Diesseits von Gut und Böse

Paradise Lost

1945 1960 1980 2000 2020

Warum man sich in der hitzigen Klimadebatte von apokalyptischen Narrativen verabschieden sollte: Ein Gastkommentar über Moral, Religion und Klimaschutz diesseits von Gut und Böse.

1945 1960 1980 2000 2020

Warum man sich in der hitzigen Klimadebatte von apokalyptischen Narrativen verabschieden sollte: Ein Gastkommentar über Moral, Religion und Klimaschutz diesseits von Gut und Böse.

Wer wie ich in Wien wohnt, lebt jenseits von Eden. Das liegt nämlich in Oberösterreich. Genauer in Aigen-Schlägl. Zumindest befand sich dort bis vor Kurzem der „Bio.Garten.Eden“, vulgo die oberösterreichische Landesgartenschau. Aber wie schon das biblische Paradies hat inzwischen auch der Garten Eden in Aigen-Schlägl am 13. Oktober seine Pforten geschlossen. Ob auch ein Engel mit flammendem Schwert künftig den Eingang versperrt, ist nicht überliefert. Wir mögen uns das Paradies erträumen oder in Gärten nachzuempfinden versuchen, aber die Erde und ihre Biosphäre, die wir Menschen nach biblischer Überlieferung bebauen und bewahren sollen, sind nicht die unberührte Schöpfung am siebenten Tag. Weder der Mensch noch die Natur befindet sich in einem paradiesischen Urzustand, und es gibt dorthin auch keinen Weg zurück. Das war und ist der Irrtum Jean-Jacques Rousseaus und seiner naturromantischen Nachfolger, die sich bis heute unter Zivilisationskritikern und Naturschützern finden. Zwischen dem Paradies und der heutigen Zivilisation liegt, christlich gesprochen, die Zäsur des Sündenfalls. Der hat sich nicht in grauer Vorzeit zugetragen, sondern findet als Entfremdung des Menschen von Gott, von sich selbst und auch von der Natur beständig statt. Der Sündenfall ist, wie der römische Geschichtsschreiber und Politiker Sallust das Wesen des Mythos charakterisiert hat, etwas, das nie geschah und immer ist.

Vergötterung und Verdammung

Wer jenseits von Eden lebt, existiert zugleich diesseits von Gut und Böse. Das Wissen um beides und ihren Unterschied gehört nach der biblischen Erzählung zu den unmittelbaren Folgen des Sündenfalls. Zu wissen, was gut und böse ist, und zwischen beiden beständig unterscheiden und wählen zu müssen, ist Segen und Fluch zugleich. Moral ist eine Folge der Sünde. Sie versucht, ihre negativen Auswirkungen einzudämmen und den Menschen zu humanisieren, kann aber doch ihrerseits auch schädliche Folgen haben. Die Folge der Sünde ist eben nicht nur das Phänomen des radikal Bösen, sondern auch die Ambivalenz menschlicher Vorstellungen vom Guten, weil auch alle Moral durch die Entfremdung des Menschen von Gott als dem alleinigen Inbegriff des wahrhaft Guten kontaminiert ist.

Wer wie ich in Wien wohnt, lebt jenseits von Eden. Das liegt nämlich in Oberösterreich. Genauer in Aigen-Schlägl. Zumindest befand sich dort bis vor Kurzem der „Bio.Garten.Eden“, vulgo die oberösterreichische Landesgartenschau. Aber wie schon das biblische Paradies hat inzwischen auch der Garten Eden in Aigen-Schlägl am 13. Oktober seine Pforten geschlossen. Ob auch ein Engel mit flammendem Schwert künftig den Eingang versperrt, ist nicht überliefert. Wir mögen uns das Paradies erträumen oder in Gärten nachzuempfinden versuchen, aber die Erde und ihre Biosphäre, die wir Menschen nach biblischer Überlieferung bebauen und bewahren sollen, sind nicht die unberührte Schöpfung am siebenten Tag. Weder der Mensch noch die Natur befindet sich in einem paradiesischen Urzustand, und es gibt dorthin auch keinen Weg zurück. Das war und ist der Irrtum Jean-Jacques Rousseaus und seiner naturromantischen Nachfolger, die sich bis heute unter Zivilisationskritikern und Naturschützern finden. Zwischen dem Paradies und der heutigen Zivilisation liegt, christlich gesprochen, die Zäsur des Sündenfalls. Der hat sich nicht in grauer Vorzeit zugetragen, sondern findet als Entfremdung des Menschen von Gott, von sich selbst und auch von der Natur beständig statt. Der Sündenfall ist, wie der römische Geschichtsschreiber und Politiker Sallust das Wesen des Mythos charakterisiert hat, etwas, das nie geschah und immer ist.

