Erste Hilfe für Spitalsärzte

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Marathon-Dienste in der Nacht und am Wochenende, schlechtes Betriebsklima, wenig Zeit für Patienten: Eine Spitals-Reform ist dringend nötig. Die verkürzte Arbeitszeit ist ein erster Schritt in diese Richtung - und wird nur aufgrund einer drohenden Klage der EU angepackt.

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Marathon-Dienste in der Nacht und am Wochenende, schlechtes Betriebsklima, wenig Zeit für Patienten: Eine Spitals-Reform ist dringend nötig. Die verkürzte Arbeitszeit ist ein erster Schritt in diese Richtung - und wird nur aufgrund einer drohenden Klage der EU angepackt.

Meine Zeit als Turnusarzt im Spital war wie eine Gefängnisgefangenschaft", sagt Norbert Wissgott. Nur solange er unbedingt musste, arbeitete er an den Spitälern in Tulln und Zwettl. Inzwischen hat er sich in seiner Ordination im Waldviertel auf Psychosomatik spezialisiert. Der junge Arzt, der mit hohen Idealen und viel Engagement seine Turnus-Ausbildung begann, war bald in einem Gewissenskonflikt gefangen: "Wie kann ich als rangniedriger Turnusarzt in diesem menschenverachtenden System überleben und trotzdem empathisch gegenüber den Patienten bleiben?"

Oft leistete Wissgott an die 70 Wochenstunden im Spital (siehe Kasten). Wegen des Schlafmangels war er sich an manchen Tagen nicht mehr sicher, wie er in der Nacht zuvor behandelt hatte, wenn er plötzlich geweckt wurde. Bis zu neun Nachtdienste monatlich absolvierte er damals -manchmal durchgehend von Samstag früh bis Montag früh. Vor allem die Stimmung der allgemeinen Überforderung und die zwischenmenschlichen Spannungen belasteten den Nachwuchs-Mediziner. Warnzeichen eines Burn-outs bemerkte Wissgott immer dann bei sich, wenn er den Leuten im Spital nicht mehr in die Augen schauen konnte.

Unattraktive Bedingungen - fehlende Ärzte

Überlange Nachtdienste führen laut einer Studie der Uni Innsbruck zu psychischem und physischem Dauerstress, erhöhter Reizbarkeit und Erschöpfung, verminderter Konzentration und verlängerten Reaktionszeiten. "Wir müssen die Bedingungen in den Spitälern an die Lebenssituation und an die Bedürfnisse der Spitalsärzteschaft anpassen", fordert Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte. So sollen die Ärzte zwischen verschiedenen Arbeitszeit-Modellen wählen können. Rund zwei Drittel aller Turnusärzte sind bereits Frauen. "Wir können von den Kolleginnen nicht erwarten, dass sie sich zwischen Karriere und Familie entscheiden, sondern müssen Modelle schaffen, die ihnen beides ermöglichen - auch den Männern", erklärt Mayer. Die Baustellen an den Spitälern sind mannigfaltig: Überlaufene Ambulanzen, enorme Arbeitsbelastung, Turnus-Ausbildung und mangelnde Work-Life-Balance.

Indessen wird der heimische Ärztemangel immer dringlicher: Jedes Jahr fehlen 300 Mediziner für die Facharzt-Ausbildung. Vor wenigen Jahren mussten angehende Turnusärzte in Wien noch bis zu drei Jahre auf einen Platz warten - inzwischen warten die Spitäler auf die Turnusärzte. Deswegen würden mittlerweile viele Routinearbeiten von den Assistenzärzten erledigt werden, worunter wiederum die Facharzt-Ausbildung leide, berichtet Wissgott. Die gleichen Aufgaben müssen mit immer weniger Ressourcen erledigt werden - so steigt der Druck, die Motivation sinkt. Insgesamt hat sich die Anzahl der jährlich bereit stehenden Medizin-Absolventen von 2000 auf 1000 bis 1500 reduziert. Immer mehr Jungärzte wandern in die Schweiz, nach Deutschland oder Skandinavien ab, wo Bezahlung und Arbeitsbedingungen attraktiver sind.

Die Wurzel allen Übels ist das im EU-Vergleich niedrige Grundgehalt österreichischer Ärzte in Spitälern. Ohne Marathondienste in der Nacht und am Wochenende kommen Spitalsärzte in Ausbildung auf durchschnittlich 1800 Euro netto. Mit mehreren Diensten können sie dieses Gehalt locker verdoppeln - und leisten deshalb oft durchgehende Dienste von 32 Stunden, an den Wochenenden bis zu 49 Stunden.

