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Kafkas Herr K. und das Gesundheitswesen

"Kein Patient sieht Qualitätsindikatoren seines Arztes oder Krankenhauses. Ein öffentliches Ranking der Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen existiert nicht."

Josef K. sucht seinen Hausarzt auf, weil er Rückenschmerzen hat und sich nach einer Physiotherapie erkundigen möchte. Auf eine Stunde im Wartezimmer folgt ein Fünf-Minuten-Gespräch, in dem er die Überweisung zum Orthopäden ausgehändigt bekommt.

Herr K. bemüht sich umgehend um einen Termin, beim vierten Anruf meldet sich schließlich eine hörbar genervte Sprechstundenhilfe. Herr K. ersucht um einen baldigen Termin, die Schmerzen sind stark und beeinträchtigen seinen ganzen Tagesablauf. "Sind Sie zusatzversichert?", will die Dame am Telefon wissen. K. verneint, vier Wochen wird er auf seinen Besuch beim Facharzt warten müssen. Dann schickt ihn der Orthopäde zum Radiologen, der Radiologe zum Orthopäden, der Orthopäde überweist schließlich zu einem physiotherapeutischen Institut. Leider stellt sich dort schließlich heraus, dass nur Kinder behandelt werden -und Herr K. wird wieder weggeschickt.

Nach weiteren Rückfragen bei Orthopäden und Krankenkasse bekommt Herr K. schließlich eine Liste mit Physiotherapeuten ausgehändigt, die er durchtelefoniert. Der erste freie Termin für Herrn K. ist in sieben Wochen. Herr K. geht schließlich zu einem privaten Physiotherapeuten, den er sich aus eigener Tasche bezahlt, um früher dran zu kommen.

Drei schmerzhafte Monate dauert es vom ersten Arztbesuch bis zum Behandlungsbeginn. Auf diesem langen Weg navigiert sich der Patient selbst durch das Gesundheitssystem. Er tätigt unzählige Anrufe, füllt Formulare aus, gibt zigmal seine Versicherungsnummer an und tut vor allem eines: Warten.

Bei den Kosten an der Spitze

Was auf den ersten Blick wie der perfekte Stoff für einen Roman von Kafka aussieht, ist die Realität für viele Patienten im Gesundheitswesen. Herrn K.s Besuche kosten Geld, seine Ärzte verdienen, obwohl sich sein Gesundheitszustand nicht ändert. Und er zahlt: wenn schon nicht bar, dann doch mit Verdienstausfall oder weniger Zeit für wirklich wichtige Dinge im Leben durch unzählige Stunden in Wartezimmern. Und das ist nicht nur ein Einzelfall: Österreichs Gesundheitssystem gehört zur europäischen Spitze bei der Anzahl von Ärzten, Betten und -Ausgaben. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung dagegen ist eher durchschnittlich.

Verständlich, dass Gesundheitsexperten hier seit Jahrzehnten die mangelnde Kosten-Nutzen-Relation beklagen und Reformen einmahnen. Doch es geht nicht nur um Effizienz, sondern auch um Qualität. Patientenzentrierung, Empowerment, shared decision making sind großteils nur Lehrbuchbegriffe ohne praktische Relevanz. Kein Patient hat jemals Qualitätsindikatoren seines Arztes, des Krankenhauses oder seines Therapeuten gesehen. Ein öffentliches Ranking der Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen existiert nicht. Es muss sich jeder auf sein Bauchgefühl, Hörensagen und Anekdoten verlassen bei der Entscheidung, zu wem er geht. Das hat Konsequenzen, denn Gesundheitsleistung ist nicht gleich Gesundheitsleistung. Analysen aus Deutschland zeigen große Qualitätsunterschiede der dortigen Spitäler auf.

Doch ein wirkungsvoller Qualitätswettbewerb braucht Transparenz. Davon ist im Bürokratie-Dschungel des Gesundheitssystems keine Rede. Undurchsichtige Finanzierungsströme und strikte Trennung von ambulanten und stationären Angeboten. Nebelschwaden liegen auch über der Zwei-Klassen-Medizin und darüber, welche Leistungen man wofür wirklich erhält. Rechtliche Rahmenbedingungen engen Spielräume immer weiter ein, von "Absicherungsmedizin" ist zunehmend die Rede. Ziel ist nicht der Behandlungserfolg, sondern nicht verklagt zu werden. In Deutschland haben sich die Versicherungsprämien für Hebammen in den letzten Jahren verfünffacht. Die Folge: immer weniger wollen diesen Beruf ausüben.

