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Gibt es noch Atheisten ?

Wenn heute die Frage nach „Atheisten“ gestellt wird, dann ist erstens mitgemeint, es müsse sich um „echte Atheisten“ handeln, und zweitens sei dies eine Spezies Mensch, deren Vorkommen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten zumindest fragwürdig ist. Wie immer wird die Beantwortung der Frage zu einem guten Teil von der Begriffs-bestim- mung und -eingrenzung abhän- gen, die wir dem Sammelnamen „Atheismus“ angedeihen lassen.

Aufgrund der Erscheinungsweise haben wir einen theoretischen und einen praktischen Atheismus zu unterscheiden. Relativ leicht lassen sich innerhalb des theoretischen, also des mehr oder weniger ausdrücklichen „Bekenntnisses“: „Es gibt keinen

Gott“, weitere Differenzierungen anbringen, die diese Form des „Unglaubens“ näher kennzeichnen. Aber solche Merkmale werden umso hinfälliger, je seltener die Ablehnung der Existenz Gottes — sei sie dogmatisch, kategorisch, skeptisch, agnostisch — ausgedrückt wird.

Am ehesten artikuliert sich noch ein „postulatorischer“ Atheismus, etwa in der Form: Soll der Mensch ganz Mensch sein können, dann darf es keinen Gott geben, denn dieser würde den Menschen einschränken. Nicht der „Tod Gottes“ wird — wie bei Nietzsche — „festgestellt“, sondern seine Nicht-Existenz wird um des Menschen willen gefordert, so etwa bei Camus und Sartre. Freilich sollte nicht übersehen werden, daß alle Formen des sogenannten „theoretischen Atheismus“ den Menschen als erkennendes Wesen voraussetzen und fast nur auf diesen abzielen. Gänzlich ausgespart bleibt der Mensch in seinen lebensweltlichen und lebenspraktischen Bezügen.

Die Frage „Gibt es (heute noch) ‘ Atheisten?“ ist daher insofern berechtigt, als die ausdrückliche Ablehnung der Existenz Gottes und der artikulierte Unglaube immer seltener werden, abgesehen von Formen des „politischen“ Atheismus, die sich aber bei genauer Analyse der Argumente meist auf eine Spielart des „postulatori- schen“ Atheismus zurückführen lassen.

Der Frage selbst ist unter der lebenspraktischen Perspektive höchste Aktualität nicht abzusprechen: Dann wird völlig klar, daß der heutige Mensch - das ist keineswegs nur der „Durchschnittsbürger“ — scheinbar mühelos ohne religiöses Bekenntnis auskommt, in einem religiösen Indifferentismus lebt, der das Bedürfnis nach einer Entscheidung für oder gegen Gott nicht einmal aufkommen läßt, weil er auch ohne Gott in einem positiven Daseinsentwurf zu leben versteht.

So selbstverständlich über Jahrhunderte hinweg Gottes Dasein als allgemein verbindlich — nicht nur in Sachen des Glaubens, sondern auch der Moral, der Wissenschaften, des Staates und so weiter — angenommen wurde, so wenig selbstverständlich ist diese allgemeine Annahme heute.

Die ungeheure Verbreitung des praktischen Atheismus über alle Grenzen hinweg wird zwar als Tatsache allmählich zur Kenntnis genommen, über die Ursachen und Folgerungen daraus sind sich auch Theologen weitgehend im unklaren und uneins. Für manche von ihnen reduziert sich das Problem auf „schuldhaftes Verhalten“ dessen, der in einer solchen Form des Unglaubens verharrt.

Ohne eine persönliche Beteiligung des Nichtglaubenden in Abrede stellen zu wollen, dürfte die se „Erklärung“ ebenso zu kurz greifen wie eine „psychologische“ mit der impliziten Behauptung, der Atheismus und jede Form des Unglaubens seien verstehbar als Durchgangsstadium (zumal junger Menschen), als (notwendige) Krise, vielleicht sogar als Gegenabhängigkeit gegen einen allzu betont erlebten Glauben der Tradition — all das aber sei zu überwinden und führe zu einem geläuterten, gestärkten und reifen Glauben der Erwachsenen.

