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"Erdogan ist Teil des Systems"

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Für die Soziologin Pinar Selek ist Präsident Erdogan Auswuchs der patriarchalen Gesellschaft in der Türkei. Ein Interview über Feminismus und Aufklärung.

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Für die Soziologin Pinar Selek ist Präsident Erdogan Auswuchs der patriarchalen Gesellschaft in der Türkei. Ein Interview über Feminismus und Aufklärung.

Die türkische Soziologin Pinar Selek wurde bekannt durch ihre Untersuchungen und Arbeiten zu diskriminierten Gruppen wie Transsexuellen, Straßenkindern, Prostituierten oder Kurden. Nach ihren Recherchen über die PKK wurde sie 1998 verhaftet und für ein angebliches Bombenattentat auf einen Basar in Istanbul verantwortlich gemacht. Jahre später musste das Gericht sie freisprechen, weil die Explosion als Unfall mit einem Gasbehälter erkannt wurde. Sie war Ende April auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) in Wien.

Die Furche: Wir erleben gerade in der Türkei, wie Präsident Erdo gan, der selbst einst wegen öffentlichen Vortragens eines Gedichtes verurteilt wurde, einen Mann wegen eines Schmähgedichts ins Gefängnis bringen will. Wie erklären Sie sich das psychologisch?

Pinar Selek: Das patriarchale System baut darauf auf, dass die Männer miteinander in Konkurrenz stehen. Das wird teilweise mit Gewalt ausgetragen. Auch das Strafsystem produziert Hierarchien zwischen Männern. Ich lebe seit etlichen Jahren in Europa. Wenn über die Türkei gesprochen wird, geht es meistens um Erdo gan. Das finde ich oberflächlich und nicht zureichend. Wenn über Probleme gesprochen wird, müssen wir doch auch sehen, dass Erdo gan Teil eines Systems ist, zu dem auch die Armee und die Polizei gehören. Und dieses System reproduziert das Patriarchat.

Die Furche: Wäre es ohne Unterstützung in der Bevölkerung möglich, dass jemand mit so einem Weltbild sich an der Macht hält? Sie haben in einem Buch die autoritäre Erziehung von Männern dafür verantwortlich gemacht.

Selek: Die staatliche Macht beruht auf gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Das bestehende System ist auf Krieg und Unterdrückung angewiesen. Insofern spielt die gesellschaftliche Macht eine wichtige Rolle. In diesen Erklärungsmustern kommt auch den Männern eine wichtige Rolle zu. Weil Männer an der Macht sind, wird dieses System reproduziert. Nicht nur in der Türkei. Aber die Türkei befindet sich in einer Kriegsatmosphäre und die herrschenden Klassen brauchen diese Autorität in der Türkei.

Die Furche: Gibt es in der Türkei eine Friedensbewegung, die auch von nenneswerten Teilen der Bevölkerung getragen wird?

Selek: Es gibt seit langer Zeit ein Unterdrückungssystem, eigentlich seit der Gründung des Staates. Als ich 1998 im Gefängnis war, gab es 45.000 politische Gefangene. Die Hingerichteten zähle ich gar nicht dazu. Die Unterdrückung ist heftig. Trotzdem gab es immer und gibt es auch eine Friedensbewegung. Sie ist schwach, aber sie leistet einen wichtigen Beitrag.

Die Furche: Seit Jahren werden die Menschen mit Nationalismus vergiftet. Das türkische Fernsehen verbreitet Kriegspropaganda. Vieles wird gemacht, um Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg zu schaffen. Dass es dazu noch nicht gekommen ist, ist der Friedensbewegung zu verdanken.

Selek: Man hört und sieht nicht viel davon.

Die Furche: Die europäischen Medien sind da sehr selektiv und berichten kaum über die Opposition in der Türkei. Über den Widerstand an den Unis, wo es viele Studentenbewegungen gibt, gab es nur einzelne Berichte. Auch über die Repression dagegen.

Selek: In patriarchalen Gesellschaft tragen Frauen im Allgemeinen zur Reproduktion der Zustände bei, weil sie Söhne bevorzugen. Gibt es da eine Gegenbewegung von Frauen?

Die Furche: Nicht nur in der Türkei. Jedes Herrschaftssystem bezieht die Unterdrückten mit ein, sonst würde es nicht funktionieren. Frauen wie Marie Le Pen oder Margaret Thatcher haben dazu beigetragen, dass die traditionellen Rollen in der Gesellschaft noch verstärkt werden. Die Türkei ist nicht mehr oder weniger so.

Selek: Das Patriarchat kann unterschiedliche Formen annehmen. In Österreich und anderen Ländern übernehmen die Frauen die ihnen im patriarchalen System zugewiesenen Rollen. Dennoch können wir beobachten, dass in der Türkei die Frauen und Homosexuellen infolge einer neokonservativen Politik besonders unter Druck stehen. Frauen leisten dagegen Widerstand, was unter den repressiven Bedingungen nicht einfach ist. Manchmal ist es schon schwierig, einfach nur sichtbar zu sein.

Die Furche: Sie haben viel über Feminismus in der Türkei geschrieben. Wird die Bewegung unterschätzt oder hören wir nur nichts darüber?

Selek: Die feministische Bewegung hat es nicht einfach. Sie entfaltet vielfältige Strategien, dazu gehört es, sichtbar zu sein. Schon das ist schwierig. Denn sichtbare Köpfe werden schnell abgeschlagen. Es ist schon schwierig, eine Kundgebung zu organisieren. Vieles wird mit dem Terrorismusargument verboten. Am 8. März waren allein in Istanbul um die 100.000 Frauen auf der Straße. Das ist ein starkes Zeichen.

Die Furche: Ist die massive Zuwanderung aus der Türkei und anderen islamischen Staaten für unsere Länder eine Bedrohung?

Selek: Viele Menschen emigrieren nicht freiwillig. Die multinationalen Unternehmen und die Wirtschaftspolitik der Staaten sind wichtige Ursachen. Gefährlich sind diese und nicht die Flüchtlinge. Nicht nur im globalen Süden, auch im Norden zerstören sie bestehende Ordnungen

oder auch politische Systeme. Dahinter stecken Kapitalinteressen. Soziale Rechte werden geschwächt, Feindschaften konstruiert. das nützt den Interessen des Kapitals. Was auf der Oberfläche erscheint, sind diese Konflikte. Man muss aber sehen, was dahinter steckt. In Frankreich hat General Pétain mit den Nazis kollaboriert und das im Namen des französischen Nationalismus verkauft. Das ist ein Merkmal von Rechtsextremisten. Sie lieben nicht das eigene Volk, sie lieben überhaupt kein Volk. Man muss sie in Bezug auf ihre Funktion im Gesellschaftssystem sehen. Wenn sie tatsächlich die soziale Lage in Österreich verbessern wollten, würden sie zu den Gewerkschaften gehen und für eine soziale Politik kämpfen.

Die Furche: Trotzdem: Das konservative islamische Gesellschaftsbild ist unter Migranten stark verbreitet. Ist das keine Bedrohung für unsere aufgeklärten Gesellschaften?

Selek: Was wir als Islam sehen, ist Teil eines internationalen Systems, das nicht unabhängig von den kapitalistischen Netzwerken zu denken ist. Die Gefahr liegt in der Zunahme von neofaschistischen und neoliberalen Kräften. Die Religionen sind allgemein nicht förderlich für die Entwicklung der Gesellschaft. Das sieht man in Polen, wo die Kirche Frauen, die abtreiben, kriminalisiert, oder auch im Iran, wo Frauen ins Gefängnis kommen.

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