Medizin lebt in der Interaktion zwischen Behandler und Patient, nicht alles kann hier mit Kennzahlen und Statistiken dargestellt werden. Experten legen uns nahe, wie effizient das britische Gesundheitssystem sei. Versicherungsmathematische Formeln entscheiden, ob es sich für einen 78-Jährigen noch auszahlt, eine neue Hüfte zu bekommen. Bei den Betroffenen kommt kaum Begeisterung auf: Patienten berichten von alten Menschen, die wochenlang am Gang liegen, von Versorgungsengpässen und einem Mangel an Fachärzten. Als mustergültig gilt unter Gesundheitsökonomen auch die umfassende dänische Gesundheitsreform der letzten Jahrzehnte. Und wieder erzählen Betroffene, dass sie nun lieber den Weg in die grenznahen deutschen Spitäler nehmen, wenn sie ins Krankenhaus müssen. Effizienz und Menschlichkeit sind leider allzu oft nicht deckungsgleich.

Mit dem Einzug der Ökonomie in das Gesundheitswesen war das Versprechen nach mehr Qualität, flacheren Hierarchien und mehr Patientenzentrierung verbunden. Heute haben wir vor allem eines: mehr Bürokratie. So gehen Schätzungen davon aus, dass in Deutschland rund ein Viertel der Kosten des Gesundheitswesens durch die Bürokratie entsteht. Der Anteil der administrativen Arbeit eines Krankenhausarztes liegt bei 40 Prozent. Und bürokratische Systeme entwickeln auch sonst allerlei Merkwürdigkeiten. Ohne Kundenbezug werden bürokratische Strukturen und Abläufe zum Selbstzweck. "Misstrauenskultur" und "Silodenken" sind weitere Schlagwörter, die Organisationssoziologen in diesem Zusammenhang gerne gebrauchen. Die Gesundheit des Patienten wird schließlich zu einem Ziel unter vielen. In seiner Ohnmacht kann er auf wenige Fürsprecher hoffen. Die mächtigen Interessensvertretungen sprechen gerne über den Patienten, doch sprechen sie auch für ihn? Ein antiquiertes System von Verbänden widersetzt sich dem Veränderungsdruck einer dynamischen Welt der Digitalisierung.

Gesundheitsbildung von klein auf

Flexible, themen- und anlassbezogene Interessens-Netzwerke wären eine angemessene Antwort auf die Bedürfnisse mündiger und informierter Bürger einer modernen Vertragsgesellschaft. Mündigkeit entsteht durch Gesundheitsbildung, am besten schon ab der Grundschule. Nur so wird es langfristig möglich sein, das Lehrbuch-Bild vom selbstbestimmten Patienten zu verwirklichen. Dafür braucht es auch selbstund verantwortungsbewusste Gesundheitsberufe, die wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit haben und sich aus der Fremdbestimmung durch Ökonomen und Bürokraten lösen können.

Und warum nicht einen Paradigmenwechsel bei den Steuerungsund Finanzierungssystemen wagen? Die Zusammenlegung von Versicherungsinstituten ist sicherlich ein Anfang, aber wie wäre es, Gesundheitsberufe und Organisationen nach ihren tatsächlichen Erfolgen zu bezahlen? Nicht noch eine CT oder noch eine Laboruntersuchung werden abgerechnet, sondern einzig, ob es dem Patienten besser geht oder nicht. So profitieren jene Behandler am meisten, die am erfolgreichsten sind, und nicht jene, die die meisten Diagnostik-und Therapiemethoden anwenden.

Krankheit und Tod gehören zu den Urängsten der Menschen - umso wichtiger ist es hier, sich nicht von bürokratischen und ökonomischen Überlegungen vom eigentlichen Ziel ablenken zu lassen: der Gesundheit des Menschen. Herr K. wäre dafür dankbar.

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