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"Grobe Unschärfen und arge Unterstellungen"

1945 1960 1980 2000 2020

Keinen leichten Start hatte der praktische Arzt Otto Pjeta als neuer Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Imfolgenden Gespräch nimmt der Landarzt aus Oberösterreich Stellung zur aktuellen Debatte über die Situation der Spitäler.

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Keinen leichten Start hatte der praktische Arzt Otto Pjeta als neuer Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Imfolgenden Gespräch nimmt der Landarzt aus Oberösterreich Stellung zur aktuellen Debatte über die Situation der Spitäler.

dieFurche: Ihr Start als Chef der Ärztekammer war wohl nicht leicht, da in den letzten Wochen Ärzte immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind. Im Landeskrankenhaus (LKH) Freistadt spricht die Untersuchungskommission von mindestens drei Fällen, bei denen Behandlungsfehler angenommen werden. Es wurden darüber hinaus etliche falsche Diagnosen gestellt, und auch sonst spart die Kommission nicht mit Kritik. Ist das LKH Freistadt die Spitze eines Eisberges?

Otto Pjeta: Das Gesundheitssystem hat bis vor wenigen Wochen meist Schlagzeilen in Sachen Qualität geboten. Die Frage, ob drei Behandlungszwischenfälle unser Gesundheitssystem erschüttern, kann ich im Augenblick nicht sagen. Das zu beantworten, ist die Aufgabe der Kommission, und es ist sicherlich vernünftig, die Ergebnisse abzuwarten. Jeder einzelne Zwischenfall ist zu viel. Aber die Tatsache, daß drei, fünf oder zehn Fälle innerhalb der letzten sechs, sieben Jahre Schlagzeilen gemacht haben, hat auf der anderen Seite mit den Eigentümlichkeiten unseres Berufes zu tun. Nichts ist 100prozentig.

dieFurche: Freistadt ist aber offensichtlich kein Einzelfall. Auch gegen das AKH Linz wurden Vorwürfe erhoben. Im LKH Feldbach (Graz) erstattete der Vater eines bei der Geburt verstorbenen Babys Anzeige. Nach Freistadt ist einiges ins Rollen gekommen. Deshalb nochmals die Frage, ist das die Spitze eines Eisberges?

Pjeta: Ich gehe davon aus, daß es keinen Eisberg geben kann, das ist völlig unmöglich. Selbstverständlich kann es in jedem Krankenhaus, bei jeder Krankenbehandlung Komplikationen geben. Es ist keine Frage, daß auch Behandlungsfehler vorkommen. Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um. Was können wir tun, damit wir solche Fälle weitgehend vermeiden und wie verhalten wir uns den Betroffenen und Patienten gegenüber. Aber es gibt keinen Eisberg. Man darf die Proportionen nicht aus den Augen verlieren. Wie oft wird in Österreich operiert und behandelt und wie oft kommt es dabei zu dem einen oder anderen Zwischenfall? Behandlungsfehler sind sehr, sehr selten.

dieFurche: Sie haben bereits bei einer Pressekonferenz gesagt, daß es in Österreich rund zwei Millionen Spitalsaufenthalte gibt, aber nur bei einem kleinen Bruchteil gebe es Beanstandungen. Ist es aber nicht oft so, daß der Patient - meist medizinischer Laie - gar nicht beurteilen kann, ob bei seiner Behandlung etwas schief gelaufen ist oder etwas vertuscht wurde?

Pjeta: Von uns Ärzten wird es unterstützt, daß sich der Patient beim diagnostischen Ablauf zu Wort meldet. Wir müssen erfahren, welche Symptome und Beschwerden der Patient hat. Natürlich fühlt sich der Patient manchmal vom Arzt abhängig. Wenn ein Patient meint, daß er mit dem Arzt nicht reden kann, dann hat er zumindest die Möglichkeit, sich außergerichtlich an einen Patientenanwalt oder an eine Schiedsstelle der Ärztekammer zu wenden.

dieFurche: Die Zwischenfälle im LKH Freistadt sind nicht durch die Patienten oder deren Angehörige aufgedeckt worden, sondern sind durch die Feindschaft zweier Ärzte ans Tageslicht gekommen. Wobei, in Österreich sonst eher unüblich, der eine Arzt den anderen angeschwärzt hat. Vermutlich wären diese Fälle sonst nicht bekannt geworden ...

