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Spiel mit gezinkten Karten

Es ist wirklich beängstigend, mit welcher Konsequenz weltweit die Legalisierung der Euthanasie propagiert wird. Auch in Holland hat sich das Parlament ja schon mit diesem Thema beschäftigt: „Regeln für sorgfältiges medizinisches Verhalten eines Arztes, der sich bei nachdrücklichem und emsthaftem Wunsch eines Patienten auf höhere Gewalt bei Lebensbeendigung beruft", lautete der schein--, bar harmlose Titel des holländischen Gesetzesentwurfes. Daß es zu keinem Gesetzesbeschluß kam, verdankte man damals der Auflösung der Volksvertretung (FURCHE 50/1988).

Auch das Europa-Parlament hat sich in dieser Frage schon zu Wort gemeldet: Ende April 1991 empfahl sein Unterausschuß für Umwelt, öffentliche Gesundheit und Konsumentenschutz Tötung auf Verlangen zu legalisieren. Auch da befleißigte man sich einer „sanften" Terminologie (FURCHE 21/1991): Hilfe, Erleichterung, Respekt vor dem Leben... waren einige derüblichen beruhigenden Schlagworte.

In der Schweiz wiederum ist eine Initiative mit Namen „Exit" tätig. Sie wirbt in großen Inseraten in den Medien. In einem von diesen meldete sich etwa ein gewisser Hans-Walter Buff - sein akademischer Grad (Dr. Sc. Math.) soll ihm wohl Autorität verleihen - zu Wort: „Fassen Sie diesen Beitritt als Solidaritätskundgebung auf: je älter ich werde, desto mehr ärgert mich die Anmaßung von Kirche, Staat, Ärzten und falschen Moralisten, was den Tod anbelangt. Mit herzlichen Grüßen..." Und dazu ergänzt, JZxit": „Sorgen auch Sie rechtzeitig vor!" (NZZ vom 11./12. 11. 1990)

In Deutschland ist die „Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben" am Werk. Sie veröffentlichte erst kürzlich Umfrage-Ergebnisse, die belegen sollen, wie groß die Zahl der Euthanasie-Befürworter ist; Im nunmehr vereinten Deutschland sei beinahe eine Zwei-Drittel-Mehrheit für die aktive Sterbehilfe, wurde behauptet. Aber man hatte auch schon mit höheren Zahlen argumentiert.

Wie dem auch sei: Die Strategie erinnert fatal an die Abtreibungskampagne. Auch sie wurde weltweit auf uns losgelassen. Auch sie ließ sich von keinem - noch so treffenden -Gegenargument einschüchtern. Auch sie arbeitete von Anfang an mit eindrucksvollen - aber falschen - Zahlen. Einer der Initiatoren der Pro-Abtreibungs-Kampagne in den USA, Bernhard Nathanson, derspäter in das Lager der entschiedenen Abtreibungsgegner übergewechselt ist, hat das klar bestätigt: Man habe einfach mit frei erfundenen Zahlen argumentiert.

Und noch etwas ist typisch für die Vorgangsweise: Das wahre Schicksal der unmittelbar Betroffenen wird hinter einem Vorhang schöner Worte verborgen. Der Film „Der stumme Schrei" läßt erkennen, welche Tragö-

die sich bei der Tötung eines ungeborenen Kindes im Mutterleib abspielt.

Und eine Untersuchung an der Universität Erlangen hat gezeigt, daß die persönlich unmittelbar mit der Frage des Sterbens konfrontierten Menschen ganz anders denken, als ihnen von Euthanasie-Befürwortern unterstellt wird. Da zeigt sich nämlich, daß,

□ je näher der Tod kommt, um so mehr auch die Angst vor dem Sterben weicht (am Anfang hatten von den befragten Personen noch 48 Prozent Angst, in der Nähe des Todes aber nur noch zwei Prozent);

□ und daß mit zunehmender Nähe des Todes der Glaube an ein Fortleben nach dem Tod wächst. Dieser steigt von 37 auf 84 Prozent.

Es ist eben etwas ganz anderes, ob man die unmittelbar Betroffenen fragt, oder ob man ideologisch geprägte Modelle über ihr Verhalten entwirft.

Aus der Abtreibungsdebatte sollten wir also für die bevorstehende Auseinandersetzung um die aktive Sterbehilfe lernen. Eine derersten Lektionen sollte sein: Man nenne die Dinge beim Namen. Es geht bei der Euthanasie nicht um einen schönen oder würdigen Tod, nicht um liebevolle Hilfe beim Sterben, sondern schlicht und einfach um Mord. Und wer die Situation genauer kennzeichnen will, der kann von Mord an schwerkranken und schwer leidenden Menschen sprechen.

Und noch etwas: Es ist jetzt vielleicht gerade noch möglich, den

Lebensschutz von Kranken und Leidenden ausdrücklich in den Verfassungsrang zu erheben - bevor noch die Propagandalawine in dieser Frage über uns hinweggegangen ist und die Geister verwirrt hat.

Ist es nicht absurd, daß in einer Zeit, in der die Bekämpfung von Schmerz enorme Fortschritte gemacht hat die Ermordung von Patienten als Großtat dargestellt wird? Und: Ist es nicht verrückt, daß heute, da endlich wieder das Bewußtsein wächst, daß Leidende und Sterbende vor allem menschliche Zuwendung brauchen, der Ruf nach einer technischen „Endlösung" immer lauter wird.

Worum es wirklich geht, wurde vorige Woche bei einer Pressekonferenz der, .Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand" in Wien deutlich ausgesprochen: Ärzte müssen endlich aufhören, das Sterben als Niederlage zu bewerten; wir alle müssen begreifen, daß der Mensch in vertrauter Umgebung, also zu Hause und begleitet von vertrauten Menschen sterben will - und uns dementsprechend einrichten; wir alle müssen lernen, den Tod als (wichtigen) Teil des Lebens zu erkennen.

Die oben erwähnte Untersuchung macht es ja deutlich: Sehr viele öffnen sich erst im Angesicht des Todes für das ewige Leben. Diese Chance darf wirklich niemandem genommen werden.

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