Vergötterung und Verdammung

Wer jenseits von Eden lebt, existiert zugleich diesseits von Gut und Böse. Das Wissen um beides und ihren Unterschied gehört nach der biblischen Erzählung zu den unmittelbaren Folgen des Sündenfalls. Zu wissen, was gut und böse ist, und zwischen beiden beständig unterscheiden und wählen zu müssen, ist Segen und Fluch zugleich. Moral ist eine Folge der Sünde. Sie versucht, ihre negativen Auswirkungen einzudämmen und den Menschen zu humanisieren, kann aber doch ihrerseits auch schädliche Folgen haben. Die Folge der Sünde ist eben nicht nur das Phänomen des radikal Bösen, sondern auch die Ambivalenz menschlicher Vorstellungen vom Guten, weil auch alle Moral durch die Entfremdung des Menschen von Gott als dem alleinigen Inbegriff des wahrhaft Guten kontaminiert ist.

Ulrich H.J. Körtner ist Professor für System. Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Uni Wien.

Ulrich H.J. Körtner ist Professor für System. Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät der Uni Wien.

Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur die Sphäre des Politischen, sondern läuft auf ihre Zerstörung hinaus

Moral und ihre Sprache können selbst zum Instrument egoistischer Interessen von Individuen und Gruppen werden. Im Namen der Moral wird zwischen Guten und Bösen unterschieden, werden Menschen vergöttert oder verdammt, unter Umständen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch physisch vernichtet. Nicht zuletzt auf dem Feld der Politik, die Klimapolitik nicht ausgenommen, entfaltet die Moral ihre polemogenen (konflikterzeugenden) Kräfte, von denen der Soziologe Niklas Luhmann gesprochen hat. Werden abweichende politische Positionen zu moralischen Irrtümern und politische Gegner mit dem Makel des moralischen Defektes behaftet, gerät die Politik in ein Freund-Feind-Denken, für das es keine Kompromisse geben kann.

Die Hüter der Moral rufen den Ausnahmezustand aus, mit dem sich die Aushebelung rechtsstaatlicher und demokratischer Verfahren rechtfertigen lässt. Dabei gehört es doch zum Wesen des Politischen, im Bedingten und nicht im Unbedingten zu existieren, wie der Schriftsteller Franz Blei 1932 notiert hat. Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur die Sphäre des Politischen, sondern läuft im Ergebnis auf ihre Zerstörung hinaus. Am Beispiel des Klimaschutzes lässt sich das gut studieren. Hier die „Klimaschützer“ mit Tendenz zur politischen Radikalisierung, dort die „Klimaleugner“, welche Erstere als „Klimahysteriker“ abwerten. Auf der Gegenseite plakatierten die Grünen im Wahlkampf: „Wen würde das Klima wählen?“ Natürlich niemanden. Ist es unmoralisch, die Grünen nicht zu wählen? Die Natur mit ihren Evolutions-Gesetzen kennt kein Gut und Böse. Sie ist keine moralische Instanz. Ambivalent wie Moral ist auch jede Form von Religion, das Christentum eingeschlossen. Auch Religion trägt die Signatur sündiger Entfremdung an sich. Sie kann die Ambivalenzen der Moral noch verstärken, wenn deren Forderungen mit dem Willen Gottes begründet werden. Oder sie fungiert als Durchlauferhitzer moralischer Forderungen, die mit apokalyptischem Pathos vorgetragen werden.

Biblischer Gott als religiöses Add-on

Man kann das Ausmaß des Klimawandels und seine von Menschen zu verantwortenden Faktoren durchaus für eine ernst zu nehmende Gefahr halten, ohne deshalb unbesehen apokalyptische Narrative zu bemühen, wie dies bereits in den 1970er und 1980er Jahren geschehen ist. Schon damals stellte der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung zutreffend fest: „Die Bedrohung unserer Lebenswelt ist eine Sache, eine andere die Angst vor dem Weltuntergang, und noch eine andere die Art und Weise, in der sich die Angst äußert, in der man über sie redet und sie zu bewältigen sucht.“ Es ist durchaus zu begrüßen, dass sich auch die Kirchen dem Klimaschutz verschrieben haben.

Der biblische Schöpfungsglaube ist aber nicht mit einem Weltrettungsprogramm zu verwechseln, das allein auf den Schultern der Menschen ruht. Der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn gerät zunehmend aus dem Blick. Auch in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung wirkt der biblische Gott oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, als religiöses Addon, auf das man notfalls verzichten kann. Der Einsatz für konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die hochgesteckten Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr Energiehunger werden die sich hoffentlich einstellenden Klimaschutz-Erfolge wieder aufzehren. Wer das Wohl künftiger Generationen im Blick hat, muss sich auch dieser Realität stellen. Es bleibt eine Gratwanderung, einerseits zu versuchen, den Klimawandel einzubremsen, und andererseits Maßnahmen zu ergreifen, wie wir mit ihm einigermaßen zurechtkommen können.