Nicht nur die langen Arbeitszeiten, auch die ausgeprägten Hierarchien und die Fremdbestimmtheit machten Wissgott zu schaffen: "Im Spital schaut jeder, wo er bleibt, zeigt wenig Solidarität und genießt später klarerweise seine Privilegien, unangenehme Aufgaben nach unten delegieren zu können." Die Art der Fehler-Rückmeldung erlebte Wissgott nicht als konstruktiv: "Es gab immer nur negative Kritik, aber kaum Anerkennung. Wenn man ständig eines auf den Deckel kriegt, wird man noch unsicherer und fehleranfälliger." Um Konflikte zu vermeiden, würden Turnusärzte vieles tun, das rechtlich nicht in Ordnung ist. "Es ging vielmehr um die Erledigung der Routine als um eine gute Patienten-Kommunikation. Dafür gab es keine Anerkennung."

Der medizinische Nachwuchs habe es doppelt schwer, meint Rudolf Karazman, Arbeitsmediziner, Psychiater und wissenschaftlicher Leiter von IBG (Innovatives betriebliches Gesundheitsmanagement): "Die Jungen haben einerseits Qualifikationsstress, weil sie es noch nicht so gut können, und andererseits Integrationsstress: Gehöre ich dazu oder nicht? Wenn man dann junge Leute, die Fehler machen, im Kreis schickt, hat das schlimme Folgen." Bei den älteren Ärzten sei das Problem eher eine Kombination aus psychobiologischer Überforderung und geistiger Unterforderung. "Wenn die ewig gleichen Arbeiten immer mühseliger werden, wird man widerwillig." Viele verlassen im fortgeschrittenen Alter sukzessive das Spital, weil sie die anstrengenden Nachtdienste nicht mehr aushalten.

Für ein besseres Miteinander im Spital wäre es laut Karazman wichtig, dass die Ärzte bei ihren Leisten bleiben und Pflegepersonal sowie Physiotherapeuten ihre Arbeit machen lassen: "Nur weil jemand ein guter Facharzt ist, ist er oder sie noch lange nicht als Führungskraft geeignet." Das Pflegepersonal sei in seiner Führungskompetenz oft weiter als die Ärzteschaft.

Geld statt Leben

"Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter so behandeln würden wie die Mediziner Pflegepersonal und Turnusärzte behandeln, wäre die Privatwirtschaft kaputt", ist der Arbeitsmediziner überzeugt. Laut einer seiner Studien treten Magen-und Darmbeschwerden in Spitalsabteilungen, wo Anerkennung gelebt wird, sechs Mal seltener auf als in konfliktbelasteten Abteilungen. "Gäbe es in Spitälern nicht so viele unnötige Streitereien, Intrigen, Eitelkeiten, würden 60 Prozent der Arbeitsleistung ausreichen."

Ein Schlüsselerlebnis für Jungmediziner Wissgott war eine Operation, während der ihm bewusst wurde, dass es ihm eigentlich völlig egal ist, wie es dem Patienten ergeht, solange er nur seine Ruhe vor dem strafenden Oberarzt hat. Da wusste er: So kann und will er nicht weiter arbeiten. Kein Einzelfall: Ganze 54 Prozent der heimischen Mediziner befinden sich in den unterschiedlichen Phasen des Burn-outs, wie eine Online-Umfrage der Ärztekammer zeigt. "Im Zuge eines Burn-outs verlieren die Leute Selbstachtung und Kompetenz, werden böse und zynisch - ein weit verbreitetes Phänomen in Spitälern", sagt Karazman. An der Überarbeitung wären die Ärzte auch vielfach selbst schuld: "Der Begehr nach langen, gut bezahlten Diensten ist unendlich. Bei der Frage 'Geld oder Leben' entscheiden sich einige fürs Geld, was zu einem weit verbreiteten Substanzmissbrauch führt."

Die Arbeitszeiten müsste man abhängig machen von der Anzahl der Patienten und der Qualität der Anforderungen: "Es macht einen großen Unterschied für den eigenen Energiehaushalt, ob man vier oder acht Stunden operieren muss, ob man ständig auf Visite ist oder ruhig im Arbeitszimmer arbeitet", weiß Karazman.

Viele Ärzte hätten kein Verständnis für ihre eigene Gesundheit: "Das liegt auch an ihrer Selbstüberschätzung, ihrer Geldorientierung und ihrem Statuswahnsinn. All das geht auf Kosten der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Leber." Wie also das kranke Spitalssystem heilen? "Man müsste die Kooperation im Spital fördern, die Arbeitsbewältigung und Sinnfindung sichern und eine bessere Fehlerkultur entwickeln", meint Karazman. Die Generationen- und Geschlechterunterschiede sollten positiv genutzt werden. Letztlich heile noch immer der Mensch, die Beziehung, das Ritual.

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