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Streit um des Kaisers Bart?

"Evolutionisten" vs. "Intelligent Designer": Die Debatte erinnert an den "Weihnachtsstreit" im England des 17. Jahrhunderts.

Die Debatte über die Vereinbarkeit von Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie wird nicht zuletzt in den USA intensiv geführt. Dort äußerte sich einmal mehr der Wiener Kardinal Christoph Schönborn: Die Betrachtung der Natur und die Erforschung des Universums deuten auf eine Ordnung, einen Plan, eine Absicht und einen Zweck hin, meinte er bei einem Vortrag in New York und kritisierte, er könne auch US-amerikanische Gerichtsentscheidungen schwer nachvollziehen, wonach an öffentlichen Schulen nichts darüber gesagt werden dürfe, dass die Entwicklung des Universums und des Lebens zielgerichtet und planvoll sei. Nachstehender Beitrag versteht sich als kritischer Einwurf zur jeweiligen Methodik, auf die die Kontrahenten der Debatte zurückgreifen. ofri

Die aktuelle Aufregung um das Intelligent Design ist erstaunlich. Es handelt sich hier doch um eine höchst hypothetische Frage, die eher in einem Oberseminar einer philosophischen Fakultät als in Tageszeitungen zu führen ist. Konkret geht es ja um die Frage, wie nun genau die über einen unvorstellbar großen Zeitraum verlaufene Entstehung der Natur und des Menschen zu deuten ist.

Es ist die Aufgabe des Naturwissenschaftlers, den Versuch zu unternehmen, die Entwicklungsgeschichte des Lebens nachzuvollziehen und sachlich und mit möglichst einleuchtenden Modellen wissenschaftlich zu erklären. Aufgabe des Theologen ist es, den Glauben der Religionsgemeinschaft, der er angehört, zu reflektieren, ihn jeweils zeitgemäß zu formulieren und zu verkündigen.

Allein aufgrund der Andersartigkeit der Ausbildung und der Methoden liegt es nahe, dass der Theologe beim Kampf ums Reagenzglas den Kürzeren zieht.

Streit um Weihnachten

Aber: Warum die Aufregung? Der Historiker ist nun versucht, Vergleiche mit anderen historischen Situationen zu ziehen. Ein ähnlicher Kampf um den sprichwörtlichen Bart des Kaisers hat im 17. Jahrhundert in England stattgefunden. Man findet erbitterte Streitschriften um die Frage, wie das Weihnachtsfest entstanden sei. Die einen versuchen mit allen Künsten der Wissenschaft nachzuweisen, dass der Geburtstag Jesu auf den 25. Dezember fällt, dass also das Weihnachtsfest den tatsächlichen Geburtstag Jesu begehe. "Wahnsinn und Narretei" entgegnen andere und verweisen auf Julfest und Geschenke, auf heidnische Praktiken und Sonnwendfeste. Der Streit ist hitzig und untergriffig, sogar auf die Bevölkerung greift die Auseinandersetzung über, Prügeleien und Aufstände um die Frage, ob das Weihnachtsfest nun gefeiert werden dürfe oder nicht, sind aus der Zeit Cromwells überliefert. Dieser hatte das Weihnachtsfest ab-schaffen lassen; die diesbezüglichen Gesetze wurden allerdings später nach der Wiedereinführung der Monarchie nicht mehr beachtet.

Dieser Streit um die Wurzeln des Weihnachtsfestes beeinflusst bis heute die wissenschaftliche Diskussion, im angelsächsischen Raum wird meist die innerchristliche Berechnung des Geburtstages favorisiert, im kontinentaleuropäischen Raum findet man relativ häufig die Hypothese, dass ein Sonnwendfest das Vorbild des Weihnachtsfestes gewesen sei. Vieles deutet darauf hin, dass beide Seiten unrecht hatten, ein weit verbreitetes römisches Sonnwendfest lässt sich nicht durch die Quellen belegen; die Berechnungen des Geburtstages Jesu sind jedoch ebenfalls absurd. Vieles deutet darauf hin, dass der Sonnwendtermin gewählt wurde, weil dort eben kein paralleles Fest zu finden war. Die tiefen Gräben - und die Fehlinterpretation der beiden Seiten - erklären sich jedoch dadurch, dass in diesem Fall die Vertreter der beiden Meinungen unterschiedlichen politischen Parteien zuzuordnen waren. Hinter der völlig theoretischen und eher aus historischen Gründen interessanten Frage nach der Entstehung des Weihnachtsfestes versteckten sich auf der einen Seite die Anhänger der Monarchie und auf der anderen Seite die Parteigänger Cromwells. Eine politische Frage wird im Gewand der wissenschaftlichen Diskussion ausgetragen.