Dieser These scheint das vielzitierte „religiöse Erwachen“ besonders junger Menschen über alle Grenzen hinweg zu entsprechen, womit sich für viele Amtsträger die Hoffnung verbindet, die Talsohle sei in Richtung mehr Kirchlichkeit überwunden.

Diese Hoffnung ist als illusorisch zu bezeichnen, und das gleich aus mehreren gewichtigen Gründen: Die soziologischen Untersuchungen österreichischer und bundesdeutscher Institute ergeben zwar eine Hinwendung zu mehr Religiosität, sofern diese in persönlich-subjektiven Kriterien erfaßbar ist (Gebet, Lesen der Bibel), gleichzeitig aber eine entschiedene Abkehr von „objektiv“ einsehbaren Äußerungen der Kirchlichkeit (wie Besuch der Sonntagsmesse, Mitarbeit in der Gemeinde). Weiters läuft nach diesen Untersuchungen der Trend ziemlich deutlich zu einer diffusen Religiosität, die mit der Institution Kirche auf gar keinen Fall zu tun haben will und eher schon im Randbereich zu Sekten oder überhaupt bei ihnen angesiedelt werden muß.

Dieser Befund und die Ursachen können hier nicht einmal annähernd ausgeführt werden. Aber allein diese Andeutungen dek- ken sich mit einer der bedeutendsten Aussagen des II. Vatikanischen Konzüs, die die theologische Bewertung des Atheismus und den Anteü der Christen an ihm zum Inhalt hat.

Die Pastoralkonstitution über „Die Kirche in der Welt von heute“ weist darauf hin, daß keineswegs nur der Atheist für seinen Unglauben zur Verantwortung zu ziehen ist: „Denn der Atheismus … ist nicht eine ursprüngliche und eigenständige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus verschiedenen Ursachen, zu denen auch die kritische Reaktion gegen die Religionen, und zwar in einigen Ländern vor allem gegen die christliche Religion, zählt.“

Der Anteil der Christen am Emporkommen des Atheismus wird in diesem Textabschnitt im Bemühen um redliche Selbstkritik soweit konkretisiert, daß Christen durch ihr Verhalten im Leben (!) „das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren“ (Nr. 19).

Es muß doch zumindest auf fallen, daß nirgends auf der Welt außer in dem durch fast zwei Jahrtausende vom Christentum geprägten Abendland der Atheismus eine Dimension angenommen hat, die mit Recht als „Weltphänomen“ zu kennzeichnen ist.

Diese Tatsache wird auch nicht abgeschwächt, wenn sich der Atheismus heute eher selten von seiner kämpferischen, auch nicht mehr sosehr von seiner „bekümmerten“ (ein treffendes Wort Karl Rahners) Seite zeigt, sondern vielmehr als Indifferenz, Agnostik, Skepsis — eben in seiner lebenspraktischen Form, für deren erkenntnismäßige, wissenschaftlich-theologische Erfassung uns aber bis heute die Kategorien fehlen.

Diese Defizienz der Erkenntnis berechtigt keineswegs, ihn und seine Ursachen geringzuschätzen, was aber überall dort geschieht, wo die selbstkritische Haltung der Institution Kirche und ihrer Vertreter zugunsten eines neuen Integralismus aufgegeben werden, wo der Glaube als fester, unveränderlicher „Besitz“ mißdeutet und daher „verteidigt“ werden muß — gegen wen eigentlich, wenn die Angriffe von außen, also von pro- noncierten Atheisten fehlen? Die Antwort möchte ich mit der Hypothese eines christlichen Philosophen andeuten: „In jedem Menschen steckt ein Atheist.“

Der Autor ist Assistenz-Professor und Dozent für Philosophie an der Universität Wien und seit Jahren mit Themen des Atheismus und der Säkularisation befaßt.

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