Sterbehilfe, Euthanasie, assistierter Suizid - © FOTO: APA/dpa/Patrick Seeger

Assistierter Suizid: Der gefährliche Notausgang

1945 1960 1980 2000 2020

Gehört das Recht auf Suizid zur Würde am Lebensende? Über Fritz J. Raddatz und die Empfehlungen der parlamentarischen Enquete-Kommission.

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Gehört das Recht auf Suizid zur Würde am Lebensende? Über Fritz J. Raddatz und die Empfehlungen der parlamentarischen Enquete-Kommission.

Dass ihm das gelungen ist am Ende, dieser Abgang, selbstbestimmt und würdevoll, das ist, bei all der Traurigkeit, die die Nachricht seines Todes auslöst, schön und beinahe tröstend." Mit diesen Worten begann Volker Weidermann vergangenen Donnerstag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen Nachruf auf Fritz J. Raddatz. Der legendäre Literaturkritiker und Feuilleton-Chef der Zeit war 83-jährig nach Zürich gereist, um sich dort mit Hilfe des Vereins "Dignitas" das Leben zu nehmen. Bereits 2013 hatte Raddatz in einem Beitrag für Die Welt betont, dass für ihn das Recht auf assistierten Suizid zur Menschenwürde gehöre: "Ich verbitte mir, dass irgendjemand mir [ ] diese letzte Würde nimmt."

"Mein Ende gehört mir"

Auch andere deutsche Prominente haben ihr geplantes "selbstbestimmtes Sterben" öffentlich gemacht. Udo Reiter, Ex-Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, erschoss sich vergangenen Oktober, während in Berlin gerade Plakate mit ihm und dem Slogan "Mein Ende gehört mir" affichiert wurden. Und der katholische Theologe Hans Küng erklärte, "Sterbehilfe" in Anspruch zu nehmen, wenn seine Parkinson-Erkrankung ihn verändern sollte: "Gerade weil ich an ein ewiges Leben glaube, darf ich, wenn es an der Zeit ist, in eigener Verantwortung über Zeitpunkt und Art meines Sterbens entscheiden", meinte er im Gespräch mit Anne Will, das im Buch "Glücklich sterben?" erschien.

Bekenntnisse wie diese sind nicht nur Stimmungsbarometer dafür, wie groß die Angst vor der eigenen Hinfälligkeit geworden ist - und wie Selbsttötung immer mehr vom Akt der Verzweiflung zum Akt der Befreiung verklärt wird. Sie wirken auch "auf die moralische Infrastruktur der ganzen Gesellschaft" zurück, schreibt Heinrich Bedford-Strohm, Sozialethiker und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, in seinem soeben erschienenen Buch "Leben dürfen - leben müssen". Menschen, die anderen "durch ihr Weiterleben vieles zumuten" müssten, könnten so "zur Rechtfertigung dieses Weiterlebens gezwungen sein".

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