Pjeta: Die Behauptung, ob etwas nur ans Tageslicht kommt, wenn sich zwei Ärzte streiten, muß ich völlig in Abrede stellen. In einem Krankenhaus kann man auf Grund der Dokumentationsmechanismen und der zahlreichen Beteiligten nicht einfach etwas unter den Teppich kehren. Wenn so etwas passiert, dann gehört das natürlich abgestellt, aber das ist keinesfalls alltäglich. Mich haben die Schlagzeilen, die es noch vor ein paar Tagen in fast allen Medien geben hat, sehr stark gestört. Es gab hier ganz grobe Unschärfen und arge Unterstellungen. Ich glaube, daß hier absichtlich etwas hochgespielt wurde.

dieFurche: Ärzte machen ebenfalls Fehler, dafür bringt jeder Verständnis auf. Um so unverständlicher ist es aber, daß Mediziner nicht selten 80, 100 und sogar 120 Stunden pro Woche arbeiten. Es gibt bei vielen Berufen Beschränkungen der Dienstzeit, etwa bei LKW-Fahrern. Wieso ist es gerade für einen Arzt möglich, dermaßen viele Überstunden anzuhäufen. Darunter muß zweifellos die Konzentration leiden.

Pjeta: Eigentlich ist es ungesetzlich, wenn es zu derartigen Stundenansammlungen kommt. Ich möchte jedoch betonen, daß das für Freistadt nicht zutrifft, da gerade in Oberösterreich das Arbeitszeitgesetz umgesetzt wurde. Generell ist es aber völlig richtig, daß das Zustände sind, die eigentlich schon längst nicht mehr existieren dürften. Wir haben nur folgendes Problem: Wenn man in einem Krankenhaus, in einer Ambulanz oder in einer selbständigen Praxis arbeitet, kann man als Arzt nicht zu jedem Zeitpunkt Urlaub machen. Beispielsweise gab es in einem bestimmten Krankenhaus nur zwei Anästhesisten. Sie mußten 365 Tage im Jahr abdecken, bis es einem Anästhesisten zuviel geworden ist. Er forderte, daß, wenn der Kollege auf Urlaub ist, zumindest ein Arzt aus einem anderen Krankenhaus aushelfen sollte. Das ist passiert. Die Alternative dazu wäre, daß ein Arzt die Arbeit niederlegt.

dieFurche: Wäre es nicht eine Alternative, mehr Jungärzte anzustellen? Es wird immer von einer Ärzteschwemme gesprochen. Nach Ihren eigenen Angaben werden jährlich rund 1.000 junge Ärzte fertig, die kaum Chancen haben, ihren erlernten Beruf auszuüben.

Pjeta: Wir sind nicht diejenigen, die Jungärzte anstellen, wir sind auch nicht diejenigen, die bestimmen, wieviele Ärzte in einer Abteilung arbeiten sollen. Man könnte selbstverständlich die vorhandene Arbeit um der Qualität willen aufteilen. Aber es gibt natürlich auch andere Wünsche, die bei den Finanziers des Gesundheitssystems deponiert werden. Die Begeisterung für die moderne Medizin ist groß. Wir haben einen immer größeren Ambulanzumfang, es werden durch kürzere Aufenthaltszeiten mehr Patienten in den Spitälern behandelt. Das gesamte zusätzliche Arbeitsaufkommen wird mit dem Personal gemacht, das eben vom Kostenträger zur Verfügung gestellt wird. Die Spitzenmedizin mit ihren großartigen Errungenschaften muß finanziert werden. Für den Personalbereich bleibt, da er am dehnbarsten ist, am wenigsten Geld übrig. Ärztliche Zuwendung ist schwer meßbar. Der Zeitaufwand für Qualität wird stiefmütterlich behandelt.

dieFurche: Aber ist es nicht auch so, daß Ärzte auch freiwillig Überstunden machen, um mehr Geld zu verdienen.

