschaften nicht abzuweisen, sondern als Verbündete im Kampf gegen den Terror anzusehen. Essentiell ist ein stabiles System im Nahen Osten. Was nicht bedeutet, dass wir in Europa nicht jetzt schon die nötigen Dinge tun können. Dazu gehören Investitionen in Sicherheitsdienste. Aber die "Festung Europa" funktioniert nicht. Die Bedrohung findet immer eine Hintertür, um zu uns zu kommen. Europa muss verstehen, dass wir nicht länger abgetrennt von der Welt sind, sondern integraler Teil von Konflikten.

Die Furche: Von Afghanistan nach Syrien war es ein langer Weg

Stockmans: Durch die Invasion Afghanistans und des Iraks ist diese Bewegung stärker geworden. Ende der 1990er, nach dem Tschetschenien-Krieg, gab es keinen offenen Konflikt, bei dem Muslime beteiligt waren. Dann kam die Invasion, mit deren Spätfolgen wir heute zu tun haben. In den Nullerjahren entstand Al-Kaida im Irak. Die nächste Phase war dann ISIS, und damit die Eroberung eines grenzüberschreitenden Gebiets. Al-Kaida hat zudem nie so auf europäische Jugendliche gesetzt.

Das Gespräch führte Tobias Müller

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