Deswegen drängt sich dem Historiker der Verdacht auf, ob etwas Ähnliches nicht auch bei dem gegenwärtigen Streit um das Intelligent Design der Fall sein könnte. Vordergründig geht es, so wäre man beinahe versucht zu formulieren, um ein höchstes und ungeschaffenes Wesen in der Ursuppe, um Adam und Eva in der DNA und um eine redende Schlange, die eine Frau verleitet, einen Apfel zu essen. Viel tiefer geht es jedoch um die Frage nach der Stellung von Religion in einer freien Gesellschaft. Religiöser Fundamentalismus hat in den vergangenen Jahren tiefe Wunden geschlagen und Opfer gefordert. Karikaturen religiösen Inhalts sind in der Lage, gewalttätige Proteste hervorzurufen.

Je genauer - und vorurteilsfreier - geforscht werden kann, um so eher kann der Mensch diese Welt verstehen und im gegebenen Fall auch falsche Entwicklungen bereits dann erkennen, wenn das Problem noch leicht zu lösen ist. Das Wissen um die Vorgänge der Evolution kann beispielsweise bei der wirtschaftlichen Ausbeutung der Natur helfen, die Folgen des menschlichen Handelns abzuschätzen.

Streit um die Evolution

Der Versuch, mit naturwissenschaftlichen Mitteln genau verstehen zu wollen, wo in der Evolution des Lebens hin zum Menschen der Finger Gottes zu sehen ist, gleicht nahezu dem Versuch, mit dem Fernglas in der Hand einen Mann mit langem Bart im Himmel sehen zu wollen.

Umgekehrt ist jedoch der Versuch des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins (er ist einer der prominentesten Vertreter des Darwinismus), Religion zum Wahn zu erklären, ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Mit dem Elektronenmikroskop wird man den Sinn von Keilschriftzeichen nicht verstehen können. Dies gilt auch und erst recht für die Gottesfrage.

Wenn nun Richard Dawkins in seinem neuesten und umstrittensten Buch God delusion sich als Historiker versucht, dann staunt man nur noch. Er wirft seinen Gegnern vor, ungenau zu zitieren, sein Umgang mit Geschichte und Theologie ist jedoch genau davon gekennzeichnet. Das jüdisch-christliche Gottesbild unter Bezugnahme vor allem auf den ersten Teil der Bibel polemisch zu verzerren und gar den Gott der Bibel einen "psychotischen Verbrecher" zu nennen (psychotic delinquent), ist einer wissenschaftlichen Debatte nicht würdig. Dawkins behauptet, dass Religion im Rahmen der Evolution entstanden sei, um dem Urzeit-Menschen zu helfen, mit dieser Welt zurecht zu kommen. Eine höchst interessante These. Als Konsequenz behauptet Dawkins dann allerdings, dass Religion vernunftwidrig sei. Wenn Religion ein reiner Fehler der Evolution wäre, wie Dawkins behauptet, dann wäre sie erst gar nicht entstanden, denn schließlich setzt sich ja nach den Regeln der Evolutionsbiologie nur das Nützliche durch. Der Evolutionsbiologe dürfte höchstens sagen, Religion sei nicht mehr zeitgemäß. Der Naturwissenschaftler in ihm müsste anerkennen, dass es sie noch immer gibt.

Am Rande sei bemerkt, dass viele ernst zu nehmende Naturwissenschaftler die Gottesfrage positiv beantworten.

Der Streit liegt also - wie auch im historischen Beispiel - auf ganz anderer Ebene: Es geht um die Frage nach der Relevanz der Religion und um die Stellung von Religion in der postmodernen Gesellschaft. Diese Frage überzeugend zu beantworten und diese Antwort sachgemäß zu kommunizieren ist eine zentrale Aufgabe für Theologie - und für die Religionsgemeinschaften.

Theologen sollten nicht Gott an die Grenzen der Naturwissenschaft setzen - diese verschieben sich. Naturwissenschaftler hingegen sollten nicht biologistische Modelle verabsolutieren. Sonst müssen sie sich den Ideologievorwurf gefallen lassen.

Nur bei der methodischen Konzentration und Beschränkung auf die jeweilige Wissenschaftsrichtung kann auch die Basis für einen befruchtenden Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie gefunden werden, der gerade auch angesichts der brennenden ethischen Fragen der Zeit dringend nötig ist.

Der Autor forscht in der Papyrussammlung der Nationalbibliothek - gefördert vom Wissenschaftsfonds - an der Veröffentlichung von koptischen Papyrusurkunden.

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