Pjeta: Natürlich, das ist eine moderne Form der Ausnützung. Viele Ärzte müssen darauf achten, ihre Praxen wirtschaftlich zu führen. Wenn jemand in ein Überstundenzeitsystem hineingedrängt wird, ist das schlimm.

dieFurche: Was sind Ihre wichtigsten Anliegen als neuer Präsident der Ärztekammer?

Pjeta: Mein wichtigstes Anliegen ist, die Medizin und Sparmaßnahmen soweit zu entkoppeln, daß wir wieder unbefangen denken können. Wenn während einer Behandlung ständig Rechenüberlegungen im Hintergrund stehen, verliere ich zumindest einen Teil meiner Aufmerksamkeit dem Patienten gegenüber. So werden etwa heute "Smilies" gepickt, wenn ein Arzt auf seiner Station besonders sparsam war. Der sogenannte Gesundheitsökonom hat eine überdimensionale Bedeutung bekommen und ist eigentlich nichts anders als ein Rechner innerhalb einer Abteilung. Besonders mißtrauisch werde ich, wenn der selbsternannte Gesundheitsökonom irgendwelche Dinge in den Behandlungsablauf einbringt, ohne es als Patient oder Arzt selbst erlebt zu haben. Zweitens wird es für den niedergelassenen Bereich unbedingt notwendig sein, die Betreuung zu Hause zu intensivieren. Immer mehr Menschen sind pflegebedürftig. Der Patient muß dann entweder in eine Pflegestation oder in ein Krankenhaus. Wenn man das verhindern kann, indem man neue Möglichkeiten für niedergelassene Ärzte schafft, ist das eine Entlastung des derzeitigen Gesundheitssystems und natürlich auch eine Erleichterung für den Patienten, der dann nicht im Rollwagerl in eine Station geschoben wird, wo er nicht einmal sein eigenes Zimmer hat.

dieFurche: Sie sind eigentlich Landarzt. Gefällt Ihnen der neue Job?

Pjeta: Es ist für mich sicher eine interessante Bereicherung, trotz der derzeitigen Widrigkeiten. Jeder der das Glück hat, etwas zu gestalten, ist in einer wesentlich besseren Situation. Ich führe aber nach wie vor meine Praxis in Oberösterreich. Ich will als Präsident der Ärztekammer nicht vom beruflichen Alltag abgehoben sein. Das ist manchmal beschwerlich, das gebe ich zu. Auf der anderen Seite habe ich keine Freizeitprobleme mehr ...

Das Gespräch führte Monika Kunit.

ZUR PERSON Landarzt und Chef der Ärzte Otto Pjeta wurde im Juni zum neuen Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) gewählt. Er folgte damit dem im März unerwartet verstorbenen, langjährigen ÖÄK-Präsidenten Michael Neumann. Pjeta ist nun der oberste Vertreter der rund 33.500 Ärzte in Österreich. Führungspositionen in der Ärztekammer sind dem 50jährigen Allgemeinmediziner aus Steinkirchen in Oberösterreich jedoch nicht fremd. Bereits seit 1988 war Pjeta Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich, vier Jahre lang auch Vizepräsident der bundesweiten Standesvertretung. Der Landarzt versteht sich als "Anwalt für die Ärzte und die Bevölkerung zur Sicherung einer qualitätsorientierten, bedürfnisgerechten und zeitgemäßen Versorgung". Die Ziele des neuen Kammerchefs sind unter anderem die Bewahrung des Ärztestandes als freier Beruf und die Entbürokratisierung und Verbesserung der leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung.

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