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Helfen beim Sterben?

Diesseits von Gut und Böse

"Sterbehilfe": Keiner ist eine Insel

1945 1960 1980 2000 2020

Wie das Coronavirus lehrt, was der Schutz vulnerabler Personen bedeutet. Und warum Autonomie in der „Sterbehilfe“ nur die halbe Wahrheit ist. Ein Gastkommentar von Susanne Kummer.

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Wie das Coronavirus lehrt, was der Schutz vulnerabler Personen bedeutet. Und warum Autonomie in der „Sterbehilfe“ nur die halbe Wahrheit ist. Ein Gastkommentar von Susanne Kummer.

Deutschland hat mit dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 das Tor für eine „geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid“ geöffnet (die FURCHE berichtete). Begründet wurde dies damit, dass es ein Grundrecht auf einen selbstgewählten Tod unter Mithilfe durch andere gebe. Die eigene Todesart zu wählen, sei ein „Akt autonomer Selbstbestimmung“ – im Prinzip für Gesunde genauso wie für Kranke, so die deutschen Richter. Die Folgen für Deutschland sind noch nicht absehbar. Der Schweizer Sterbehilfe-Verein „Dignitas“ kündigte jedenfalls bereits an, seine „Dienste“ für zahlende Mitglieder ab sofort auch in Deutschland anbieten zu wollen.

Befürworter der Beihilfe zur Selbsttötung und Tötung auf Verlangen argumentieren mit Autonomie und Selbstbestimmung, die beide zweifellos sehr hohe Güter darstellen. Keiner will sich von anderen vorschreiben lassen, wie er zu leben hat. Interessant ist allerdings auch, was wir gerade in der Corona-Krise erleben. Sie zeigt uns, worauf es im Ernstfall ankommt – und warum die Konzepte von menschlicher Autonomie und Selbstbestimmung in einen größeren Rahmen gestellt werden müssen: in jenen von Verletzlichkeit, Schutz und Solidarität, gerade dann, wenn es um Krankheit und Sterben geht. Denn Autonomie und Selbstbestimmung sind nur die halbe Wahrheit.

Die andere Hälfte ist weniger schön. Menschen, die sich mit Tötungsgedanken befassen, leben nicht auf einer seligen Insel der Autonomie. Im Gegenteil: Wer schwer krank, einsam oder gebrechlich ist, befindet sich in einer höchst verletzlichen Phase seines Lebens. Die Angst oder auch die Tatsache, anderen zur Last zu fallen, kann Betroffene in eine Sackgasse tiefer Isolation und Hoffnungslosigkeit treiben.

Einsparen durch „Euthanasie“

Kranke, schwache oder vulnerable Menschen fühlen sich in unserer dominierenden Leistungsgesellschaft ohnehin schon häufig als „Last“ für die anderen. Der Gedanke, dass sie das alles ihrer Umgebung jederzeit ersparen könnten, wird zur Option, die sie wählen können. In Kanada gibt es bereits Berechnungen, wieviel Geld man durch „Euthanasie“, wie sie dort unverblümt genannt wird, einsparen kann. Pflegebedürftige geraten damit unter einen Rechtfertigungsdruck – aber auch ein Gesundheitssystem, das sich Pflege und Hospiz noch leistet. Aus dem Recht auf den begleiteten Suizid wird so eine Pflicht zum sozialverträglichen Frühableben. Hier sind Machtstrukturen wirksam, die es klar zu benennen gilt.